07.11.2020 11:13 |

208 PS, 201 kg

Ducati V4 Streetfighter: Unfassbar statt unfahrbar

Es ist der Sound. Es ist die Optik. Es ist dieses unbändige Anschieben. Es ist dieses Vertrauen, das sie einem gibt, wenn man sich auf sie eingelassen hat. Die Ducati Streetfighter V4 ist der nackte Wahnsinn, dabei aber weit entfernt von zwanghaft gefährlich. Trotz 208 PS bei nur 201 kg. Atemberaubend. Ein unfassbares Bike.

Du startest und bekommst sofort Gänsehaut, wenn sie nicht eh noch aktiv ist, angesichts der Optik, mit der dich die Streetfighter V4 schon beim Auf-sie-Zugehen in brachialer Schönheit erwartet und in ihren Bann gezogen hat. Dann massiert ein sanftes Vibrieren Trommelfelle, Bauch und den ganzen Körper als Resonanzraum, während du Richtung Horizont stürmst. Oder so.

Laut ist halt mittlerweile böse
Zugegeben, laute Motorräder sind nicht zeitgemäß und der Standgeräuschpegel von 106 dBA überschreitet um satte 31 dB jenen Grenzwert, über dem Motorräder auf einigen Strecken im Außerfern geächtet werden. Doch der Sound der Streetfighter funktioniert bereits ab Standgas, ohne dass man wirklich Lärm machen müsste. So ein tiefes Geräusch, das direkt im Bauch landet und Glücksgefühle auslöst.

Anders als bei vielen anderen Bikes kommen die Schallwellen auch während der Fahrt beim Piloten an, weil sie nicht hauptsächlich im Auspuff erzeugt werden, sondern in der Airbox. Und selbst wenn man gern zügig fährt, braucht es keine überdimensionalen Drehzahlen, obwohl das maximale Drehmoment von 123 Nm erst bei 11.500/min. zur Verfügung steht, die Maximalleistung sogar erst bei 12.750/min. Und, ja, der rote Drehzahlbereich beginnt bei 14.500 Touren und es bereitet ein geradezu diebisches Vergnügen, das alles auch auszureizen. Das muss man dann halt mit seinem Gewissen ausmachen. Die Maximaldrehzahl von 15.000/min. im sechsten Gang im Race-Modus ist aber eh nur was für die Rennstrecke.

Voller Sport, beste Manieren
Wir könnten jetzt über die MotoGP-Herkunft des Desmosedici Stradale genannten Triebwerks sinnieren, die identischen Abmessungen und Geometrien, die gleiche Motorkonfiguration und Einbaulage (90-Grad-V4, 42 Grad nach hinten gedreht), die gegenläufig drehende Kurbelwelle (gut für Agilität und gegen Wheelieneigung), den aus dem GP-Motor übernommenen Ölabstreifring, aber wozu? Wichtiger ist, was bei all dem Aufwand und all der Rennsporterfahrung im Alltag rauskommt. Und das stresst weniger, als das MotoGP-Etikett vermuten lassen würde.

Wer eine italienische Diva erwartet, wird angenehm enttäuscht: Schon ab 2000 Touren entfaltet der 1103-ccm-V4 seine Power ohne Ruckeln. Schaltfaul fahren? Kein Problem. Es entspannt, nach einem stressigen Arbeitstag auf der Drehmomentwelle dahinzusurfen. Allerdings ist es beinahe schade, den Schalthebel zu schonen, denn der Quickshifter/Blipper arbeitet so geschmeidig, wie man es selten erlebt.

Noch ein Komfort-Feature: Damit dem Fahrer im Sommer in der Stadt nicht der Allerwerteste wegbrennt, wird im Leerlauf die hintere Zylinderbank abgeschaltet, wenn die Kühlwassertemperatur 75 Grad überschreitet.

Bequem und superstabil
Streetfighter, das waren ursprünglich umgebaute Superbikes, die etwa wegen eines Unfalls ihre Verkleidung verloren hatten. Schnell und auf Dauer unbequem. Die Ducati V4 Streetfighter V4 könnte man als Panigale ohne Verkleidung und mit höherem Lenker bezeichnen, aber sie ist viel mehr. Obwohl sie höchste Ansprüche an Leistung und Sportlichkeit erfüllt, ist sie sogar auf langen Strecken bequem, die Sitzposition relativ aufrecht, der Kniewinkel moderat. Die ohne Unterbrechung zurückzulegende Strecke wird also nicht von Hintern und Knien begrenzt, sondern höchstens vom mit 16 Liter sehr kleinen Tank (der sich teilweise unter dem Sitz befindet). Das Kreuz könnte noch ein Faktor sein, denn auf schlechten Straßen spürt man das harte Fahrwerk im Kreuz. Und das semiaktive elektronische Öhlins-Fahrwerk bringt nur die S-Version mit.

