Do, 16. August 2018

Zudringliche Kunden

17.11.2017 16:34

Cam-Girls: Ihr Doppelleben zwischen Sex und Angst

Jeden Tag loggen sich rund 20.000 junge Frauen auf der ganzen Welt bei Streaming-Seiten ein, um für eine zahlende Kundschaft die Hüllen fallen zu lassen. Manchen sichert dieser Job ein Einkommen von Tausenden Euro pro Monat, andere verdienen kaum genug für eine Mahlzeit. Eines aber haben alle Webcam-Girls gemeinsam: Ihr pikanter Job ist eine ständige psychische Belastung und zwingt sie dazu, ein Doppelleben zu führen.

"Am Anfang habe ich es aus Spaß probiert", erinnert sich die 25-jährige Jessica im Gespräch mit dem IT-Portal "The Daily Dot" an ihre ersten Erfahrungen als Webcam-Girl. "Aber dann habe ich all diese anderen Mädchen gesehen, die richtig Geld damit machen - und selbst ein Geschäft daraus gemacht." So wie Jessica stolpern viele junge Frauen in diesen Job. Besonders in wirtschaftlich schwachen Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit sehen sie es als Chance, vom Schlafzimmer aus mit Live-Streams ins Internet Geld zu verdienen. Nicht umsonst gilt Osteuropa als Hotspot der Szene.

"Kunden wollen nicht gruselig rüberkommen."
Doch der Job ist hart. Nur teilweise wegen der Kundschaft, die sich in den Videochats mit den Frauen oft verblüffend bieder gibt. "Die wollen nicht gruselig rüberkommen. Aber wenn mich jemand nach dem Wetter fragt, während ich den BH ausziehe, ist das auf seine eigene Art und Weise gruselig", erzählt Jessica. Ein anderer Aspekt ist die ständige Angst um ihre Privatsphäre, die viele Webcam-Girls plagt. Sie zwingt sie zu einem Doppelleben: Tagsüber sitzen viele von ihnen in Büros, arbeiten als Verkäuferinnen, pflegen in Krankenhäusern Patienten. Und nachts schlüpfen sie in ihre zweite Identität als Webcam-Girl.

Eine ständige psychische Belastung. "Würde jemand, den ich kenne, meinen Live-Stream entdecken, würde ich ausflippen", sagt auch Jessica. Besondere Angst hat sie davor, dass Verwandte oder Kollegen von ihrem Zweitberuf erfahren. Auf die Frage, ob ihr Arbeitgeber sie für ihre Webcam-Aktivitäten feuern würde, antwortet die gelernte Kieferorthopädin: "Ich hoffe nicht - ich möchte es aber eigentlich nicht herausfinden." Es sind Ängste, die beinahe jedes Webcam-Girl plagen. Und Ängste, die manche ihrer Kunden als Druckmittel missbrauchen.

Kunden drohen, Camgirls in der Familie zu outen
In einem Online-Forum, in dem sich Webcam-Girls über ihren Beruf austauschen, kursieren viele solcher Horrorgeschichten. Zudringliche Kunden werden immer wieder zu Stalkern, dringen aus der virtuellen in die ganz reale Lebenswelt der jungen Frauen ein. Eine Gefahr, die besonders Webcam-Girls betrifft, die neben ihren Streams noch Eigenwerbung in sozialen Medien betreiben. Ihnen drohen Horrorszenarien, wie sie eine 22-Jährige in dem Forum selbst erlebt haben will: Kunden forschen ihre realen Social-Media-Profile aus und drohen ihnen, Freunde und Verwandte über ihre Aktivitäten vor der Webcam zu informieren.

Die dafür nötigen Druckmittel haben solche Akteure schnell in Händen. Die Streams, die Webcam-Girls bei ihrer Arbeit ins Internet schicken, werden in vielen Fällen aufgenommen, von den Nutzern später wieder auf Gratis-Pornowebsites hochgeladen, von wo sie sich auf weitere einschlägige Seiten weiterverbreiten. Alles ohne Zustimmung der jungen Frauen, letztlich auch zu ihrem finanziellen Schaden. Jessica: "Ich versuche, nicht an so etwas zu denken. Oder mir zumindest einzureden, dass mich auf diesen Portalen nie jemand finden wird, unter all diesen anderen Videos da draußen."

Wenig Unterstützung durch die Streaming-Anbieter
Viele, die in dieser Branche arbeiten, wünschen sich mehr Unterstützung seitens ihrer Arbeitgeber - immerhin erwirtschaften die mit den Streams der jungen Frauen jährlich ein Milliardenvermögen. Doch die meisten von ihnen weisen in ihren Geschäftsbedingungen jede Verantwortung zurück. Streams aufzunehmen ist in aller Regel verboten. Dass sich die User an diese Vorgabe halten, können die Anbieter freilich nicht kontrollieren. Und viele seien auch bei der Sicherung der Daten ihrer Kunden und Mitarbeiterinnen nachlässig, heißt es in dem Bericht. Daten, die Zehntausende in Gefahr bringen können - physisch, finanziell oder psychisch.

Die Webcam-Arbeiterinnen ziehen ihre eigenen Schlüsse daraus. "Wenn ich mich unsicher fühle, kann ich nicht zum Streaming-Service gehen. Ich habe das Gefühl, ich muss selbst damit klarkommen", sagt ein Camgirl. Und Kieferorthopädin Jessica fügt sarkastisch hinzu: "Ich habe dadurch viel über Computer gelernt. Aber ja, es bleibt beängstigend."

 krone.at
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