06.03.2020 05:01 |

Süchte in Österreich

Abhängigkeit ist keine Frage des Milieus

Im Laufe der Zeit gab es zahlreiche Veränderungen im Suchtverhalten der Österreicher. In unserer neuen Serie haben wir diese unter die Lupe genommen. Wonach sind die Menschen süchtig? Und gibt es Therapien?

Die Zeiten ändern sich - und mit ihnen auch die Abhängigkeiten und Süchte der Menschen. Auffallend ist vor allem, dass mittlerweile alle Schichten der Gesellschaft betroffen sind. „Nehmen wir als Beispiel die Droge Kokain, die derzeit wieder weit verbreitet ist“, erklärt der Suchtexperte Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts Wien. „Zählte man früher vielfach Künstler oder Musiker zu den Konsumenten, zieht sich die Abhängigkeit heute durch alle (Berufs)gruppen. Das weiße Pulver wird überdies von vielen verharmlost.“

Zur Alltagsdroge Zigarette hingegen greifen immer weniger (junge) Menschen, auch weil der blaue Dunst nun in öffentlichen Räumen und der Gastronomie verboten wurde. Unter anderem haben strengere Alkoholabgabegesetze in Supermärkten und Lokalen ebenfalls zu einem Rückgang der massiven Trunkenheitsvorfälle („Komasaufen“) unter Jugendlichen geführt. Ebenso lassen sich beim klassischen Glücksspiel Rückgänge verzeichnen, eventuell auch, weil Automaten aus Bars o.ä. verbannt wurden. „Wir erleben auch einen ,Aufwind’ im so genannten Alltagsdoping. Das beginnt schon damit, dass Betroffene ohne konkrete Ursache Schmerzmittel einnehmen, um etwa einen Skitag durchzustehen. Oder manche brauchen Aufputscher zur Leistungssteigerung im Job. Wie viele in dieser Weise Medikamentenabhängige es wirklich gibt, weiß man nicht.“

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Je leichter eine Droge verfügbar ist, desto mehr Menschen werden von ihr abhängig - eine eiserne Regel.

Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts Wien

Schnelle Verfügbarkeit lässt auch die Abhängigen im „Online“- Bereich ansteigen. Dazu zählen Glücksspiel, Gaming (z. B. „Fortnite“) und Social Media (Facebook, Instagram und Co.). Weitere stoffungebundene Süchte, die durch das Internet stark angefacht werden, sind Kauf- und Sexsucht (Pornografie). Auch die Arbeitssucht wird immer mehr zum Thema, ebenfalls „unterstützt“ durch die ständige Erreichbarkeit in der heutigen modernen Welt. „Es gibt aber gerade hier wiederum zahlreiche Gegenbewegungen unter den jungen Menschen. Diese gestalten ihr Leben bewusst ohne Handy und wollen ,zurück zur Natur‘“, führt Prim. Musalek aus. „Natürlich dienen gerade beim Medienkonsum die Eltern stets als Vorbild. Ein Kind wird immer lieber mit Papa oder Mama spielen, diese sollten also nicht selbst ständig nur am Smartphone hängen.“

Moderne Therapieprogramme für Abhängige verschiedenster Süchte haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. „Das beginnt schon mit der Aufmerksamkeit: Noch vor wenigen Jahrzehnten schwieg man das Thema Drogen tot, heute wird es in der Öffentlichkeit deutlich wahrgenommen“, so der Psychiater. „Unser ,Orpheus-Programm’ setzt außerdem neue Akzente in der Suchtbekämpfung. Da der reine, alleinige Verzicht auf Suchtmittel schwer fällt, heißt es, diese Bereiche des Lebens mit schöneren Aktivitäten (Musik, Sport etc.) zu füllen. Nur Ersatz reicht hier nicht aus, es muss ein besseres Angebot erfolgen. So gelingt die Therapie ohne Verbote.“

Eva Greil-Schähs, Kronen Zeitung

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