Mit dem Schulbeginn kehren nicht nur Stundenpläne zurück, sondern auch familiärer Druck, Kontrolle, starre Rollenbilder. Die Folgen werden für Lehrer wieder sichtbar. Ein Handbuch soll helfen, gefährdete Mädchen früh zu erkennen.
Ein Mädchen zieht sich zurück. Es kleidet sich plötzlich anders. Die Leistungen brechen ein. Es darf nicht mehr zum Schwimmen oder auf Schullandwoche. Was nach einzelnen Konflikten aussieht, kann ein Warnsignal sein.
Mit dem Schulbeginn rückt damit auch ein Problem wieder stärker in den Blick, das oft zu Hause beginnt und in der Schule sichtbar wird: Mädchen, deren Leben von familiären Erwartungen, Kontrolle oder Gewalt bestimmt wird. Darum ging es nun bei der Präsentation des Österreichischen Integrationsfonds in der Mittelschule am Josef-Enslein-Platz in Favoriten. Hier wurde eine neue Mädchenbroschüre vorgestellt.
„Müssen genau hinsehen“
Direktor Mario Bugl-Havlis kennt die ersten Anzeichen aus dem Schulalltag. „Unsere Aufgabe als Schule ist es, hinzusehen, genau hinzusehen“, sagt er. Lehrer erleben die Kinder täglich. Sie sehen, wenn sich ein Mädchen zurückzieht oder die Leistung plötzlich abfällt. Auch Verbote bei Schulveranstaltungen seien ein Thema. Beim Schwimmen oder bei Schullandwochen gebe es immer wieder Eltern, die ihre Töchter nicht teilnehmen lassen wollen. Vieles könne im Gespräch geklärt werden.
Unsere Aufgabe als Schule ist es, hinzusehen. Wir sehen die Kinder jeden Tag und merken, wenn sich ein Mädchen zurückzieht.
Direktor Mario Bugl-Havlis
„Diese Kontrolle ist nicht harmlos“
Integrationsexpertin Emina Šarić beschreibt, wie tief starre Rollenbilder in das Leben von Mädchen eingreifen können: Wie sollen sie sich kleiden? Mit wem dürfen sie Kontakt haben? Wie dürfen sie ihr Leben führen? Von manchen werde erwartet, nicht nur die eigene, sondern auch die Ehre der Familie zu bewahren. Das Verhalten von Mädchen werde stärker beobachtet, bewertet und kontrolliert als jenes von Burschen.
„Diese Kontrolle ist nicht harmlos“, warnt Šarić. Sie könne Bewegungsfreiheit einschränken, Freundschaften erschweren und später Bildung und Beruf beeinträchtigen. Als mögliche Folgen nennt sie Rückzug, Antriebslosigkeit, Versagensängste, Aggressionen und psychische Belastungen bis hin zu Depressionen.
Jedes Mädchen soll selbst bestimmen können, was es werden will oder ob oder wen es heiraten möchte.
Integrationsministerin Claudia Bauer (ÖVP)
Wenn der eigene Bruder zum Aufpasser wird
Auch Burschen müssten Teil der Prävention sein. Šarić warnt davor, sie in patriarchale Rollen zu drängen, in denen sie über Schwestern, Cousinen oder spätere Partnerinnen wachen sollen. Dann wird der Bruder schnell zum Aufpasser.
Integrationsministerin Claudia Bauer nannte noch drastischere Gefahren. Rund 200 Mädchen würden in Österreich jährlich zwangsverheiratet, bis zu 3000 seien von einer Verstümmelung weiblicher Genitalien bedroht. Bauer sprach außerdem von körperlicher und psychischer Gewalt, Todesdrohungen durch Familienangehörige und im schlimmsten Fall von Tötungen „im Namen der Ehre“.
Neue Broschüre soll Lehrer und Mädchen unterstützen
„Jedes Mädchen soll in Österreich selbst bestimmen können, was es einmal werden will, ob oder wen es heiraten möchte, wie es sich anziehen möchte“, sagte Bauer. Unterstützen soll dabei das neue Praxishandbuch „Schutz und Selbstbestimmung von Mädchen“. Es enthält Fallbeispiele, Gesprächshilfen, Handlungsmöglichkeiten und Hinweise auf Anlaufstellen. Themen sind unter anderem familiärer Druck, Zwangsheirat, Gewalt und Kontrolle. Das Handbuch wird österreichweit an Schulen verteilt und auch digital angeboten.
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