Sämtliche 32 Klaviersonaten Beethovens in acht Konzerten im Musikverein: Pianist Igor Levit hat diese Woche die erste Hälfte dieses Marathon-Projektes absolviert und sein Publikum dabei auf eine emotional dichte Reise durch menschliche Seelenzustände mitgenommen. Der zweite Teil folgt im Februar.
„Im Grunde wirkt hier alles zu nah, zu direkt, zu persönlich – Ausweichen unmöglich.“ Was Pianist Igor Levit hier über Beethovens „Pathétique“ sagt, könnte man auch auf ihn selbst als Interpreten anwenden. Der Direktheit und Dringlichkeit, ja der aufrichtigen Ernsthaftigkeit und Tiefe, mit der sich Levit Beethovens Klaviersonaten widmet, kann man sich emotional nicht entziehen. Diese Musikstücke sind ihm persönliche Herzensangelegenheit, das hört man bei jedem Ton. Nichts ist hier belanglos, jede Phrase atmet existenzielle Notwendigkeit.
Blick ins Beethoven-Jahr
Als Einstimmung auf das Beethoven-Jahr 2027 zum 200. Todestag des Komponisten, spielt Igor Levit in dieser Saison im Musikverein alle seine 32 Klaviersonaten, zweimal in je vier Konzerten zu je vier Sonaten. Diese Woche absolvierte der 39-Jährige den ersten – ausverkauften wie bejubelten – Konzert-Block und zeigte dabei, wie vielschichtig und facettenreich Beethoven mit dieser Gattung umgegangen ist.
Beim letzten Konzert der Serie am Mittwoch standen Werke aus der frühen und mittleren Schaffensperiode auf dem Programm. Unerbittlich und erschütternd „Der Sturm“ (op.32/2), elegant besonnen die Sonate in B-Dur op. 22, jugendlich ungestüm jene in C-Dur op.2/3 und voll tiefer Ausdruckskraft die „Pathétique“.
Schule des Mensch-Seins
Wenn Igor Levit Beethoven spielt, ist er ein Zeitreisender. Nicht nur, wenn er lyrische Bögen bis kurz vor den Stillstand entschleunigt und Zeit scheinbar stillstehen lässt oder wenn er den Musikfluss maximal verdichtet. Vor allem katapultiert er die Werke ohne Umwege in die Gegenwart, macht sie zu absolut gegenwärtiger Musik im besten Sinne. Zu Musik, die uns heute angeht, uns heute etwas zu erzählen vermag.
Und zu erzählen haben diese Stücke aus Levits Händen Einiges: Darüber, was es bedeutet Mensch zu sein, welche komplexen Seelenzustände man dabei erfährt – von stolzer Selbstbehauptung über ungestüme Unruhe bis zum unausweichlichen Zurasen auf den inneren Abgrund. Es ist eine Art emotionale Nachdenklichkeit, die Levits Konzerte hinterlassen, ein nonverbales Ausdifferenzieren an Stimmungen und Nuancen, eine Art Schule des Mensch-Seins, die man als inneres Echo durchläuft. Dass dieses Nachklingen gerade bei Levit gelingt, liegt daran, dass er selbst Beethoven ganz nah an sich heranlässt.
Von 9. bis 12. Februar folgen die weiteren vier Termine, bei denen Levit zum Finale passend das außergewöhnliche Sonaten-Trio aus dem Spätwerk Beethovens (op. 109 bis 111) spielen wird.
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