09.09.2019 16:12 |

Messe-Report

krone.at auf der IFA: Baustelle der Innovationen

Es riecht nach Tischlerei. Kreissägen jaulen, Akkuschrauber sind zu hören. Nicht das Ambiente, das man beim Besuch der weltgrößten Messe für Unterhaltungselektronik erwarten würde, doch am Fachbesuchertag ist die Internationale Funkausstellung (IFA) in Berlin noch Baustelle. Bis tief in die Nacht arbeitet ein Heer von Monteuren an den Ständen in mehr als 20 Messehallen, die tags darauf für die Besucher geöffnet werden. Inmitten des geschäftigen Treibens: die Neuheiten, welche die Elektronikindustrie in den kommenden Monaten und Jahren unters Volk bringen will.

Vorbei an Lkw-Kolonnen, die bis zur letzten Minute Ausstellungsstücke und Standkomponenten anliefern, schreiten wir in die Messehalle von LG Electronics - und werden von einer Installation in Empfang genommen, mit der die Koreaner ihre Dominanz in Sachen OLED-Fernseher zur Schau stellen.

Eine haushohe Videowand aus in allen möglichen Formen gekrümmten Bildschirmen zeigt, untermalt von Geplätscher und Vogelgezwitscher, Naturszenen, und säumt den Weg zum Stand, an dem aufrollbare Fernseher und OLED-TVs mit 8K-Auflösung - 7680 mal 4320 Bildpunkte - stehen.

OLED-Fernseher sind eine von zwei konkurrierenden TV-Technologien auf der IFA und heuer neben bereits erschwinglichen klassischen Geräten auch als superteure ausrollbare und bei Panasonic sogar als transparente Variante zu sehen. Die vor allem von LG gepushte Technologie mit selbstleuchtenden organischen Leuchtdioden schafft starke Kontraste und leuchtende Farben, kann zudem auf flexible Trägermaterialien aufgebracht und in alle möglichen Formen gebracht werden.

8K- und Micro-LED-TVs bei Samsung
Die Konkurrenz in Form von LED-Fernsehern hat in den vergangenen Jahren bei der Bildqualität mächtig aufgeholt, war bei 8K federführend und dominiert etwa den Stand von Samsung. Dass es noch auf Jahre kaum Inhalte in 8K geben wird, hält die Koreaner nicht davon ab, eine ganze Phalanx von 8K-Fernsehern auf der IFA auszustellen, gleichzeitig unter dem Arbeitstitel „The Wall“ aber auch die Werbetrommel für den OLED-Herausforderer Micro-LED zu rühren. Der basiert statt auf organischen auf winzigen anorganischen Leuchtdioden, kann modular bis zur Wunschgröße vergrößert werden und verspricht ebenfalls tolle Kontraste und Farben - wenn er einmal marktreif ist.

Smartphones zum Falten und mit 5G
Ebenfalls am Samsung-Stand: das nach mehreren Verschiebungen überarbeitete erste Falt-Smartphone der Koreaner, das im September in ersten Ländern auf den Markt kommt und um die 2000 Euro kostet. Erschwinglicher und schon mit 5G-Funk ausgestattet: Samsungs Galaxy A90 5G, gewissermaßen der Mittelklasse-Botschafter der nächsten Mobilfunkgeneration.

Bei Samsung hofft man, vor allem mit dem günstigeren A90 die 5G-Verbreitung voranzutreiben, was angesichts der noch lange nicht fertig ausgebauten Netze in Europa allerdings zum Henne-Ei-Problem werden könnte. Denn solange das Netz nicht da ist, kann sich der Kunde auch problemlos in Geduld üben - und zwar nicht nur beim Smartphone, sondern auch bei den ersten 5G-Routern, die Hersteller wie AVM auf der Messe zeigen.

Aber auch für die bestehenden Netze gibt es Neuheiten - zum Beispiel bei Sony, Lenovo oder LG. Letztgenannte zeigen auf der IFA ihr G8x, ein Smartphone mit Snapdragon-855-Chip von Qualcomm und Hülle mit Zweit-Display. Gewissermaßen ein Falt-Smartphone ohne flexibles Display, bei dem der Zweitbildschirm je nach Bedarf beispielsweise den Game-Controller mimt - oder eben abgenommen wird, wenn er nicht gebraucht wird.

Nebenan, bei Sony, bedient man eine Nische und schickt mit dem Xperia 5 ein für heutige Verhältnisse kompaktes High-End-Smartphone ins Rennen, das auch kleinere Hände problemlos greifen können. Wieder eine Halle weiter, bei Lenovo, zeigt Zukauf Motorola, dass Dreifach-Kameras und Fingerscanner im Display keine Domäne der 1000-Euro-Geräte mehr sind, und packt diese Oberklasse-Features kurzerhand ins 430-Euro-Gerät Motorola One Zoom.

