19.05.2016 07:31 |

Auto-Überraschung

Wankel-Bertone & Co: Unglaubliche Mazda-Schätze

Es wird immer interessanter, auch immer mehr "in", sich mit alten Autos, mit Klassikern zu beschäftigen. Doch japanische Marken führen dabei ein Mauerblümchen-Dasein. Das allerdings völlig zu Unrecht, wie mir ein Besuch in Augsburg gezeigt hat. Dort entsteht das wahrscheinlich größte Mazda-Museum der Welt - mit einer ganzen Reihe unglaublicher Schmankerl, die die Herzen wahrer Autoenthusiasten ganz neu höher schlagen lassen.

Da finden sich italienisches Design (Bertone!), ein schräger Kleinstwagen mit Flügeltüren und sogar ein Omnibus mit Wankelmotor - es ist unglaublich, was drei Mazda-Verrückte da im Lauf von Jahrzehnten aus der ganzen Welt zusammengetragen haben. Angefangen 1980 mit dem ersten Wankelmotor-Sportwagen überhaupt, dem 1968 gebauten Mazda Cosmo Sport 110 S (vier Monate später brachte NSU den "Wankel-Pionier" Ro80 - und scheiterte).

Rund 140 Fahrzeuge haben die drei seither zusammengetragen. Vater Walter Frey mit seinen Söhnen Joachim und Markus, die größten Mazda-Händler weit und breit und komplett infiziert, bzw. abhängig, wie sie selbst es nennen. 120 davon sind in Top-Zustand und jederzeit fahrbereit.

Wie zum Beispiel der erste vierrädrige Mazda überhaupt, der R360 Coupé aus dem Jahr 1962, der in Europa nie angeboten wurde, aber in seiner Heimat bis zu 65 Prozent Marktanteil erzielte. Ihn entdeckten die Freys in einer Kleinanzeige in einer zwei Jahre alten australischen Fachzeitschrift. Sie riefen den Besitzer an, der das Auto noch hatte und den "weltbesten Zustand" beschwor. Der Kauf wurde sofort besiegelt, ohne dass jemand das kleine Coupé besichtigt hätte. Als es nach dem aufwendigen Import ankam, lag der 16-PS-Heckmotor auf dem Beifahrersitz. Der Verkäufer meinte nur lapidar: "Sie werden auf der ganzen Welt keinen in einem besseren Zustand finden."

Und er wird Recht gehabt haben, denn das ist die Crux bei klassischen japanischen Autos, beschreibt Joachim Frey: "Die Mentalität in Japan ist so, dass man ein Auto nach zehn Jahren einfach wegschmeißt. Deshalb ist es ganz schwierig, Klassiker aufzutreiben. Es gibt sie einfach kaum." So gesehen ist es so etwas wie Arterhalt, was die Freys betreiben. Aber: "Wir sind zwar verrückt, aber nicht verrückt genug, jeden Preis zu zahlen", spricht Joachim Frey mit der Stimme der Vernunft. Er hält das Geld zusammen (das können die Schwaben gut, wie man sagt) und führt die Kaufverhandlungen oder bietet bei eBay-Angeboten mit, die sein Bruder Markus aufgespürt hat.

Aber sie sind Mazda-verrückt genug, um fast alles an den klassischen Fahrzeugen selbst zu machen. "Unsere Mechaniker haben keinen Bezug zu den Oldtimern, und Fremde lassen wir auch nicht ran."

In Augsburg haben die Freys eine alte Straßenbahn-Remise gekauft und liebevoll auf Vordermann gebracht. Hier soll im Herbst das private Mazda-Museum eröffnen, mit Restaurant und allem, was dazugehört.

Für einen ersten Ausblick haben sie eine Art Pre-Opening gemacht. 22 der besten Stücke wurden um eine lange Tafel drapiert, wo ein paar Handvoll geladene Gäste dinierten. Alle Mazda-Klassiker fuhren mit eigener Motorkraft zur Halle. "Ein Auto muss jederzeit fahren können", konstatiert Joachim Frey, und zeigt anschließend, dass das in seinen Augen auch für einen Autofahrer gilt - indem er den Abend bei Wasser und Orangensaft verbringt, obwohl ihm das Catering-Personal zunächst hartnäckig Frankenwein anbietet.

Beim Abendessen sowie beim anschließenden Rundgang bis spät in die Nacht florieren dann die Geschichten rund um die Exponate. Wie die vom Flügeltürer AZ-1, den sie nicht aus Japan herausbekamen, weil er keine Papiere hatte. Kurzerhand zerlegten sie ihn komplett und verschifften ihn als Ersatzteile. Innerhalb von drei Tagen war das 3D-Puzzle wieder gelöst.

Oder die Story vom Cosmo, der irgendwo in den USA stand. "Fliegt nach New York", sagte der Besitzer. "Am Hudson River liegt mein Boot 'Daddy's Toybox'; der Schlüssel steckt; fahrt damit nach New Jersey, dort nehmt ihr meinen Mazda 929, der Schlüssel steckt, und kommt zu mir." "Wir können kein Boot steuern, deshalb sind wir klassisch angereist." Der Cosmo ist eines der Schmuckstücke des Abends - ohne steckenden Schlüssel.

Dann der Dreirad-Lkw, den es nie hätte geben dürfen: Ein junger Ingenieur hatte den Auftrag, einen vierrädrigen Lastwagen zu konstruieren, machte aber heimlich - gegen den Willen des Chefs - ein Dreirad - das dann unglaublich erfolgreich wurde und dem jungen Mann so viel Renommee einbrachte, dass er in weiterer Folge maßgeblich dafür war, dass man bei Mazda auf den Wankelmotor setzte. Und bis heute setzt.

Man hält nicht für möglich, wo Mazda überall einen Wankelmotor einbaute. Wer hätte jemals an einen Bus gedacht? Auch ein Abschleppwagen mit Zwillingsbereifung steht in Augsburg. Ganz zu schweigen vom Sportwagen-Klassiker Mazda RX-7.

Ebenfalls bewankelt und Teil der Ausstellung sind der Mazda RX-2 als erster nach Österreich exportierter Mazda sowie der RX-3, der als erster Mazda in Deutschland angeboten wurde.

Doch es wankelt nicht alles, was fasziniert - etwa die Coupé-Version des Roadsters MX-5. Nur insgesamt 400 Stück entstanden, davon die Hälfte in der aufgemotzten Variante mit Spoiler & Co, die in Augsburg steht.

Wenn das "Mazda Classic - Automobil Museum Frey" im Herbst seine Pforten offiziell öffnet, werden die Exponate regelmäßig durchgemischt, sodass auf der Fläche von 1500 m² immer rund 60 bis 70 Fahrzeuge stehen, sich aber immer "was tut".

Es ist oft schwer, den Wert eines Japan-Klassikers zu bestimmen, "weil es keinen Markt dafür gibt", sagen die Freys. Aber eines ist in jedem Fall unbezahlbar: sich den Traum eines Museums zu erfüllen und dort Gäste mit der eigenen Liebe zur Materie zu inspirieren.

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