03.10.2012 00:08 |

Mit Nachdruck

Mercedes SL 500: Komfortabler Supersanftsportler

Wer hätte das gedacht: Der Mercedes-Benz SL 500 macht jung! Oder warum sonst ruft mir einer aus einer Gruppe Jugendlicher im 2. Wiener Bezirk nach "den hat dir der Papa gezahlt, oder"? Ich nehme es als Kompliment für meine lässige Cabriofrisur, die mir der 167.000-Euro-Friseur geföhnt hat: mit brachial wirkenden, aber sanft vermittelten 435 PS in einem künftigen Klassiker voll muskulöser Eleganz.
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Die Schokoladenseite ist vorn, bzw. von vorn seitlich oder oben betrachtet. Man sitzt tief im neuen SL und blickt über eine laaange Motorhaube, die sich bis zur senkrecht stehenden Kühlermaske spannt, die wiederum mit ihrem großen Mercedesstern in einer Chromspange den Ur-SL wiederaufleben lässt. Extrem elegant die Chromspangen und –finnen über den Lüftungsschlitzen auf der Motorhaube und seitlich, wunderschön. Nur das LED-Tagfahrlicht in zwei weiteren Chromspangen kommt fast ein bisschen pubertär. Die Hauptscheinwerfer entziehen sich dagegen jeglicher Kritik. Durch sie und um sie herum entsteht die kräftige Linie, die sich dynamisch und die Breite betonend nach hinten zieht (man muss dazusagen: Hier ist das "Sportpaket AMG" verbaut, zu dem Frontschürze, Heckschürze und Seitenschwellerverkleidungen gehören).

Das Heck hält nicht ganz mit, vor allem wenn das Glas-/Magnesium-Faltdach geschlossen ist. Zu glatt und nach hinten abfallend erinnert es an die zumeist mit fragwürdiger Schönheit gesegneten viersitzigen Blechfaltdach-Cabrios vom Schlage eines Peugeot 308 CC oder Renault Mégane CC. Die beiden weit auseinanderliegenden, gewaltigen Auspuffendstücke mühen sich redlich, die Blicke auf sich zu ziehen.

Dach auf Knopfdruck durchsichtig oder offen
Sonst ist die Linie auch mit geschlossenem Dach tadellos, wobei dieses ganz besondere Qualitäten aufweist: Es ändert auf Knopfdruck seine Tönung von durchsichtig auf Gletscherbrillendunkel, erlaubt also Licht an trüben Tagen und optimalen Sonnenschutz, wenn der "Planet" runterbrennt. Zusätzlich hält es alles Laute draußen, weswegen der SL als echtes Coupé durchgeht.

Es ist also leise im Innenraum, der Fahrtwind hält sich zurück, es knistert nicht im Gebälk – beste Voraussetzungen für musikalischen Genuss aus dem Harman-Kardon-Surround-Soundsystem. Der Klang ist phänomenal, nicht nur wegen der 600 Watt und 14 Lautsprecher, sondern dank in die Karosseriestruktur eingearbeiteter Resonanzräume.

Die Anlage sorgt dafür, dass man auch genug Hochwertsound auf die Ohren bekommt, wenn man den SL artgerecht, also offen bewegt. Das Dach öffnet sich in knapp 20 Sekunden (schließen dauert etwas länger), wobei das Fahrzeug so lange stehen muss. Den Wettstreit der Hersteller, bis zu welchem Tempo sich ein Cabriodach bedienen lässt (Porsche ist bei 60 km/h), macht Mercedes nicht mit. Nicht ideal ist, dass die kleinen hinteren Seitenscheiben nicht vollständig versenkbar sind.

Luxus vom Feinsten
Nominell kostet der SL 500 137.000 Euro, und man möchte in Sachen Ausstattung nicht von "nackt" sprechen (kann man aber im Prinzip). Der Testwagen allerdings kommt auf über 167.000 Euro, was inhaltlich betrachtet zu einem stimmigen Gesamtpaket führt. Natürlich will man das elektrische Windschott, auch die Nackenheizung namens Airscarf darf nicht fehlen, die Scheibenwaschanlage, die aus den Wischern spritzt, das Sportpaket, das ebensolche Fahrwerk, Leder natürlich. Diese "offene, zweisitzige S-Klasse" lässt sich zum rollenden Palast aufrüsten, bis hin zum Kofferraumdeckel, der auf- und zuschwingt, wenn man mit dem Fuß unterm Heck herumfuchtelt. Liegt das Dach gefaltet drin, hebt es sich automatisch an, damit man auf den Laderaum (364 Liter mit offenem, 504 Liter mit geschlossenem Dach) zugreifen kann. Überhaupt ist die Anmutung im Innenraum absolut edel, bis hin zum Mini-Automatikwählhebelchen a la SLS. Von den edlen Luftausströmern ganz zu schweigen.

