Mi, 19. September 2018

Weltpremiere!

04.09.2018 19:00

Mercedes EQC: Daimlers erster Zukunfts-Elektriker

Mercedes-Benz hat in Stockholm das erste Modell seiner neuen, rein elektrischen Marke namens EQ („Electric Intelligence“) vorgestellt: den EQC. Wie alle noch kommenden Vertreter dieser neuen Fahrzeug-Generation basiert er auf einer eigens für Elektrofahrzeuge entwickelten Architektur. Verkauft wird das Mittelklasse-SUV ab Mitte 2019, gebaut wird es in Bremen - auf demselben Band wie C-Klasse und CLC.

Vom Format her fährt der EQC mit seiner leicht abfallenden Dachlinie mitten zwischen GLC und GLC-Coupé. Mit 4,76 Meter Länge und 1,88 Meter Breite ist der EQC zehn Zentimeter kürzer, aber in etwa gleich breit wie ein Mercedes GLC, den er am Dach um knapp zwei Zentimeter unterbietet. Tatsächlich ist er aber eher Crossover als SUV, mit seiner Bodenfreiheit vo nur zwölf Zentimeter sind grobe Feldwege das Höchste der Gefühle. Der Unterboden ist jedoch so gut geschützt, dass auch der Kontakt mit harten Hindernissen, die aus dem Schotter ragen, keine grundlegenden Schäden anrichtet. 

Am schönsten nachts
Heck und Seitenansicht sind klar Mercedes mit einer leichten Erinnerung an Porsche an der Hinteransicht. Auffallend ist die LED-Leiste als Verbindung zwischen den Heckleuchten. Die auf futuristisch gebürstete Front ist jedoch etwas gewöhnungsbedürftig und will so gar nicht zu dem Design passen, bei dem Daimler inzwischen bei den konventionellen Autos gelandet ist. Sogar Exterieur-Design-Chef Robert Lesnik gesteht ein, dass ihm die Hinteransicht des EQC besser gefällt. Stimmiger wirkt das Ganze, wenn als Lackfarbe Schwarz gewählt wird.

„Black-Panel-Fläche“ nennen sie den schwarzen Plastik-Überschuss, der aus den Scheinwerfern um den Grill herumwächst in Stuttgart. Den oberen Abschluss bildet ein Lichtleiter als optische Verbindung zwischen den Mercedes-typischen Tagfahrlicht-Fackeln. Bei Nacht entsteht ein nahezu durchgängiges, horizontales Positionslichtband - das gab es bisher nicht (während ein LED-Band am Heck ja mittlerweile bei mehreren Herstellern Einzug gehalten hat). „Nachts ist die Front am schönsten“, meint Lesnik, ohne die Tagoptik diskreditieren zu wollen. Die Leuchtgrafik ist wirklich einzigartig.

Adaptive LED-Scheinwerfer sind Serie, blaue Kontrastelemente auf schwarzem Grund ohne jegliches Chrom kennzeichnen die neue EQ-Familie.

Der Sinn hinter der neuartigen Front
Es geht um mehr, als auf Anhieb zu gefallen, sagt der Designer. Zum einen kann sich die Einstellung zu einem neuen Design im Lauf der Zeit (nachhaltig!) ändern, zum anderen hat die große Kunststofffläche einen technischen Vorteil: In absehbarer Zeit werden hochautonome Fahrfunktionen relevant und werden gang und gäbe in modernen Autos sein, bis hin zu Level 5. Und dafür braucht man jede Menge Sensoren. Diese wiederum finden unauffällig hinter dem Kunststoff Platz, ohne dass man weitere Blenden verbauen müsste oder speziell auf Materialien und Lackierungen achten zu müssen, welche die Sensoren abschirmen könnten.

Völlig neuer Innenraum
Im Innenraum gibt der EQC den „Vorreiter einer avantgardistischen Elektro-Ästhetik“, wie es die Marketing-Abteilung formuliert. So soll der „Lamellenkragen“ der Instrumententafel an die Kühlrippen eines Hi-Fi-Verstärkers erinnern - irgendwie retro, und das soll auch so sein. Man wollte Querverweise zu elektrischen Geräten schaffen, die man von zu Hause kennt. Ein riesiger, aufgesetzter Bildschirm dominiert die Szenerie, während aufwendige Elemente wie Lüftungsdüsen mit schlüsselförmigen, roségoldfarbenen Lamellen versuchen, etwas Aufmerksamkeit abzuziehen. Sie erinnern an Kupferdrähte.

Das sieht alles nach Hightech aus, hochwertig, teuer, sprengt aber auch ein wenig die Erwartungshaltung, die mitkommt, wenn man sich in einen Mercedes setzt. Man fühlt sich weniger integriert und aufgehoben als gewohnt. Dafür reist man in Hightech-Athmosphäre.

