11.12.2017 06:00 |

Flugangst

Hilfe, wir stürzen ab!

Für Johanna wurde jede Reise im Flugzeug zum Albtraum - sie hatte Panikattacken, weil sie ständig befürchtete, abzustürzen. Dank Psychotherapie und "Notfallset" kann sie jetzt sogar wieder längere Strecken fliegen.

In ihrer Zeit als Sprachstudentin war Johanna (heute 39) viel auf Langstreckenflügen unterwegs. Aber erst nach dem 30. Lebensjahr traten Probleme auf: Selbst ein kurzer Städteflug wurde für sie plötzlich zum Albtraum. Schon beim Betreten des Flugzeuges kämpfte sie mit Übelkeit, Kopfweh, Bauchkrämpfen, Atemnot und Schweißausbrüchen. Johanna war von Flugangst betroffen. Die Aviophobie, wie der griechische Fachausdruck heißt, ist häufig: Jeder vierte Mensch leidet daran. In Fernreisezeiten - wie etwa jetzt in der kalten Jahreszeit - eine schwere Belastung.

Wovor fürchten sich die Betroffenen am meisten?
Antwort: Vor einem möglichen Absturz, der Höhe und dem Gefühl des hilflos Ausgeliefert-Seins. Oft liegt zusätzlich Klaustrophobie (Raumangst) vor. Leider sind Menschen mit Aviophobie für logische Argumente nicht erreichbar. Sonst würde sie die Statistik beruhigen: Die Gefahr zu verunglücken ist für Radfahrer weitaus höher als im Flugverkehr.

Johanna hatte sich früher voller Abenteuerlust jeder exotischen Fluglinie bedenkenlos anvertraut. Dann grübelte sie auf einmal über alle möglichen Schreckensszenarien nach. Vielleicht am Rande eine Reaktion auf ihre neue Rolle als Führungsperson - es fiel ihr nun schwer, die Kontrolle abzugeben, sie konnte nicht mehr blindlings vertrauen. Also auch nicht der Maschine und dem Piloten. In der Therapie ging es nicht darum, die Flugangst zu beseitigen. Vielmehr lernte Johanna, sich ihrer Angst zu stellen, sie zuzulassen.

In ihrem "Kopfkino" wiederholten sich Szenen von einem Absturz, Terrorakten, dem Ausfall von Triebwerken und sonstigen technischen Gebrechen. Diese nicht einschätzbar in Gefahren wurden in einer Gesprächspsychotherapie von Johanna ausgesprochen. Schon das wirkte befreiend. Zusätzlich konfrontierte sich die Frau mit angstauslösenden Reizen, wie etwa den unterschiedlichen Geräuschen auf einem Flug in TV und Kino. Aber auch ein modernes Verfahren wurde eingesetzt: Die Virtual Reality Exposure Therapy, kurz VRET. In einer virtuellen Realität setzte man Johanna als simulierte Flugreisende diversen Stresssituationen aus. Das milderte nach und nach die Panikreaktionen.

Das persönliche Notfallset bestand aus probaten Tricks:

  1. Ablenkung: Lieber mit wildfremden Passagieren plaudern, als sich auf die Flugangst zu konzentrieren.
  2. Offenheit: Sitznachbarn und Flugbegleiterinnen von der Angst vor dem Fliegen informieren.
  3. Filme anschauen, über Kopfhörer entspannende Musik hören, die Muskeln für einige Sekunden bewusst anspannen und dann das Gefühl der Entspannung genießen, Autogenes Training.
  4. Platzierung: Ein Sitzplatz am Gang sorgt für mehr Bewegungsfreiheit.
  5. Speis und Trank: Reichlich trinken und ein leichtes Essen wirken sich nachweislich auf das psychische Befinden positiv aus.
  6. Atemregulation: Tief einatmen, die Luft kurz anhalten und dann gegen den leichten Widerstand der Lippen langsam ausatmen. Solange wiederholen, bis sich ein wohliges Gefühl der Entspannung einstellt.

Erfahrungsgemäß dauert das nicht sehr lange. Freilich ist es auch sehr sinnvoll, beruhigende Medikamente mitzunehmen. Man muss sie gar nicht schlucken: Alleine das Vorhandensein verleiht Sicherheit und verhindert Panikattacken. Mit diesem Notfallset gewappnet hat sich Johanna kürzlich nach einem erfolgreichen Städteflug mit einer Freundin als Begleitung sogar auf eine Reise nach Neuseeland eingelassen. Und ist mit der Erkenntnis zurückgekehrt, ihre Angst gut im Griff zu haben!

Mag. Dr. Monika Wogrolly, Kronen Zeitung

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