Forschung

Heilkraft per Zufall

Tatsächlich verdankt die Medizin viele Entdeckungen einfach günstigen Umständen. Berühmtes Beispiel ist Sildenafil. Dieses Arzneimittel wurde ursprünglich gegen Herzenge eingesetzt. Nun hilft es bei erektiler Dysfunktion.

Die Rinder wussten nicht, dass sie mit dem Verzehr von verrottendem Steinklee auch Cumarin aufnahmen. Ihr Problem: Es führte zu inneren Blutungen. Der Pflanzenwirkstoff stellt nämlich ein starkes Blutverdünnungsmittel dar. Ebenso gleichsam von der Blumenwiese weg entdeckt wurde, dass der Stoff Digitalis in der Fingerhutpflanze bei herzschwachen Personen plötzlich zur Symptomverbesserung führte. „Früher beobachteten manche Menschen eben solche besonderen Ereignisse genau und spürten unwillkürlich Heilkräfte auf. Heute werden viele Zufallsentdeckungen im Rahmen von klinischen Studien registriert, wo Experten systematisch die Wirkung und Nebenwirkungen von Medikamenten dokumentieren“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Ghazaleh Gouya-Lechner, Fachärztin für Innere Medizin, Kardiologie und Klinische Pharmakologie in Wien. „Es kommt dann zu durchaus überraschenden Entwicklungen, wie zuletzt bei einem Arzneimittel zur Behandlung von Diabetes mellitus. Hier zeigte eine Studie, dass damit vor allen die Re-Hospitalisierungsrate Zuckerkranker aufgrund von Herzschwäche deutlich gesenkt werden konnte. Nun ist das Mittel auch erfolgreich als Herzinsuffizienz-Medikament im Einsatz.“

Erst bei Herzenge, dann für die Potenz
Für seinen „anderen“ Wirkmechanismus berühmt wurde der Wirkstoff Sildenafil. Da er die Gefäße erweitert, entwickelte man ihn ursprünglich zur Behandlung von Herzenge (Angina Pectoris). Während der ersten klinischen Studien entdeckten die Forscher als Nebenwirkung verstärkte Erektionen bei Männern. Das stellte plötzlich ein völlig neues Einsatzgebiet für dieses Medikament dar.

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Diese glücklichen Zufälle, auf Englisch ,Serendipity‘, kommen nicht täglich vor, aber geschätzte zehn Prozent der Medikamente wurden so aufgespürt.

Priv.-Doz. Dr. Ghazaleh Gouya-Lechner

Plötzlich sprießen die Haare wieder
Als weiterer Zufallstreffer entpuppte sich Minoxidil. „Diese Arznei wird auch heute noch zur Therapie von Blutdruck eingesetzt“, erläutert Dr. Gouya-Lechner. „Bei den damit behandelten Patienten zeigte sich auf einmal ein verstärkter Haarwuchs. Das ist der Grund, weshalb Minoxidil heute das meistverkaufte Produkt bei androgenem Haarverlust darstellt.“ Äußerst interessant gestaltet sich laut Dr. Gouya-Lechner auch die Entwicklung von Botox: Emile van Ermengem entdeckte das Bakterium „Clostridium botulinum“ in hausgemachtem Schinken, welches sich auch als Verursacher von Lebensmittelvergiftungen beim Menschen herausstellte. Während des zweiten Weltkriegs erhielten der amerikanische Biochemiker Dr. Edward J. Schantz und sein Team von der US-Armee den Auftrag, Botulinumtoxin A auf seine mögliche militärische Verwendung hin zu untersuchen.

Kurz nach diesem Durchbruch, im Jahr 1953, entdeckte dann der Physiologe Dr. Vernon Brooks, dass die Injektion extrem kleiner Mengen dieses Giftes in einen überaktiven Muskel vorübergehende Entspannung bewirkte. „Dies öffnete die Tür für den medizinischen Einsatz von Botulinum Toxin A, z. B. gegen Schielen, krankhaft erhöhte Muskelspannung, Vorbeugung von Migräne, bei Harninkontinenz und noch weiteren Einsatzgebieten“, führt die Expertin aus. „Und schließlich folgte die gewichtige Entdeckung Mitte der 1990er Jahre, dass bei Einsatz von Botox zur Behandlung von Lidkrampf (Blepharospasmus) auch die Zornesfalten der Patienten zu verschwinden begannen ...“

Forschung ist bedeutend
Dr. Gouya-Lechner. „Diese Ereignisse und jene im Rahmen der Corona-Pandemie zeigen, wie wichtig Forschung ist. Die rasante Entwicklung von Impfstoffen gegen das Virus war nur möglich, weil die Grundlagen bereits ausgearbeitet waren und weiterentwickelt wurden. Die mRNA-Impfungen entstanden ja zunächst für die Therapie gegen Krebs. Auch Österreich als kleines Land hat hier beispielhafte Entwicklungen gezeigt.“ Die Studienteilnehmer selbst leisten übrigens einen ebenso gewaltigen Beitrag zur medizinischen Forschung - und können unter anderem positive Überraschungen erleben, wie die Geschichte zeigt.

Von
Eva Greil-Schähs
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Sonntag, 05. Dezember 2021
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