06.09.2019 09:07 |

Für Frühchen-Familien

Gezielte Reha nach dem „Frühstart“

Kommt ein Baby zu zeitig auf die Welt, kämpft es mitunter sehr lange mit den Folgen. Eltern und Geschwister sind ebenfalls betroffen. Umfassende Begleitung im ersten Lebensjahr hilft enorm.

Am Anfang steht der Kampf ums Überleben im Mittelpunkt. Die Ärzte müssen Komplikationen wie Atemprobleme, schwere Infektionen an Lunge, Darm, Augen oder Gehirn bei Kindern, die vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche geboren wurden, in den Griff bekommen. Im Krankenhaus wird man in den allermeisten Fällen gut aufgefangen, aber wie läuft es dann im Alltag? Vieles muss organisiert werden, frühfördernde Maßnahmen stehen auf der Tagesordnung. Das kann schnell zur Überforderung führen. Die Kinder- und Jugendreha „kokon“ in Bad Erlach (NÖ) möchte sich deshalb verstärkt jener Zielgruppe annehmen und die Familien im Rahmen eines Aufenthaltes begleiten. Je besser und kontinuierlicher diese nämlich vom ersten Tag an unterstützt wird, umso kleiner sind die Auswirkungen im späteren Leben. „Uns ist es ein besonderes Anliegen vor allem auch die Eltern aufzufangen, ihnen psychologische und psychotherapeutische Unterstützung zu bieten, in Gruppen professionellen Raum für ihre Emotionen wie Wut, Trauer etc. zu ermöglichen und den Umgang mit ihren Ängsten, Sorgen und Wünschen für ihr Kind zu erleichtern“, erklärt Prim. Dr. Anna Cavini, Ärztliche Direktorin „kokon“ Bad Erlach.

Therapiestress geht zu Hause vielfach weiter
Nach der intensiven Zeit im Krankenhaus freuen sich alle auf eine ruhige Zeit zu Hause, doch oft treten dann während des ersten Lebensjahres Probleme auf: Entwicklungsverzögerungen, Einschränkungen in der Mobilität, Schwierigkeiten beim Einführen der Beikost oder Füttern sowie schlechter Schlaf. Die meisten Frühchen erhalten deswegen verschiedenste Behandlungen. „Nicht nur die Eltern werden während der Reha-Zeit geschult, es erfolgen alle notwendigen maßgeschneiderten Behandlungseinheiten für die Kleinen über mehrere Wochen hinweg“, erklärt Prim. Dr. Cavini die Vorteile. „Außerdem kümmert sich ein Expertenteam um die Familie: Nicht nur Kinderärzte, auch -psychiater, Allgemeinmediziner, Pflegekräfte, Psycho-, Physio, Ergotherapeuten, Logopäden, Diätologen, Sportwissenschafter und einige mehr.“ Diese Begleitung findet nicht nur beim Essen oder Kochen, sondern auch beim Spielen, in der Natur oder beim Zubettgehen statt. Ziel ist, dass die Betroffenen später auch zu Hause gut zurecht kommen.

Silvia Wutte wurde mitten aus der Schwangerschaft gerissen

„Ich war ,guter Hoffnung‘, alles lief 31 Wochen lang optimal - plötzlich trat eine Präeklampsie, auch Schwangerschaftsvergiftung genannt, auf“, erinnert sich die Fotografin Silvia Wutte. „Weil es mir so schlecht ging, wurde ich durch einen Kaiserschnitt mitten aus einer Schwangerschaft gerissen, die noch lange nicht zu Ende gewesen wäre. Absoluter Ausnahmezustand für mich und meinen Mann!" Zunächst herrschte Erleichterung, dass bei dem Baby keine Lebensgefahr bestand, dann entwickelte es jedoch eine schwere Sepsis (Blutvergiftung). Jasmin war sehr schwach und musste beatmet werden. Danach zeigten sich Auffälligkeiten am Gehirn. “Das war der Beginn einer sehr langen Phase der Ungewissheit, des Wartens, Hoffens und Bangens, ob mit unserem Mädchen alles o. k. sein würde“, erinnert sich die Klagenfurterin. Jasmin wurde nach sechs Wochen mit 2,4 Kilo entlassen. Heute ist das Mädchen fünf Jahre alt und ein gesundes, aufgewecktes Kind.

„Mir fehlte damals umfassende psychologische Betreuung, auch dass ich nicht stillen konnte, tut mir heute sehr leid. Mir wurde aber diesbezüglich keine Unterstützung angeboten. Wegen all dieser Probleme hätte ich die Frühchen-Reha, die es damals noch nicht gab, gerne in Anspruch genommen“, so die heute 42-Jährige. Gerade die erste Zeit zu Hause, in der man erstmals allein voll verantwortlich zeichnet für das „kleine Bündel Leben“, ist für die neue Familie von Unsicherheiten geprägt. Wichtig war damals und ist Silvia Wutte heute noch der Austausch mit anderen Eltern. Aus einem Fotoprojekt, ihren Erfahrungen, jenen von anderen Familien und zahlreichen Informationen wurde nun ein ganzes Buch. „Es war wie eine Therapie für mich“, so die sympathische Frühchen-Mama. „Es soll anderen Betroffenen Hoffnung machen."

Eva Greil-Schähs, Kronen Zeitung

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