Aus Hoffnungslosigkeit

Trend: Junge Chinesen wollen in die 2000er zurück

Ausland
05.07.2026 17:15
Porträt von krone.at
Von krone.at

Für viele junge Menschen in China sieht die Zukunft derzeit alles andere als rosig aus. Die Jobchancen sind schlecht, viele leiden unter psychischen Problemen. Aus der Hoffnungslosigkeit hat sich ein neuer Trend entwickelt: Junge Menschen stellen Szenen aus den 2000er-Jahren nach und träumen sich in „bessere Zeiten“ zurück.

„Chinese Dreamcore“ heißt der Trend, bei dem sich junge Chinesen in alte Zeiten zurückwünschen. Online posten sie teils KI-generierte Bilder von alten Hochhäusern und der Jugendkultur aus den 2000ern.

„Typisches Leben“ in den 2000er-Jahren
In Videos und Fotostrecken erinnert sich die Gen-Z in China an traditionelle dunkle Wohnzimmermöbel aus Holz und alte chinesische Kindergärten. Oft beginnen die Videos mit der Vorstellung, man sei ein Kind und wache im Haus der Eltern auf. Dann führen die Videos durch einen „typischen Tag“ in den 2000er-Jahren.

Zurück in die Kindheit
„Du wachst vom Klang der Stimme deiner Mutter auf. Es ist ein ganz normales Wochenende im Jahr 2008“, beginnt eines der Videos. „Ihr frühstückt, dann nimmt sie dich mit zum Friseur. Danach geht ihr zum Mittagessen zu KFC, deinem Lieblingsrestaurant.“

„Digitales Schmerzmittel“ für junge Chinesen
Unter dem Hashtag #Chinese Dreamcore verstehen Chinesen mehr als reine Nostalgie, wie die „New York Times“ berichtete. Ein chinesischer Influencer bezeichnete den Trend sogar als eine Art „digitales Schmerzmittel“, das auf junge Menschen ausgerichtet ist. Die Videos sollen an eine Zeit erinnern, in der das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte und in der sich chinesische Städte mit ihren futuristischen Gebäuden gegenseitig übertrumpfen wollten.

Psychische Probleme in China auf dem Vormarsch
Influencer vermuten als Grund für den Trend zudem die romantische Vorstellung aus den frühen Nullerjahren, in denen man glaubte, durch das Internet würde eine neue Art von Gemeinschaft entstehen. Einsamkeit und psychische Probleme sind in China auf dem Vormarsch. Gründe dafür sind unter anderem wachsender Druck in der Schule und im Arbeitsleben. Die WHO schätzt, dass in China 54 Millionen Menschen an Depressionen und etwa 41 Millionen an Angststörungen leiden.

Wie ernst es um die psychische Gesundheit heranwachsender Generationen in China steht, zeigt etwa eine „Notfall-App“, die ihren Usern jeden Tag die Nachricht „Si le me?“ schickt. Das bedeutet so viel wie „Bist du tot?“ Was makaber klingt, kann im Ernstfall Leben retten – denn immer mehr junge Menschen leben in China allein. Antwortet der User auf die Frage nicht, werden automatisch die hinterlegten Notfallkontakte alarmiert.

Ausweglosigkeit als Inspiration
Mit den körnigen, niedrig aufgelösten Fotos und Videos von Gebäuden und Landschaften aus den frühen 2000er-Jahren flüchten sich die jungen Menschen in Nostalgie. „Weil sie nichts an ihrer derzeitigen Situation ändern können“, schätzt ein Professor an der Southeast University in Nanjing.

Künstler greifen Trend auf
Mittlerweile hat sich der Begriff „Chinese Dreamcore“ immer weiterentwickelt. Die Ästhetik findet sich in Videospielen, Büchern und Werbekampagnen. Auch Künstler greifen den Look vermehrt, etwa in Ausstellungen, auf.

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