Extrem ausdauernde „Athena“-Notebooks
Bei Lenovo - mittlerweile schreiten wir flankiert von Menschenmassen am ersten Publikumstag durch die Hallen, die Tischlereikulisse ist lauter Musik und den Rufen des „Anheizers“ auf der Bühne gewichen - werden nebst neuer Smartphones auch die neuesten PC-Trends präsentiert. Ein zentraler ist heuer Intels „Project Athena“-Initiative, unter deren Schirmherrschaft eine neue Notebook-Generation in den Startlöchern scharrt. Sie soll sich durch lange Akkulaufzeit, scharfe Displays und reichlich Power dank zehnter Core-i-Prozessorgeneration und pfeilschnellem Optane-Speicher auszeichnen und immer mit dem Internet verbunden sein.

Zu den ersten Inkarnationen der „Athena“-Notebooks zählen etwa Lenovos Yoga S940 und S740, äußerst flache Alu-Notebooks mit fast randlosem Display und laut Hersteller 15 bis 16 Stunden Akkulaufzeit in der 14-Zoll-Variante mit Full-HD-Auflösung. Ähnliche Geräte stellen auf der IFA auch die Rivalen Acer, Asus, Dell und HP aus.

Neben ausdauernden Geräten für die mobile Arbeit sind Hochleistungsrechner ein großes Thema auf der IFA - und zwar mobile und stationäre. Das sieht man beim Besuch am Asus-Stand: Hier gibt es Gaming-Notebooks mit 300-Hertz-Displays auf der einen, und „ProArt“-Profigeräte mit Workstation-Hardware für den mobilen Videoschnitt und Ausstattung bis hinauf zum Core i9 und Nvidias potenter Quadro-RTX-5000-Grafiklösung auf der anderen Seite.

Dazwischen Kuriositäten wie das 3000 Euro teure Zenbook Pro Duo mit Zweitdisplay oberhalb der Tastatur oder - beim Rivalen Acer am Nachbarstand - den Gaming-Thron Acer Predator Thronos Air mit Dreifach-Monitoraufhängung und Massagesitz.

Der Fokus auf Leistungshungrige ist dabei kein Zufall: In einer Zeit, in der für immer mehr Menschen das Smartphone der wichtigste Computer ist, sind Gamer und Kreative mit großem Leistungshunger eine ebenso dankbare wie zahlungskräftige Zielgruppe für PC-Hersteller.

Trend zu mehr Privatsphäre beim smarten Lautsprecher
Dass manch ein IFA-Trend nicht in dem Maße Fahrt aufnimmt, wie die Industrie sich das erhofft, zeigt sich heuer im Audiosegment. Dominierten in den vergangenen Jahren Geräte mit Sprachsteuerung via Amazon Alexa oder Google Assistant die Stände der Audioindustrie, trägt man nun vermehrt dem Wunsch nach Privatsphäre Rechnung.

Bei der zur IFA 2019 wiederbelebten Marke Braun Audio wurde man bei unserem Besuch nicht müde, den physischen Schalter zu betonen, der die für die Sprachsteuerung eingebauten Mikrofone abschaltet. Bei Sonos - der Multi-Room-Audiospezialist hatte auf der IFA seinen ersten Bluetooth-Speaker im Gepäck - hat man den kleinen Sonos One als Version ohne Mikrofon neu aufgelegt, um nach den jüngsten Enthüllungen über Menschen, die Sprachbefehle abtippen, auf Privatsphäre bedachte User anzusprechen.

Auch Kuriositäten dürfen nicht fehlen
Wir schreiten weiter durch die Messe, entdecken auch das eine oder andere Kuriosum. LG hat einen Kleiderschrank mit integriertem Dampfreiniger und smartem Spiegel mit Info-Display am Start, Asus ein Gaming-Smartphone mit optionaler Aktivkühlung.

Bei Samsung thronen in Pastelltönen gehaltene Fernseher mit Blumenvase im Rahmen namens „The Serif“ am Stand, Sony hat eine mp3-Neuauflage des Walkman mit sich am Display drehender Musikkassettensimulation mitgebracht. Haustier-Tracker, Headsets mit Ohrenvermessung und persönlicher Klanganpassung, ein neues Senioren-Smartphone aus dem Hause Emporia - auf den kleineren Messeständen gedeiht im Schatten der großen Aussteller eine Vielzahl von Nischenprodukten. Letztlich reicht die Zeit nicht, alle zu besichtigen.

Am Ende einer jeden IFA stellt sich die Frage, welche Neuheiten es auf den Massenmarkt schaffen und welche nicht. 5G-Router und 5G-Smartphones warten auf die Netze. 8K-Fernseher - auch bei Sony und anderen Herstellern ein Thema - gibt es schon, die Inhalte dafür noch nicht. Falt-Smartphones werden wohl noch Jahre brauchen, bis sie technisch ausgereift und für eine breite Nutzermasse erschwinglich sind. Vieles auf der IFA ist also Zukunftsmusik, das passt aber auch zum Motto der Messe. Sie hat den Slogan: „Offizieller Partner der Zukunft. Seit 1924.“

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger
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