Volkswagen und die Oberklasse, da prallen zwei Welten aufeinander. Der VW Phaeton, noch immer Stammvater aktueller Bentleys, wurde in seinen 14 Jahren Bauzeit in Europa nie wirklich ernst genommen. Nun soll der VW Arteon auftrumpfen, irgendwo zwischen Passat und Großspurigkeit.
So erhebt er sich also über die tapfere Wolfsburger Vertreter- und Familien-Limousine, streckt sich um 5 cm beim Radstand sowie 10 cm in der Länge und legt ein Design hin, dass Papi die Kinnlade runterfällt. Das schaut aufwendig aus, und böse. Herrlich, wie die LEDs integriert sind und sich die Haube drüberzieht.
Okay, eine längere Motorhaube statt dieses Extra-Streifens über dem Kühlergrill würde dem Arteon gut zu Gesicht stehen und sie hätten die Radausschnitte nicht wie mit dem Buttermesser abziehen sollen. Aber im Prinzip ist der Kunstgriff gelungen, dem Passat edle Emotionen einzuhauchen. "Gran Turismo" nennen sie das.
Innen so groß, dass es fast hallt
Bei der Innenraumgestaltung ist den Designern dann aber der Schmäh (oder das Geld) ausgegangen, atmosphärisch ist das schlicht und ergreifend ein Passat - mit skoda-superbem Platzangebot, denn trotz der coupéhaften Dachlinie geht es auf der Rückbank erstaunlich opulent zu. Kompliment. Mit der riesigen Heckklappe und 563 bis 1.557 Liter Kofferraum ist der Arteon auch noch immens praktisch.
Zum Schließen hat sich VW etwas Cooles einfallen lassen: Drückt man auf den rechten der beiden Knöpfe in der Heckklappe, senkt sie sich erst ins Schloss, wenn man weggeht.
Die Türen haben rahmenlose Scheiben, die sich hinten aber nur zu einem kleinen Teil öffnen lassen. Dafür haben jene eine Eigenschaft, die sich Mercedes gerne abschauen kann: Sie bleiben sicher offen stehen, selbst bei relativ starkem Gefälle.
Tippen statt drehen
In Sachen Navitainment ist so ziemlich alles zu haben, was gut und teuer ist. Es sollte einem also eigentlich an nichts fehlen. Leider doch: Ich will einen Lautstärkeregler! Ich will nicht auf dem Glasdisplay herumtapsen und auch nicht auf Lenkradtasten drücken, die Lautstärkesprünge auslösen. Und ich will auf Radio umschalten, ohne ins Menü zu müssen. Recht und schön, wenn man die Zahl an Knöpfen einschränkt, aber sind unbelegte Blindtasten neben dem Automatik-Wählhebel besser?
Lässt sich sportlich fahren - aber nicht komfortabel
Technisch schöpft VW aus dem Vollen. Beispiel: Im Notfall der Arteon selbsttätig rechts ran (nachdem er versucht hat, den Fahrer wachzurütteln), der Adaptivtempomat bremst vorausschauend für Tempolimits herunter - nur selber lenken kann der Wagen nicht. Das übernimmt der Fahrer mit der gelungenen Progressivlenkung aber sehr gerne selbst, vor allem wenn er dem kräftigen 240-PS-Turbodiesel im Testwagen die Sporen gibt. Damit sprintet der ohne Fahrer 1753 kg schwere Arteon in 6,5 Sekunden auf 100 km/h und scheitert nur knapp an der 250-km/h-Marke. Schneller geht es nur mit dem 280 PS starken TSI, damit wäre aber ein Testverbrauch von 7,1 l/100 km definitiv auszuschließen. Einstiegsmotor ist der 150-PS-Diesel mit Frontantrieb ab 42.990 Euro.
Das Ansprechverhalten von Motor und Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe lässt sich im Touchscreen-Menü über die Fahrmodi beeinflussen. Im Eco-Modus kuppelt das DSG aus, wenn man vom Gas geht. Leicht pubertär (wie die in der Highline-Ausstattung serienmäßige Spoilerlippe) ist der künstliche Motorsound, der im Sportmodus zugespielt wird.
Die (optionalen) adaptiven Dämpfer lassen sich in 15 Stufen einstellen, von weicher als Comfort- bis härter als Sport-Modus - geschmeidig fährt sich der VW aber nie. Jetzt könnte man auf die Idee kommen, das den 19-Zoll-Rädern anzulasten, das allein kann es aber nicht sein. Es herrscht oft ein leises Dröhnen vor, das aus dem Fahrwerk dringt. Manchmal wird es richtig unangenehm. Nicht nur auf besonders holprigen Strecken, sondern auch ganz normal auf der Wiener Tangente.
Unterm Strich
Es ist ein ambitionierter Versuch der Wolfsburger, mit dem Arteon den Passat vergessen zu machen und stattdessen den Phaeton heraufzubeschwören und den Passat CC höher anzusetzen. Auf den ersten Blick gelingt das durchaus, nicht nur weil man mindestens 5000 Euro mehr anlegen muss als für den weniger coolen Bruder (Testwagenpreis: 66.500 Euro). Die Optik ist schon speziell. Der Innenraum kann aber nicht mithalten und das Fahrwerk macht alle Oberklasse-Ambitionen zunichte. Trotz adaptiven Dämpfern, die laut Marketingtext sogar an eine Luftfederung erinnern sollen. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. In der Oberklasse malt man mit dem Pinsel, nicht mit dem Rotstift.
Warum?
Warum nicht?
Oder vielleicht …
… Audi A5 Sportback, BMW 4er Gran Coupé, Skoda Superb, Kia Stinger











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