Wohlfühlen im Innenraum
Der SL tut alles, um seine Passagiere zu verwöhnen, auf Wunsch sogar bis zum Massagesitz. Auch das Auge wird im Innenraum verwöhnt, so weit es reicht, die Hände fassen feinstes Material. Einzig Tacho und Drehzahlmesser konterkarieren den eleganten Eindruck. Müssen diese pubertären Karos auf den Zifferblättern unbedingt sein? Und warum gönnt man uns nicht klarer ablesbare Ziffern (gilt auch für die mittig platzierte Analoguhr)? Außerdem ist die Oberkante der Instrumente von den hervorstehenden Chromringen verdeckt, wenn ich meine Sitzposition ordnungsgemäß eingenommen habe.

Sanfter, effizienter V8-Motor
Über das Gustostückerl des SL 500 haben wir noch gar nicht gesprochen: Es ist der 4.663 ccm große V8-Motor mit 435 PS. Satte 700 Nm stellt er schon bei 1.800/min. bereit und sorgt mit einer nachdrücklichen Souveränität für Vortrieb in jeder Lebenslage, dass es eine Freude ist. Egal bei jedem Tempo: Man braucht gute Nackenmuskeln, wenn man das Gaspedal kräftig betätigt. Und das ohne aufdringlichen Rennwagenlärm, sondern mit gepflegtem V8-Sound, der dezent die Nackenhaare aufstellt. In 4,6 Sekunden schafft es der SL 500 von null auf 100 km/h. Zum Vergleich: Der BMW M5 (560 PS) kann das auch nur drei Zehntel schneller, wiegt aber auch rund 200 kg mehr.

Das ist eines der dynamischen Geheimnisse des SL: Er ist rund 100 kg leichter als sein Vorgänger und wiegt nur 1,7 Tonnen (fast macht es Sinn, das Kürzel SL auszuschreiben: Sport Leicht). Dadurch und dank des effizienten Motors ist ein für diese Fahrzeugklasse hervorragender Verbrauch möglich. Schon der Normverbrauch klingt mit 9,1 l/100 km ganz achtbar, für viel bemerkenswerter halte ich jedoch den Testverbrauch von glatten 11,0 Liter. Wohlgemerkt: 4,7 Liter Hubraum, 435 PS. Bei 253 km/h wird abgeregelt, dann steht die Nadel ganz knapp vor dem Skalenende bei 260. Auf Wunsch lässt sich der SL 500 auf 300 km/h aufmachen.

Das Fahrgefühl ist dabei hervorragend, man sitzt recht tief im Fahrzeug. Wenn das Lenkrad einen größeren Längsverstellbereich hätte, würde ich von einer idealen Sitzposition sprechen. Die Lenkung selbst ist verbindlich und das Fahrwerk hält mit der Motorleistung durchaus mit, wenn man es nicht darauf anlegt, Rennen zu gewinnen.

Der Eindruck insgesamt: dezent brachial und grundsolide. Und weil es auf unserer Facebook-Seite gefragt wurde: Es quietscht und klappert nichts, weder bei offenem, noch bei geschlossenem Dach. Allerdings bauen sich aus dem Fahrwerk Dröhnfrequenzen auf, wenn die Straße leicht uneben ist. Und könnte etwas krachen, wenn man unaufmerksam ist: Schaltet man den Motor ab, geht die Siebengangautomatik in Leerlauf, d.h. das Auto rollt weg, wenn man nicht bremst. Erst beim Öffnen der Tür stellt es sich auf "P". Der SL kommt zwar auf Wunsch mit aktivem Parkassistenten – vor solchen Blechschäden kann er aber nicht schützen. Wäre schade. Vor allem vorn…

Warum?

  • Der sanft-arge V8-Motor
  • Die vielen Kleinigkeiten, die große Beträge Aufpreis kosten
  • Der solide Eindruck
  • Der Spagat zwischen sportlichen Möglichkeiten und komfortablem Gleiten

Warum nicht?

  • Das Design der Instrumente
  • Das Heckdesign
  • Das unterschwellige Dröhnen aus dem Fahrwerk

Oder vielleicht …

… zum SL 350 greifen, V6, 306 PS, ab 103.000 Euro; sonst Maserati Gran Cabrio, Jaguar XK Cabrio, BMW 6er Cabrio

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