Deutsche ausgestochen

UN-Sitz: „Schallende Ohrfeige“ und große Freude

Außenpolitik
04.06.2026 13:04
Porträt von krone.at
Von krone.at

Die internationale Presselandschaft reagiert deutlich auf das Scheitern der deutschen Kandidatur für einen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Mehrere europäische Medien sprechen von einem klaren diplomatischen Rückschlag für Berlin und von einer Entscheidung mit Signalwirkung weit über Deutschland hinaus.

Die italienische „Corriere della Sera“ bezeichnet das Ergebnis als „schallende Ohrfeige“ für die deutsche Außenpolitik. Deutschlands Versuch, einen Platz am Tisch der internationalen Entscheidungsmacht zu erhalten, sei bereits an der Tür abgewehrt worden, heißt es dort zugespitzt. Nur wenige hätten mit diesem Ausgang gerechnet, der zudem zu einem politisch ungünstigen Zeitpunkt komme.

Vorwürfe und geopolitische Spannungen
In der Analyse der italienischen Zeitung werden auch die politischen Spannungen rund um die deutsche Außenpolitik aufgegriffen. Außenminister Johann Wadephul sprach demnach von einer „Enttäuschung“ und einer „schweren Niederlage“.

Meinl-Reisinger mit ihrem portugiesischen (links) und ihrem deutschen (rechts) Amtskollegen ...
Meinl-Reisinger mit ihrem portugiesischen (links) und ihrem deutschen (rechts) Amtskollegen unmittelbar vor der Abstimmung.(Bild: APA/MICHAEL GRUBER)
In diesem Gremium werden die großen Konflikte dieser Welt verhandelt.
In diesem Gremium werden die großen Konflikte dieser Welt verhandelt.(Bild: AFP/KENA BETANCUR)

Gleichzeitig verwies er darauf, dass Russland gegen die deutsche Kandidatur mobilisiert habe. Auch die deutsche Position im Nahostkonflikt wird in der internationalen Presseschau als möglicher Faktor für fehlende Unterstützung genannt.

Rückschlag für deutsche Führungsansprüche in Europa
Der Zürcher „Tages-Anzeiger“ sieht in der Niederlage einen empfindlichen Rückschlag für die außenpolitischen Ambitionen der deutschen Regierung, die Rolle Deutschlands als europäische Führungsmacht zu stärken. Geplant gewesen sei, im Sicherheitsrat bei zentralen internationalen Konflikten stärker mitzuwirken – etwa im Ukrainekrieg oder im Nahostkonflikt.

Die Erklärgrafik zeigt die Zusammensetzung des UNO-Sicherheitsrats. Es gibt fünf ständige Mitglieder mit Vetorecht: Russland, USA, Frankreich, China und Großbritannien. Dazu kommen zehn wechselnde Mitglieder. Sechs Länder bleiben bis Ende 2027, darunter Kolumbien und DR Kongo. Vier Länder bleiben bis Ende 2026, darunter Dänemark und Pakistan. Für die Periode 2027/28 sind Kirgistan, Simbabwe, Österreich, Portugal und Trinidad und Tobago als neue Mitglieder vorgesehen. Quelle: APA.

Zudem wird auf mögliche innenpolitische Folgen hingewiesen. Kritiker der hohen finanziellen Beiträge Deutschlands an das UN-System könnten durch das Ergebnis neuen Auftrieb erhalten. Deutschland zählt zu den größten Geldgebern der internationalen Organisationen und überweist jährlich Milliardenbeträge für Friedensmissionen, humanitäre Hilfe und Verwaltung.

Zweifel an globaler Durchsetzungskraft
Auch die „Neue Zürcher Zeitung“ bewertet das Ergebnis als herben Rückschlag für die deutsche Außenpolitik. Es zeige deutlich, dass Anspruch und Realität auseinanderklaffen. Viele Staaten sähen Deutschland offenbar noch nicht als jene gestaltende Macht, als die es sich selbst verstehe.

Besonders deutlich wird die Kritik an der internationalen Wahrnehmung: Trotz erheblicher finanzieller Beiträge fehle es Deutschland an der nötigen politischen Strahlkraft, um die angestrebte Rolle als globale Führungsmacht zu untermauern.

Signalwirkung für Österreich und Europa
In der europäischen Diplomatie dürfte das Ergebnis aufmerksam registriert werden – auch in Österreich, das traditionell enge Beziehungen zu den Vereinten Nationen pflegt und selbst regelmäßig eine aktive Rolle in multilateralen Organisationen anstrebt. Das deutsche Ergebnis wird daher in Wien als Teil einer größeren Debatte über Einfluss, Gewicht und Machtverschiebungen im internationalen System gesehen.

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