Aber hier soll ja auch alles anders sein. Der Antrieb zum Beispiel besteht aus zwei gleich starke Elektromotoren, je einer vorne und hinten, die gemeinsam für Allradantrieb, 765 Nm und 300 kW sorgen, das sind in altem Geld 408 PS. Die vordere E-Maschine ist dabei für den schwachen bis mittleren Lastbereich auf bestmögliche Effizienz optimiert, die hintere bestimmt die Dynamik.

Wird die voll ausgeschöpft, ist nach 5,1 Sekunden aus dem Stand Tempo 100 erreicht. Nicht schlecht für ein knapp 2,5 Tonnen schweres Fahrzeug. Allein die Batterie bringt 650 kg auf die Waage. Bei 180 km/h wird abgeregelt. Ein Highspeedrennen gegen einen Tesla wird der EQC also verlieren, aber in Sachen Qualität, Komfort, Durchdachtheit und Ausgereiftheit wird der Ami dem Stuttgarter wohl nichts vormachen können.

Eine Lithium-Ionen-Batterie mit einer Kapazität von 80 kWh verspricht eine NEFZ-Reichweite von 450 Kilometern (inoffiziell sollen nach WLTP immer noch über 400 Kilometer bleiben). Sie wird in Deutschland gefertigt, besteht aus 384 Zellen und ist im Fahrzeugboden zwischen den Achsen angeordnet. Geladen wird mit maximal 110 kW, wenn eine entsprechende Ladestation zur Verfügung steht, dann sind die Akkus in 40 Minuten von 10 auf 80 Prozent angefüllt. Als NEFZ-Stromverbrauch gibt Daimler 22,2 kWh/100 km an. Bis 2020 sollen europaweit 400 entsprechende Schnellladestationen an den Autobahnen stehen, dafür ist Daimler Mitbegründer des Joint Ventures Ionity.

Bediensystem aus der A-Klasse
In Sachen Bedienung ist der EQC ganz auf Höhe der Zeit, er bedient sich des MBUX-Systems (Mercedes-Benz User Experience) samt Cloud-basierter Sprachsteuerung, das zunächst in der A-Klasse eingeführt wurde und nun nach und nach in den Baureihen das veraltete Comand ersetzen soll. Ergänzt wird MBUX um EQ-spezifische Inhalte wie die Anzeige von Reichweite, Ladezustand und Energiefluss. Auch optimierte Navigation, Fahrprogramme, Ladestrom und Abfahrtszeit lassen sich über MBUX bedienen und einstellen, samt Vorklimatisierung und was sonst noch dazugehört, teils auch via App und Sprachsteuerung..

Eine Besonderheit stellt die Funktion der „Schaltpaddles“ dar. Mit ihnen wechselt man nicht die Gänge, sondern die Stärke der Rekuperation, also wie stark der Wagen abbremst und Energie zurückgewinnt, wenn man vom Gas geht. Im stärksten der fünf Modi kann man den EQC nur mit dem Fahrpedal fahren, weil man durch Vom-Gas-Gehen so stark verzögern kann, dass bei einigermaßen vorausschauender Fahrweise bremsen meist unnötig ist.

Das System hat die Strecke voraus über Navidaten und Sensoren im Blick und gibt dem Lenker Hinweise (etwa „Fuß vom Fahrpedal“), wie er den Gegebenheiten entsprechend sparsam unterwegs sein kann. Oder erkennt der EQC während des „Segelns“ über die Radarsensoren ein langsameres Fahrzeug voraus, wird der Segelmodus automatisch abgebrochen. Beschleunigt es, wird Segeln wieder aktiviert.

Keine neuer autonomer Meilenstein
In der öffentlichen Wahrnehmung werden die angekündigten großen Elektroautos der etablierten deutschen Hersteller meist in Verbindung mit hochautonomen Fahrfunktionen gesehen. Der Mercedes EQC wird da keine neue Benchmark setzen, sondern mit nicht wesentlich mehr aufwarten, als derzeit in S- oder E-Klasse verfügbar ist.

Interessenten können sich online registrieren, um sich regelmäßig informieren zu lassen. Ein Bestellvorgang inklusive Anzahlung ist damit nicht verbunden.

Der Mercedes EQC wird nur praktisch vollausgestattet angeboten, lediglich Optionen wie Schiebedach oder verschiedene Ledersorten sowie zwei Designlinien werden angeboten. Der Preis wird sich in etwa auf dem Niveau des Jaguar i-Pace bewegen, der in Österreich ab unter 80.000 Euro erhältlich ist.

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl

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