Woher die Wut kommt
Schülerproteste in Frankreich: Die Gewalt nimmt zu
Die Massenproteste von Schülern in Frankreich gegen das marode Schulsystem reißen nicht ab, im Gegenteil: Es sind neue Kundgebungen geplant, auch Studenten schließen sich an. Die Gewalt am Rande der friedlichen Proteste nimmt dabei weiter zu.
Von den jüngsten Ausschreitungen sind besonders Lehrpersonal und Schulgebäude betroffen, berichtet das Innenministerium:
Feuer in Schule gelegt
So wurde in der Nacht auf Donnerstag in einem Gymnasium in Poitiers Feuer gelegt, das auf das Auto einer Lehrerin übergriff. In Saint-Étienne drangen Freitagfrüh mehrere Dutzend Personen in das Gymnasium ein und verwüsteten die Kantine. In Toulouse wurde ein Schulleiter von einem erwachsenen Demonstranten geschlagen und in Saint-Chamond erlitt der stellvertretende Schulleiter Verbrennungen im Gesicht durch einen Feuerwerkskörper.
Brandanschlag auf Polizeiwache
Außerdem sei es zu zahlreichen Angriffen auf die Ordnungskräfte und Polizeiwachen gekommen, teilte das Innenministerium mit. In Straßburg etwa wurde ein Polizeiauto in Brand gesetzt und am Polizeipräsidium von La Rochelle kam es zu Sachbeschädigungen, während auf eine Polizeiwache in Bordeaux ein Brandanschlag verübt wurde.
Zehntausende auf den Straßen
Im Zuge der landesweiten Protestaktionen kam es laut Innenministerium zu 504 Festnahmen, 48 Polizisten wurden verletzt. Zumeist seien die Demonstrationszüge sowie die Blockaden am Donnerstag aber friedlich verlaufen, so das Innenministerium. An erneuten Demonstrationen hatten sich demnach 71.500 Menschen beteiligt. Alleine in Paris gingen 24.500 Menschen auf die Straßen. An Protest- und Blockadeaktionen direkt an Schulen beteiligten sich landesweit 55.000 Menschen.
Empörung gibt es über die rabiaten Polizeieinsätze gegen die zumeist minderjährigen Demonstranten. Wegen mutmaßlicher Polizeigewalt wird gegen einige Beamte ermittelt.
Regierung geht auf Forderungen ein
Unterdessen ist die Regierung in Paris erstmals konkret auf die Forderungen der Schüler eingegangen. Premierminister Sébastien Lecornu kündigte am Donnerstagabend den kurzfristigen Einsatz von über 3000 Vertretungslehrern an. Ein Aktionsplan von Bildungsminister Édouard Geffray sehe die Verwendung der zusätzlichen Lehrer an den 114 Gymnasien vor, wo der Lehrermangel am drängendsten sei, teilte Lecornu mit. Die zusätzlichen Lehrkräfte sollen zwischen dem heutigen Freitag und kommendem Dienstag ihre Arbeit antreten.
Premier stellt mehr Geld in Aussicht
Wie der Premier weiters ankündigte, sollte die Einstellung von mehreren Hundert zusätzlichen Mitarbeitern ermöglichen, den Bedarf an den Schulen zu decken. Nach den Herbstferien sollten mehr kurzfristige Vertretungen durch bereits an den Schulen tätige Lehrkräfte möglich werden. Außerdem stellte Lecornu nun doch zusätzliches Geld in Aussicht, nachdem er das zuvor wegen des Sparzwangs ausgeschlossen hatte. Die Regierung werde Änderungsanträge zum Haushalt 2027 einbringen, um bestimmte Vorschläge der Gymnasiasten in konkrete Maßnahmen umzusetzen, insbesondere im Bereich der Vertretungslehrer.
Mehr Geld – konkret zehn Milliarden Euro Nothilfe – ist die Hauptforderung der Schüler, die seit knapp zwei Wochen für eine bessere Ausstattung der Gymnasien, mehr Vertretungslehrer und Investitionen in das Bildungswesen demonstrieren.
Es geht nicht nur um Geld
Es geht bei den Protesten aber nicht nur um Geld, sondern auch um soziale Ungerechtigkeit und die Unterschiede zwischen den staatlichen und den privaten Gymnasien. Jugendliche aus ärmeren Gegenden müssen oft unter schlechteren Bedingungen lernen und haben Angst, was den Zugang zu Unis und Jobchancen angeht, abgehängt zu werden. Zudem fachen ein Gefühl allgemeiner Unsicherheit und Zukunftsängste durch Krieg, Krisen und Klimawandel die Wut an.
Dem Protest haben sich inzwischen auch Studierende angeschlossen. Für die kommenden Tage waren weitere Proteste angekündigt.
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