Hohe Dunkelziffer

Antisemitismus in Österreich erreicht Höchststand

Österreich
23.04.2026 10:20

Im Rahmen der jährlichen Präsentation der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien hat Präsident Oskar Deutsch am Donnerstag die aktuellen Zahlen für das Jahr 2025 präsentiert. Demnach sind die Vorfälle gegen Jüdinnen und Juden im Vergleich zum Vorjahr erneut gestiegen und haben laut Deutsch einen neuen Höchststand seit Beginn der Aufzeichnungen erreicht.

Zu Beginn schildert Deutsch mehrere schockierende Fälle von Übergriffen auf jüdische Menschen im vergangenen Jahr. Besonders in Erinnerung geblieben sei etwa ein Vorfall mit einer jüdischen Familie, die am 7. August vergangenen Jahres zu einer Geburtstagsfeier nach Wien reiste. Als der Fahrer nach der Herkunft fragte und Länder wie England, Schweden und Israel genannt wurden, habe er plötzlich zu schreien begonnen und die Familie als „Kindermörder“ beschimpft. Trotz der Klarstellung, niemandem etwas getan zu haben, habe der Lenker die Familie aus dem Fahrzeug gedrängt und den Vater mit Schlägen und Tritten attackiert.

Übergriffe erreichen neuen Höchststand
Dies sei nur einer von unzähligen besorgniserregenden Fällen, die das Leben der jüdischen Bevölkerung gefährden würden. Insgesamt wurden laut Deutsch 1532 Vorfälle registriert, das entspricht im Durchschnitt rund vier pro Tag oder etwa 30 pro Woche. Das sei der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen, betont Deutsch. Weiters spricht der Präsident von einem „antisemitischen Tsunami“ und einer anhaltenden Welle seit dem 7. Oktober 2023. Seitdem seien die Fälle explosionsartig gestiegen.

Einige Betroffene hätten sich an das „Unerträgliche“ gewöhnt, andere zögen sich zurück, meiden jüdische Veranstaltungen oder verbergen ihre Religion.

Die Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde Wien melden einen neuen Höchststand ...
Die Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde Wien melden einen neuen Höchststand antisemitischer Vorfälle. Auf dem Bild zu sehen sind der Leiter der Antisemitismus-Meldestelle Johannan Edelman, IKG-Präsident Oskar Deutsch sowie IKG-Generalsekretär Benjamin Nägele (v.l.n.r.).(Bild: Martina Münzer)

Auf den ersten Blick vermittle der Bericht ein Bild von Kontinuität, da die gemeldeten antisemitischen Vorfälle im Vergleich zu 2024 um weniger als ein Prozent gestiegen seien, erklärt der Leiter der Antisemitismus-Meldestelle Johann Edelmann. Tatsächlich habe sich ihre Zahl zwischen 2022 und 2024 jedoch mehr als verdoppelt, 2025 bewege sie sich weiterhin auf diesem hohen Niveau. Von Stabilität könne daher keine Rede sein, vielmehr zeige sich das Gegenteil, so Edelmann.

„Antisemitische Grundstimmung“
Denn: Nur ein Bruchteil würde überhaupt in die Statistik einfließen. Besonders schockierend sei zudem die sinkende Meldebereitschaft der Betroffenen. „Diese Diskrepanz deutet auf eine Entwicklung jenseits der reinen Statistik hin: eine Verdichtung antisemitischer Grundstimmungen zu einer Atmosphäre, die Jüdinnen und Juden dauerhaft wahrnehmen“, so Edelmann.

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Auf den ersten Blick suggeriert der Bericht Kontinuität. Tatsächlich hat sich ihre Zahl von 2022 bis 2024 mehr als verdoppelt. 

Johann Edelmann, Leiter der Antisemitismus-Meldestelle

Jährlich würden allein in Wien rund fünf Millionen Euro investiert, um jüdisches Leben zu schützen, sagte Deutsch und bezeichnete das als „absurd“, da dieses Geld auch anders eingesetzt werden könnte, insofern die Betroffenen nicht um ihre Sicherheit bangen müssten.

Auch mehrere antisemitische Anschläge würden laut der IKG-Vertreter deutlich machen, wie stark das Leben von Jüdinnen und Juden gefährdet sei. Theoretisch bräuchte jede Person eine eigene Schutzbegleitung, das sei jedoch „natürlich nicht möglich“, heißt es vom Generalsekretär der IKG, Benjamin Nägele. Daher müsse dringend ein stärkeres Bewusstsein geschaffen werden. Gleichzeitig wird ein klarer Appell formuliert: „Bitte melden Sie Antisemitismus!“, heißt es vor den Pressevertretern. Nägele geht zudem von einer erheblich hohen Dunkelziffer nicht gemeldeter Fälle aus.

Israelbezogener Antisemitismus und die Relativierung der Schoah seien laut Angaben der IKG Entwicklungen, die besonders stark gestiegen und als alarmierend gelten.

Vor dem ESC: Deutsch betont „Vielfalt“
Auch im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Eurovision Song Contest (ESC) betont Deutsch, das Event sei ein Fest der „Vielfalt“, auch im Hinblick auf angekündigte Demonstrationen. Er ruft dazu auf, den „Stimmen des Hasses“, die nur eine Minderheit darstellten, nicht zu viel Gehör zu schenken.

Jedes Land verfüge demnach über ein sogenanntes „Fancafé“. Laut einer Pressevertreterin sei es offenbar zunächst schwierig gewesen, ein solches für Israel zu finden. Deutsch widerspricht dieser Darstellung und erklärt, es hätten sich insgesamt vier Cafés darum beworben. Letztlich sei ein Café im Wiener Museumsquartier ausgewählt worden.

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