18.11.2020 11:09 |

Untersuchung aus Wien

Wie soziale Medien unsere Gesellschaft zerreißen

„Durchs Reden kommen d‘Leut zam“, heißt es. Ein gegenläufiges Ergebnis liefert eine Arbeit von Komplexitätsforschern um Stefan Thurner und Tuan Pham vom Wiener Complexity Science Hub (CSH). Demnach begünstigt gerade die in den vergangenen 20 Jahren stark gewachsene Anzahl an (Online-)Beziehungen den Zerfall der Gesellschaft in kleine Gruppen mit gleicher Meinung, die sich gegenüber anderen abgrenzen, berichten sie im Fachjournal „Journal of the Royal Society Interface“.

Corona-bedingtes „Social Distancing“ hin oder her - es sind vor allem technische Neuerungen, die es dieser Tage erlauben, relativ enge Kontakte zu einer Unzahl an Menschen zu pflegen. Thurner weist in einer Aussendung des CSH etwa auf die Ablöse des begrenzt nutzbaren Vierteltelefons durch den Vollanschluss, über das Handy und schlussendlich zur totalen Synthese der Telefonie mit dem Internet im omnipräsenten Smartphone hin. Letztlich durch Social Media bringt das einer Vielzahl an Menschen noch bis vor kurzem undenkbare Möglichkeiten zur Erweiterung des persönlichen Netzwerkes.

Fragmentierung der Gesellschaft zu beobachten
Diesen, in den vergangenen beiden Jahrzehnten gewachsenen Möglichkeiten, steht die mittlerweile viel zitierte Fragmentierung der Gesellschaft gegenüber, die offenbar nicht nur in den mit diesem Phänomen oft in Verbindung gebrachten USA um sich greift. Nach Ansicht vieler Experten hat sich das zuletzt weiter beschleunigt und auch die Coronakrise macht in ihrem Fortschreiten deutlich, wie stark ausgeprägt „Filterblasen“ oder „Bubbles“, in denen sich nur noch mehr oder weniger Gleichgesinnte in ihren jeweiligen Ansichten bestätigen, mittlerweile sind.

Wie es unter diesen Bedingungen zu einer derartigen gesellschaftlichen Verzwergung kommen kann, hat sich das Team um den Netzwerkforscher Thurner und den Studien-Erstautor und Dissertanten am CSH und der Medizinischen Universität Wien, Tuan Pham, nun mit Hilfe mathematisch-physikalischer Methoden angenähert. Rechnerisch umgesetzt haben die Wissenschaftler zwei bekannte und gut abgesicherte Konzepte aus der Soziologie.

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Um Stress zu vermeiden, besteht die Tendenz, dass sich Meinungen innerhalb einer Gruppe immer mehr aneinander anpassen und angleichen.

Tuan Pham, Complexity Science Hub

Eines davon ist die „Homophilie“, die man auch mit dem altbekannten Spruch „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ zusammenfassen kann. Tuan Pham: „Um Stress zu vermeiden, besteht die Tendenz, dass sich Meinungen innerhalb einer Gruppe immer mehr aneinander anpassen und angleichen.“

Meinungsverschiedenheiten verursachen Stress
Das zweite soziologische Theorem, das die Wissenschaftler berücksichtigten, ist die „Kognitive Balancetheorie“. Sie wurde vom österreichischen Psychologen Fritz Heider 1946 aufgestellt. Dabei wird von sozialen Dreiecken ausgegangen, die sich zwischen Menschen aufspannen. Die Grundannahme ist, dass sich in diesen Dreiecken am wenigsten Stress auftut, wenn im Grunde alle Beteiligten der gleichen Ansicht sind - man sich also nicht nur jeweils mit zwei Freunden gut versteht, sondern auch zwischen diesen beiden Einvernehmen herrscht. „Was wir nicht gut aushalten, ist, wenn zwei Menschen, mit denen wir uns gut verstehen, sich nicht mögen oder z.B. miteinander streiten. Solche Zustände der Imbalance kommen in Gesellschaften tatsächlich auch viel seltener vor“, so Thurner.

Unter der Annahme, dass Menschen von sich heraus einen Zustand suchen, der möglichst wenig Stress bereitet, rechneten die Wissenschaftler ihre Szenarien durch. Dabei zeigte sich, dass die virtuellen Gesellschaften sich entweder als kohärent - also von Zusammenhalt geprägt - oder fragmentiert präsentierten. Letzteres meint die Aufteilung der Bevölkerung in lauter kleine, in sich relativ abgeschlossene Einheiten, die sich untereinander prächtig verstehen, nach außen aber abgeschottet sind.

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Sind plötzlich 20 von 100 gegen mich, halte ich das nicht aus. Ich werde diesen 20 künftig also aus dem Weg gehen. Stattdessen suche ich meine eigenen sozialen Blasen auf. Besonders einfach ist das in der Online-Welt.

Tuan Pham, Complexity Science Hub

Der Wechsel zwischen den beiden Formen ging in den Simulationen abrupt vonstatten. Dieser von den Forschern „Umschlagpunkt“ genannte Effekt trat ein, sobald die Anzahl der Beziehungen der Menschen untereinander einen bestimmten Wert überschritt. Die Wissenschaftler erklären das so: Ist man im Schnitt mit relativ wenigen Personen in Kontakt, hält man es eher aus, wenn ein paar davon anderer Meinung sind. „Aber sind plötzlich 20 von 100 gegen mich, halte ich das nicht aus. Ich werde diesen 20 künftig also aus dem Weg gehen. Stattdessen suche ich meine eigenen sozialen Blasen auf. Besonders einfach ist das in der Online-Welt“, so Tuan Pham.

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Wenn sich alle in ihren Bubbles bewegen und nicht mehr bereit sind, diese Komfortzonen zu verlassen, wie sollen wir als Gesellschaft dann noch Themen ausverhandeln und zu Kompromissen gelangen, die die Grundlage aller Demokratie sind?

Stefan Thurner, Complexity Science Hub

Für Thurner sind diese Ergebnisse ein Warnsignal, folgt doch die schlagartige Fragmentierung zumindest in ihrem Modell und unter diesen Voraussetzungen „so sicher wie ein Naturgesetz“. Die extreme Polarisierung der Gesellschaft etwa in den USA und der Aufschwung von Verschwörungstheorien im Netz zeige, dass diese Gefahr durchaus real ist. „Wenn sich alle in ihren Bubbles bewegen und nicht mehr bereit sind, diese Komfortzonen zu verlassen, wie sollen wir als Gesellschaft dann noch Themen ausverhandeln und zu Kompromissen gelangen, die die Grundlage aller Demokratie sind?“, fragt Thurner. Dem mit einer dem Zeitgeist stark gegenläufigen Reduktion der Kontakte entgegenzuwirken sei jedenfalls „vollkommen unrealistisch“.

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