Obwohl Frauen nahezu die Hälfte der Ärzteschaft in Österreich stellen, sehen sich viele weiterhin mit geschlechtsspezifischen Herausforderungen konfrontiert. Eine aktuelle Umfrage unter Ärztinnen am Kepler Universitätsklinikum Linz (OÖ) zeigt, mit welchen Problemen Frauen in der Medizin zu kämpfen haben.
In den vergangenen Jahrzehnten stieg der Anteil von Frauen in medizinischen Berufen deutlich. Waren 1990 nur 30 Prozent der Ärzteschaft Frauen, sind es aktuell etwa die Hälfte. Dennoch haben viele das Gefühl, dass sich grundlegende Probleme nur langsam bessern. Nach wie vor etwa stehen Ärztinnen mit Kindern unter großem Druck, Familie und Karriere zu vereinbaren. Das bestätigen auch Untersuchungen.
„Die Ergebnisse unserer jüngsten Umfrage unterstreichen deutlich, dass strukturelle Hürden für Ärztinnen weiterhin bestehen und insbesondere Frauen mit Kindern vor besondere Herausforderungen gestellt werden“, erklärt dazu Studienautorin Prof. Dr. Anna Reisinger, MBA, Fachärztin für Augenheilkunde, Kepler Universitätsklinikum Linz (OÖ).
Benachteiligt aufgrund des Geschlechts
Rund 60 Prozent der Befragten gaben an, sich während ihrer ärztlichen Tätigkeit schon einmal aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt gefühlt zu haben. Frauen, die schon Kinder hatten, berichteten dabei häufiger von Diskriminierungen als Frauen ohne Kinder.
Zu ähnlichen Ergebnissen kam vor Kurzem bereits eine Studie der Wiener Ärztekammer: Dort zeigte sich die Mehrheit der Ärztinnen zwar mit ihrer Karriereentwicklung zufrieden, erlebte im Berufsalltag jedoch ebenfalls erhebliche Hürden und Missstände. Zwei Drittel (64 Prozent) gaben an, im Laufe ihrer Karriere bereits mit Benachteiligungen konfrontiert gewesen zu sein.
Es braucht strukturelle Rahmenbedingungen, die Chancengleichheit ermöglichen und Talente langfristig im Gesundheitssystem halten

Prof. Anna Reisinger, MBA, Fachärztin für Augenheilkunde Kepler Universitätsklinikum Linz
Bild: Dr. Anna Reisinger
Vor allem bemerkbar macht sich das beim Berufsfeld der Chirurgie. So präsentiert sich als ein zentrales Ergebnis der Studie des Kepler Universitätsklinikums: Chirurginnen verbringen nach ihrer Rückkehr aus der Karenz deutlich weniger Zeit im Operationssaal als vor ihrer Schwangerschaft. Die durchschnittliche OP-Zeit sank von 15 auf nur mehr 7 Stunden pro Woche. Gleichzeitig verringerte sich der Anteil operativer Tätigkeit an der Gesamtarbeitszeit von 40 Prozent auf 26 Prozent.
Frauen verlieren Operationszeit
„Damit verlieren Chirurginnen nach der Karenz nahezu die Hälfte ihrer Operationszeit – das hat weitreichende Folgen für deren berufliche Erfahrung, Weiterbildung und Spezialisierung sowie für die gesamte Karriereentwicklung“, macht Prof. Reisinger klar.
Die Angst vor negativen Konsequenzen beginnt dabei schon häufig vor der Geburt. So gaben 30 Prozent der befragten Ärztinnen an, Bedenken gehabt zu haben, ihre Schwangerschaft zu melden. „Sie fürchteten Einschränkungen, geringere Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Einschränkungen in ihren chirurgischen Tätigkeiten. Außerdem hatten sie Angst vor negativen Reaktionen der Kollegen“, so Dr. Reisinger.
Aber auch wer (noch) keine Kinder hat, fühlt sich beeinflusst – und verzichtet mitunter entweder auf Nachwuchs oder auf den Traumberuf im chirurgischen Fach. Mehr als zwei Drittel der Befragten gaben demnach an, dass ihre Karriereplanung starken Einfluss auf die Absicht, eine Familie zu gründen, habe. So berichteten viele Studienteilnehmerinnen, ihren Kinderwunsch zugunsten ihrer beruflichen Entwicklung aufzuschieben. Andere entschieden sich aufgrund der besseren Vereinbarkeit bewusst gegen eine chirurgische Laufbahn.
Karrierebremse Mutterschaft
42 Prozent waren der (korrekten) Meinung, eine Schwangerschaft bzw. die Mutterrolle würde ihre Karriere beeinträchtigen oder verlangsamen. Auch Führungsrollen seien viel schwerer zu erlangen, wenn man bereits Kinder hätte. Die Ärztekammer-Studie zeigte ebenfalls: Familienplanung und Kinderbetreuung stellen für jede zweite Ärztin (52 Prozent) die größten Karrierehindernisse dar.
Laut Dr. Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, stellen diese Ergebnisse einen klaren Handlungsauftrag an die Politik dar, Hürden abzubauen, gezielte Förderung zu etablieren und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nachhaltig zu verbessern.
Vereinbarkeit von Familie und Karriere fördern
Das betont auch Prof. Reisinger: „Die Vereinbarkeit von Familie und Karriere darf nicht vom persönlichen Durchhaltevermögen einzelner Ärztinnen abhängen. Es braucht strukturelle Rahmenbedingungen, die Chancengleichheit ermöglichen und Talente langfristig im Gesundheitssystem halten.“
Das Kepler Universitätsklinikum hat bereits eine erste Maßnahme umgesetzt: So sind seit Juni 2026 alle Primarärzte und -ärztinnen verpflichtet mit Ärztinnen und Ärzten die länger als drei Monate in Elternkarenz gehen vor Beginn der Karenz ein Karrieregespräch zu führen, in dem unter anderem konkret festgehalten wird, wieviel Arbeitszeit im Operationssaal oder auf der Station etc. verbracht wird.
Bei Rückkehr soll zumindest die prozentuelle Verteilung der Arbeitszeit auf die verschiedenen Bereiche eingehalten werden. So soll eine Anknüpfung an alle Aspekte der ärztlichen Tätigkeiten gewährleistet werden.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.