08.07.2019 14:38 |

Wo Autos noch duften

Goodwood Festival of Speed: Fest der Auto-Sinne

Bereits seit 26 Jahren können Autofans auf dem Goodwood Festival of Speed im südwestenglischen Westhampnett rare, skurrile und teure Autos antreffen. Der eigentliche Mittelpunkt der Veranstaltung, der sogenannte „Hill Climb“, also das Bergrennen des Herrenhauses Goodwood, macht inzwischen lediglich einen Bruchteil der Veranstaltung aus.

Nicht einmal eintausend Einwohner zählt das kleine Dorf, etwa 125 Kilometer südwestlich von der Metropole London entfernt - aber jeden Sommer strömen Zigtausende von Besuchern in die Gemeinde. Etwa 150.000 Autoenthusiasten tummeln sich dann auf dem Festival of Speed, einem der verrücktesten Autoevents weltweit, das Charles Henry Gordon-Lennox, auch bekannt als Lord March oder Duke of Richmond, im Jahr 1993 gegründet hat.

Schon bei der Anreise weht den Besuchern abgasduftgeschwängerte Luft entgegen, und das, was kundige Augen erblicken, geht unter die Haut. Es ist für so ziemlich alle Automobilgeschmäcker etwas dabei. Hochgezüchtete 600-PS-Supersportler aus dem Hause Ferrari oder Lamborghini bilden wechselnd mal eine V8- oder V12-Klangkulisse, während die Riley-Limousine aus den Sechzigern für die olfaktorische Bereicherung verantwortlich zeichnet. Der profane Automobil-Individualist mit knapp bemessenem Budget greift zum Golf IV mit exotischem V5-Motor und trägt seinen ausgefallenen Maschinenbau-Geschmack qua Modellschriftzug zur Schau.

Mehr Geduld als Autos
Zum Goodwood House reisen bedeutet, immer auch ein bisschen Geduld mitzubringen. Die Staus vor den riesengroßen Rasen- bzw. je nach Witterung auch Matsch-Parkplätzen - werden für den Autofan immerhin durch das gebotene Vierädrige versüßt, ganz nach dem Motto „der Weg ist bereits ein bisschen Ziel“.

Angekommen auf dem Festival-Gelände wird der Strauß an Wahrnehmungen bunter. Es ist ein Jahrmarkt der automobilen Welt. Hersteller sämtlicher Couleur preisen ihre Produkte an wie auf einer Automesse. Doch damit kann der Auto-Liebhaber natürlich umgehen. Da steht an der Seite des Ford-Zeltes ganz zwanglos ein neuer GT - hochlimitierter und eine halbe Million Euro schwerer Supersportwagen, den man in freier Wildbahn allenfalls in Las Vegas vor einem Luxushotel antreffen würde. Und zwei Reihen weiter kämpft eine Ente alias Citroën 2CV um Aufmerksamkeit.

Alfa Romeo ist mit viel Prominenz angereist - Marken-Designer Scott Krugger und Formel-1-Rennfahrer Antonio Giovinazzi tummeln sich auf dem Stand, wo das kompakte Hybrid-Concept Tonale, das der Vorbote für Alfas nächste Neuerscheinung im kommenden Jahr sein soll, und der extrovertiert lackierte Stelvio Quadrifoglio Racing Edition um die Wette strahlen.

Doch auch jenseits der Hersteller gibt es noch viel Automobiles zu entdecken: So darf man ohne Berührungsängste hinein in die Fahrerlager mitsamt den historischen Rennsportwagen plus Fahrern. Da stehen Preziosen wie diverse Bugatti aus den Dreißigern oder Ferrari aus den Fünfzigern von beachtlichem Wert ebenso wie Autos aus den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts, die ihrerseits an der berühmten Targa Florio teilgenommen haben.

Namhafte Auktionshäuser bemühen sich, seltene fahrbare Untersätze an den Mann oder die Frau mit dicker Brieftasche zu bringen. Und wenn man sich Schätzchen wie Bristol 400 Zagato oder Bugatti Type 57S Atlantic eben nicht leisten kann, so darf man die Fahrzeuge wenigstens ausgiebig inspizieren, wenn auch nur mit den Augen.

Die Wiederauferstehung von De Tomaso
Die eigentlich längst verflossene Automarke De Tomaso nutzt die Bühne des Festival of Speed, um just zu ihrem 60-jährigen Jubiläum den Mittelmotor-V12-Sportler P72 zu präsentieren. Man darf gespannt sein, ob die im Verhältnis zur Exklusivität fast wohlfeil eingepreisten 72 Exemplare zu je einer Dreiviertelmillion Euro tatsächlich gebaut werden.

Beim Schlendern entlang der Rennstrecke geben historische und moderne Racer verschiedener Art bis hin zum originalen Alfa-Romeo-Formel-1-Boliden alles, das menschliche Gehör auf eine betörende Art und Weise einer Belastbarkeitsprobe zu unterziehen. Selbst der vollelektrische Rennwagen Volkswagen ID.R bleibt nicht lautlos, wenn er in seinem Element ist. Volkswagen hat die Reise nach Südengland unternommen, um zu zeigen, dass man auch elektrisch Rekorde beim Bergrennen aufstellen kann und beweist das mit der schnellsten je dort gezeiteten Fahrt. Porsche führt den neuen Taycan vor sowie die nächste Generation freidrehender Sauger in Rennderivaten des 911.

Nach einem langen Erlebnis mit ungezählten Schritten auf dem Gelände des Festivals eignet sich das Riesenrad perfekt, um den ereignisreichen Tag ausklingen zu lassen und einen abschließenden Blick über das gesamte Areal zu erhaschen. Und wenn man am Samstagnachmittag nicht zu spät aufbricht, schafft man es sogar staufrei Richtung Heimat. Umzingelt von raren, skurrilen und teuren Autos bleibt man auf den ersten Kilometern des Rückwegs ebenso.

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