Die V4 ohne S trägt ihre Räder an einer 43-mm-Big-Piston-Gabel von Showa und einem Sachs-Federbein, alles voll einstellbar. Auch ein Sachs-Lenkungsdämpfer ist dabei.

Handlich vs. stabil
Auf den ersten Kilometern habe ich die Ducati eine Spur sperrig empfunden. Eine KTM 1290 Super Duke R ist sicherlich handlicher, wendiger, bietet aber auch nicht diesen unbändigen Druck. Die V4 ist hingegen etwas stabiler ausgelegt, damit sie den Fahrer auch bei hohem Tempo nicht überfordert bzw. bei voller Beschleunigung zu leicht das Vorderrad hebt.

Doch daran gewöhnt man sich schnell, denn von unhandlich kann man hier nicht sprechen. Ja, sie braucht ein wenig Nachdruck, um sich ins Eck zu legen, aber wer zu schulterschwach ist, hat auf der V4 Streetfighter einfach nichts verloren. Hier braucht‘s Schultern und hier braucht‘s Eier. Wobei - angesichts der elektronischen Fahrhilfen samt Kurven-ABS und der Fahrmodi (im Street-Modus ist sogar die Leistung auf 155 PS beschränkt) müssen sich auch Anfänger nicht überfordert fühlen, jedenfalls wenn sie mit entsprechend zahmen Einstellungen fahren. Und über einen starken Charakter verfügen.

Elektronik für Anfänger und Profis
Prinzipiell hat Ducati die ganze Elektronik wohl kaum aus der Panigale herverpflanzt, um Anfänger zu locken. Tatsächlich finden vor allem versierte Fahrer ein Paradies vor, dank Sechs-Achsen-IMU schöpft die Streetfighter ihtre Bits aus dem Vollen: Slide Control, Wheelie Control oder Launch Control sind immer an Bord. Alles easy und übersichtlich einstellbar über Menüschalter am linken Griff und das bestens ablesbare 5-Zoll-TFT-Display, das fast alle Infos anbietet, die man braucht. Außer einer Tankuhr (warum die Italiener hier sparen, bleibt ein Rätsel).

Die achtstufige Traktionskontrolle arbeitet prädiktiv, „ahnt“ den Gripverlust also bereits, bevor er passiert. Die Regelung erfolgt über die Drosselklappen, die Zündung und die Einspritzung, je nach Bedarf nicht unbedingt über alle drei Faktoren.

Top-Bremsen in Serie
Beide Varianten lassen auch in Sachen Bremsen nichts zu wünschen übrig, es sind Brembo-Stylema-Monoblock-Sättel verbaut. Zwei Sättel mit je vier 30-mm-Kolben wirken vorne auf 330-mm-Scheiben, hinten ist eine einzelne 245er-Scheibe mit Zweikolben-Festsattel montiert.

Unterm Strich
Vordergründig sorgt die Ducati Streetfighter V4 natürlich wegen ihrer Brachialleistung in Verbindung mit dem sensationell geringen Gewicht für Aufsehen. Doch besonders faszinierend ist ihre Bandbreite von zahm bis richtig böse, und die Geschmeidigkeit, mit der sie zu Werke geht. Auch dass sie anders als viele andere Ducatis nicht zu enge für große Fahrer ist, macht sie begehrlich. Wohl dem, der 23.295 Euro übrig hat. Oder sogar noch 4000 Euro für die S drauflegen kann. Viel Geld - aber das ist der Unterschied zwischen billig und preiswert.

Warum?
Weil man 208 PS bei 201 oder 199 kg einfach haben will
Weil sie so spielerisch geschmeidig zu fahren ist

Warum nicht?
Weil es nicht vernünftig ist

Oder vielleicht ...
... Kawasaki Z H2, KTM 1290 Super Duke R, BMW S 1000 R, Aprilia Tuono V4 1100 Factory

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