15.07.2013 10:23 |

Datenschutz-Rebellen

Hacker lehren Laien auf "Cryptopartys" Verschlüsselung

Seit einigen Wochen wissen Internetnutzer, dass ihre Kommunikation durch Geheimdienste aus aller Welt abgehört wird. Die NSA, der britische Geheimdienst GCHQ – der Ex-Geheimdienstler Edward Snowden hat sich mit seinen Enthüllungen mächtige Feinde gemacht. Dass die Spionageskandale bekannt sind, zieht jetzt erste Veränderungen im Verhalten der Nutzer nach sich. Die User wollen ihre Kommunikation verschlüsseln. Auf "Cryptopartys" zeigen ihnen Hacker, wie das geht.

Die Erklärung ist Hacker Andre, der seinen Nachnamen nicht verraten will, so wichtig, dass er sie auf Papier skizziert hat. Das ist ungewöhnlich bei diesem Treffen, denn eigentlich geht es um Computer. Um Andre herum sitzen mehrere Dutzend Menschen in kleinen Gruppen zusammen und tippen auf ihre Tastaturen. Auf einem umfunktionierten Tischtennistisch drängen sich Laptops zwischen Rucksäcken und einer Kabeltrommel, Kracherl und Bierflaschen stehen auf dem Boden. Der Schauplatz: eine sogenannte Cryptoparty in der deutschen Hauptstadt Berlin.

Andre hat aufgemalt, wie verschlüsselte E-Mails funktionieren. Dazu brauchen Sender und Empfänger je zwei Schlüssel: einen öffentlichen und einen privaten. "Der öffentliche Schlüssel ist sozusagen ein Vorhängeschloss, das nur der private Schlüssel aufschließen kann", erklärt Andre. Der Trick: Wer den passenden Schlüssel nicht hat, kann in der Mail nur eine sinnlose Folge aus Zahlen und Buchstaben erkennen.

Verschlüsselung ist kein Nischenthema mehr
Etwa 60 Menschen sind gekommen, um mehr über verschlüsselte Kommunikation zu lernen. Sie wollen sich im Internet bewegen, ohne dass jemand mitverfolgen kann, welche Webseiten sie ansteuern und was sie in ihren E-Mails schreiben. Seit vergangenem Jahr gibt es solche Treffen, bei denen Hacker anderen Menschen sicheres Surfen beibringen. Jetzt erleben sie regen Zulauf.

Bisher interessierten sich vor allem eingefleischte Computernutzer und Aktivisten in Krisenregionen dafür. Dann machte Snowden öffentlich, wie umfassend der Internetverkehr ganz normaler Nutzer von amerikanischen und britischen Geheimdiensten aufgezeichnet und analysiert wird. Damit ist Verschlüsselung kein Nischenthema mehr.

"Das sollten eigentlich alle kennen"
"Viele Menschen sind natürlich stark verunsichert und wollen herausfinden, wie sie sich schützen können", sagt Katharina Nocun, die Geschäftsführerin der deutschen Piratenpartei. Die Piraten haben sich das Thema wahlkampfwirksam auf die Fahnen geschrieben. Sie organisieren eigene "Cryptopartys" in Städten wie Münster, Braunschweig oder Aachen. Sichere Kommunikation im Netz sollte für alle Menschen zugänglich sein, sagt Nocun.

Das sieht auch Malte Dik so, der die "Cryptoparty" in Berlin organisiert hat. Für ihn bilden die Partys eine Verbindung zwischen den Hackern, die die Programme basteln, und den Nutzern der Technik. Er will sich nicht nur gegen staatliche Überwachung wehren, sondern auch Unternehmen einen Riegel vorschieben, die aus dem Surfverhalten detaillierte Nutzerprofile erstellen. "Es gibt Millionen Gründe", sagt er. Verschlüsselung und Anonymisierung seien wie digitale Fitness. "Das sollten eigentlich alle kennen."

Der Einstieg in die "Crypto"-Szene fällt nicht leicht
Doch die Vermittlung klappt nicht immer. Die Hacker-Treffpunkte, wo die Veranstaltungen oft stattfinden, können in ihrer unverputzten Anarchie abschrecken. Manchmal verstehen die Teilnehmer die Hackersprache nicht, fühlen sich überfordert. Am Ende hat dann kaum jemand ein neues Programm auf dem eigenen Rechner installiert.

Klar geht das auch anders. Bei der eingangs beschriebenen "Cryptoparty" kommt es zum Dialog zwischen Verschlüsselungs-Experten und dem interessierten Publikum. Auch als zwischendurch für einen Moment das Internet abgeschaltet werden muss, gehen die Diskussionen angeregt weiter. Auch, weil die Veranstalter darauf bedacht sind, allen Teilnehmern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Online-Überwachung kann lebensgefährlich sein
Die Hilfestellung ist auch nötig. "Eigentlich ist das ganz trivial, aber ich muss auf viele Sachen achten", sagt Stephan Urbach. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Verschlüsselungstechniken, er half syrischen und ägyptischen Aktivisten, sicher mit der Außenwelt zu kommunizieren. Im Internet überwacht zu werden, kann dort lebensgefährlich sein. Auch wenn viele Programme nicht besonders benutzerfreundlich sind, rät Urbach, sich nicht entmutigen zu lassen. "Wir müssten eigentlich viel mehr verschlüsseln." Noch errege eine verschlüsselte Nachricht erst recht Aufmerksamkeit, vermutet er. Dennoch sagt er: "Es geht einfach darum, klar zu machen: Wir lassen uns nicht überwachen."

Absolute Sicherheit können allerdings auch die Verschlüsselungstechniken nicht schaffen. Immerhin könne man es den Geheimdiensten schwerer machen, meint Urbach. Und "Cryptoparty"-Organisator Dik sagt: "Mit wahnsinnig wenig Aufwand erreicht man schon wahnsinnig viel Sicherheit." In Berlin wollen sich die verschiedenen Organisatoren von "Cryptopartys" jetzt zusammensetzen und eine regelmäßige Reihe schaffen. In Wien gibt es ebenfalls immer wieder solche Veranstaltungen.

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