Wer künftig mit Beschwerden direkt zum Facharzt gehen will, könnte vorher verpflichtend beim Hausarzt vorsprechen müssen. Die diskutierte Überweisungspflicht sorgt bei Fachärzten für heftige Kritik.
Die im Rahmen der Gesundheitsreform diskutierte Überweisungspflicht lässt bei Fachärzten das Blut kochen. Besonders die Spezialisten des Ärztezentrums imed in St. Pölten warnen vor längeren Wartezeiten, zusätzlicher Bürokratie und Nachteilen für Patienten.
„Patienten brauchen raschen Zugang zur richtigen Diagnose – nicht zusätzliche Hürden“, betonen die Internisten. Gerade bei Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rheuma oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen könne Zeit über den Behandlungserfolg entscheiden. Verzögerungen würden nicht nur die Prognose verschlechtern, sondern langfristig oft auch höhere Kosten verursachen.
Mehr Wege, mehr Wartezeiten
Besonders betroffen wären chronisch kranke Patienten. Sie müssten vor jeder fachärztlichen Kontrolle erneut den Hausarzt aufsuchen, obwohl die Notwendigkeit der Betreuung längst feststeht.
Für die Ärzte ist klar: Eine zusätzliche Überweisung schafft vor allem mehr Bürokratie, ohne die Versorgung zu verbessern. Gleichzeitig würden auch Hausarztpraxen stärker belastet. Zusätzliche Termine für Überweisungen könnten die Wartezeiten für andere Patienten weiter verlängern.
ELGA als ungelöste Baustelle
Kritik üben die Fachärzte auch an der elektronischen Gesundheitsakte ELGA. Viele Befunde aus dem niedergelassenen Bereich seien nach wie vor nicht einsehbar. Das führe dazu, dass Untersuchungen doppelt durchgeführt werden müssen. „Hat ein Patient wenige Tage zuvor bereits eine Blutabnahme beim Hausarzt gemacht, sehen wir das oft nicht. Dann müssen Untersuchungen wiederholt werden“, schildern die Ärzte den Praxisalltag. Das koste Zeit, Geld und Nerven.
Vernetzung statt neuer Hürden
Statt einer Überweisungspflicht brauche es eine bessere Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten. Moderne Telemedizin, digitale Befundübermittlung und rasche Rücksprachen zwischen den Medizinern könnten die Versorgung deutlich verbessern. Das Potenzial sei vorhanden, werde aber bisher kaum genutzt. „Die Zukunft liegt in der Vernetzung, nicht in zusätzlichen Zugangshürden“, betonen die Experten.
Wie angespannt die Lage bereits ist, zeigt ein drastisches Beispiel: Einer der vier Ärzte von imed St. Pölten ist derzeit der einzige niedergelassene Kassen-Rheumatologe in ganz Niederösterreich.
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