Renault bringt frischen Wind in das ausgedünnte Angebot der Pick-ups und präsentiert den neuen Niagara. Die Franzosen entwickelten den kompakten Pritschenwagen eigens für Länder wie Brasilien, Argentinien und Kolumbien. Vom Band laufen wird er im argentinischen Werk Santa Isabel.
Kunden im Rest der Welt gehen dabei jedoch leer aus: Die Verantwortlichen planen weder eine Markteinführung in Europa noch in den USA oder Kanada. Der Hauptgrund: Für die Nutzlast von maximal 654 Kilogramm gäbe es in diesen Märkten keine Nachfrage.
Es ist auch keine Pick-up-Version des Dacia Duster oder Bigster. Der Niagara nutzteine eigene, für Pick-ups ausgelegte RGMP-Plattform („Renault Group Modular Platform“) und wurde laut Renault komplett für Lateinamerika entwickelt.
Dennoch ließen es sich die Verantwortlichen nicht nehmen, das neue Modell noch vor seiner Premiere in Südamerika einigen europäischen Pressevertretern am Entwicklungsstandort in Guyancourt bei Paris zu zeigen. Denn der Pick-up demonstriert, wie Renault europäische Technologie für seine globale Expansion nutzt. Das gilt nicht nur für den Antrieb, sondern insbesondere auch für das Infotainmentsystem OpenR Link.
Für europäische Hersteller erweist sich eine solche Taktik als wichtiger denn je, da zahlreiche chinesische Modelle massiv auf den hiesigen Markt drängen. Mit dem Niagara startet Renault eine internationale Produktoffensive, die bis 2030 insgesamt 14 neue Modelle außerhalb Europas etablieren soll.
Designchef Laurens van den Acker hebt hervor, dass der Niagara „ein wirklich weites Spektrum“ abdecken soll: Von Lifestyle-orientiert bis zum Arbeitstier, dabei ebenso emotional wie ein bisschen premium sein soll. Optisch bricht das Modell deshalb mit Traditionen der Marke.
An der wuchtigen Frontpartie suchen Betrachter die klassische Renault-Raute vergeblich. Stattdessen prangt der Schriftzug des Herstellers selbstbewusst in großen Buchstaben auf dem breiten Kühlergrill. Diese Lettern setzen sich wie kleine Mosaiksteinchen zusammen. Moderne LED-Lichter umschließen das Fahrzeug rundum und sorgen für eine zeitgemäße Lichtsignatur.
An der Front integrierten die Designer Voll-LED-Scheinwerfer, die eine spezielle Begrüßungssequenz abspielen, sobald sich der Fahrer nähert. Die Karosserie erstreckt sich über eine Länge von 4,94 Metern und ragt 1,72 Meter in die Höhe. Wer die Variante mit reinem Frontantrieb wählt, erhält mit 4,91 Metern ein minimal kürzeres Auto.
Wuchtige Leichtmetallfelgen in 17 Zoll lassen den Niagara kraftvoll wirken. Spezielle Platten am Unterboden und dunkle Kunststoffverkleidungen schützen die Karosserie, wenn Ausflüge abseits befestigter Straßen anstehen. Den Abschluss am Heck bildet eine praktische Ladefläche, die 938 Liter fasst. Acht Zurrösen fixieren Werkzeuge oder Gepäck darauf. Ein Verdeck aus Aluminiumlamellen lässt sich über die Ladefläche ziehen und mit einem Schloss verriegeln.
Im Innenraum versuchten die Entwickler, den rustikalen Charme herkömmlicher Pick-ups hinter sich zu lassen. Sie fokussierten sich stattdessen darauf, dem Interieur den Eindruck eines modernen SUVs zu verleihen. Die Mittelkonsole neigt sich leicht dem Fahrer zu. Dadurch lässt sich das 10,1 Zoll große Mittendisplay besser ablesen. Physische Knöpfe, die direkt unter den Lüftungsschlitzen platziert sind, lassen sich gut erreichen. Das Instrumentendisplay hinter dem Lenkrad misst 10,2 Zoll. Ein elektronischer Wählhebel auf der Mittelkonsole schafft zusätzlichen Freiraum.
Renault rüstet den Niagara als ersten Pick-up mit dem System OpenR Link aus, das Google direkt integriert. Über den zentralen Bildschirm greifen Fahrer und Beifahrer auf vertraute Dienste wie Google Maps zurück. Zudem versteht die künstliche Intelligenz Google Gemini Sprachbefehle und führt natürliche Dialoge. Die Kabine bietet im Fond 20 Zentimeter Kniefreiheit. Wer lange Strecken reist, profitiert hinten von der Rücksitzlehne, die sich um 25 Grad neigen lässt. Pfiffige Details verstecken sich direkt dahinter: Hinter der rechten Rücksitzlehne ist ein kleiner Laderaum verborgen; hinter der linken ist ein Wagenheber zu finden.
Unter der markanten Motorhaube arbeitet ein 1,3-Liter-Turbomotor mit Benzin-Direkteinspritzung. Der Vierzylinder verträgt je nach Markt auch Ethanol. In der Variante mit Frontantrieb leistet das Aggregat 156 PS. Wer sich für den Allradantrieb entscheidet, erhält 160 PS. Beide Ausführungen stemmen ein maximales Drehmoment von 270 Newtonmetern auf die Kurbelwelle. Käufer wählen zwischen einem manuellen Sechsganggetriebe oder einem Doppelkupplungsgetriebe mit ebenfalls sechs Gängen.
Die Allradversion verteilt die Antriebskraft intelligent. Wenn die Vorderräder auf rutschigem Untergrund den Halt verlieren, leitet das System automatisch einen Teil des Drehmoments an die Hinterachse. Die Charakteristik lässt sich über einen Drehregler anpassen. Dabei stehen verschiedene Fahrmodi zur Wahl, die von Eco über Sport bis hin zu speziellen Offroad-Programmen reichen. Die Bodenfreiheit von 23,3 Zentimetern sollte auch für tiefere Schlaglöcher reichen. Was der Niagara in Südamerika kosten soll, ist noch nicht bekannt.
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