Sa, 20. Oktober 2018

Epidemie in Österreich

26.04.2018 10:27

Online-Glücksspiel: Immer mehr krankhaft Süchtige

Die Spielsuchthilfe hat 2017 trotz Automatenverbots in Wien doppelt so viele Hilfesuchende wie im Vorjahr registriert. Die Website der Einrichtung wurde von fast 107.000 Personen besucht. Die Chefs sind ob des starken Anstiegs überrascht, geht aus dem Bericht zum 35-Jahr-Jubiläum hervor. Grund für den Zuwachs ist vor allem Online-Zocken.

„Seit Jahren beobachten wir die kontinuierlich wachsende Bedeutung des Internet als Glücksspielort bzw. Ort des Wettens bei den bei uns Hilfesuchenden“, schreiben die Vorstände der unter anderem von den Casinos Austria und Novomatic finanzierten Spielsuchthilfe, der Psychiater Peter Berger und die Psychologin und Psychotherapeutin Izabela Horodecki, im Vorwort ihres Berichts.

Sieben von zehn Süchtigen zocken im Web
2017 nannten bereits an die 70 Prozent der Klienten das Web mit seinen Gambling-Versuchungen als Ort ihres „problematischen Glücksspiels“. 2002 hatte dies noch keiner der Hilfesuchenden angegeben, 2012 dann schon 25 Prozent.

Berger und Horodecki vermuten, dass die Nutzer der zunehmenden Online-Glücksspiel- und Wettangebote erst mit mehrjähriger Verspätung „mit entsprechendem Hilfesuchverhalten bezüglich ihrer Glücksspielsucht reagieren“. Generell suchten sich Spielsüchtige erst nach mehreren Jahren Hilfe.

2017 waren wie in den Vorjahren mehr als 90 Prozent der von der Spielsuchthilfe betreuten Personen „krankhaft spielend“. Knapp 40 Prozent waren „schwer spielsüchtig“.

Die meisten Spielsüchtigen sind verschuldet
84 Prozent der im Vorjahr betreuten Spieler hatten Schulden, im Schnitt standen Klienten der Spielsuchthilfe mit 57.840 Euro in der Kreide - bei Banken und Privatpersonen sowie in Form von Zahlungsrückständen. Ein Ausreißer von neun Millionen Euro wurde nicht eingerechnet.

Das durchschnittliche monatliche Nettoeinkommen der Hilfesuchenden lag bei 1519 Euro. Vier von 100 Personen waren zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme in Privatkonkurs, zwölf Prozent wurden gepfändet.

Automatenverbot in Wien hilft nicht
Das seit Anfang 2015 gültige Automatenverbot in Wien schlug sich in den Zahlen der Spielsuchthilfe nicht nieder. Dem Bericht zufolge nahm der Anteil der Klienten mit der Diagnose pathologisches Spielen (nach dem anerkannten US-Klassifikationssystem DSM) seit 2011 zu und überschritt 2013 die 90-Prozent-Marke. Der Anteil der schwer pathologischen Spieler - das sind Personen, die mindestens neun von zehn Diagnosekriterien erfüllen - lag von 2012 bis 2017 bei jeweils über 32 Prozent. Seit dem Wiener Automatenverbot gab es keinen Rückgang, sondern eine leichte Steigerung. Bei vielen Glücksspielabhängigen werden zusätzlich andere psychiatrische Erkrankungen diagnostiziert.

Internetglücksspiel an erster Stelle
Während die Betroffenen bis vor Kurzem am häufigsten Automaten als Problemspielart dargestellt hatten, lag 2017 erstmals das Internetglücksspiel an erster Stelle (67 Prozent). Automaten wurden von 55 Prozent als problembehaftet erlebt, gefolgt von Wetten (44 Prozent), Casinoautomaten (32), Roulette (22), Karten (18), Rubbel-Brieflosen (neun), Lotto (acht), Börsenspekulationen (fünf) und Toto (zwei Prozent).

„Verfügbarkeit von Suchtmitteln erzeugt Sucht“
Michael Dressel, der Sucht- und Drogenkoordinator der Stadt Wien, lobt im Vorwort des Berichts das Automatenverbot der Bundeshauptstadt, „weil wir aus der Suchtforschung wissen, dass die Verfügbarkeit von Suchtmitteln bzw. Spielmöglichkeiten ein wesentlicher Faktor in der Entstehung von Sucht ist“. Die Wiener Sucht- und Drogenkoordination fördert seit 2011 einen Teil der Beratungs- und Behandlungskosten der Spielsuchthilfe.

Profitieren Online-Anbieter vom Automatenverbot?
Ganz anderer Meinung ist Helmut Kafka vom Automatenverband: Das Automatenverbot habe puncto Spieler- und Jugendschutz nichts bewirkt. Stattdessen hätten ausländische Online-Anbieter das Geschäft übernommen. Im Netz gebe es überhaupt keine Restriktionen, sogar Kinder und Jugendliche könnten dort spielen, so Kafka mit Verweis auf sogenannte Lootboxen - virtuelle Schatzkisten in Computerspielen, die man auch für Geld kaufen kann.

Firmen sollen „vermehrt Verantwortung übernehmen“
Suchtkoordinator Dressel indes fordert, dass Glücksspielanbieter gesetzlich dazu verpflichtet werden, „vermehrt Verantwortung für die Auswirkungen ihrer Tätigkeit zu übernehmen“. Die derzeit meist freiwillig geleisteten Beiträge seien im Vergleich zu den Gewinnen, „die die Spielindustrie erwirtschaftet, verschwindend gering und machen Einrichtungen wie die Spielsuchthilfe vom Wohlwollen der Glücksspielanbieter abhängig“, wie er schreibt.

In der jüngeren Vergangenheit hätten es „veränderte Eigentumsverhältnisse bei den Glücksspielanbietern und eine damit einhergehende Marktkonzentration sowie intensives Lobbying spürbar schwieriger gemacht, den Spielerschutz bundesweit zu verbessern“, beklagt Dressel.

Der niederösterreichische Automatenplatzhirsch Novomatic ist seit Kurzem Teileigentümer des teilstaatlichen Casinos-Austria-Konzerns, der wiederum ein Monopol auf das Casinospielen, Lotto sowie das Internet-Glücksspiel hat. Online gibt es daneben aber einen riesigen „grauen Markt“.

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