Chaos im Ostsee-Drama
Krach unter Helfern, Ärztin geht auf Politik los
Der Kampf um das Leben des Buckelwals „Timmy“ in der Wismarbucht in Deutschland geht weiter. Doch langsam rennt den Helfern die Zeit davon. Noch dazu gibt es inzwischen Streit innerhalb des Teams. Und auch die Politik bekommt ihr Fett ab.
Zunächst zur aktuellen Rettungslage: Im aktuellen Livestream (siehe unten) ist zu sehen, wie der Buckelwal vor der Insel Poel mit seiner Brustflosse immer wieder schlägt und buckelt. Von der Stelle kommt der Wal in flachem Gewässer allerdings nicht.
Neuerlicher Rettungsversuch?
Allerdings steckt im kranken Tier offenbar noch immer Kraft, um sich selbst freizuschwimmen. Retter der schwimmenden Plattform der Privatinitiative, die die Rettung finanziert, war bis knapp vor 13 Uhr am Ort des Geschehens. Immer wieder wurde der Wahl mit Wasser bespritzt und er wurde sogar mit Nahrung (Shrimps, Hering) versorgt. Derzeit laufen Diskussionen, ob es einen neuerlichen Rettungsversuch geben soll. Seit Mittag ist „Timmy“ jedenfalls wieder alleine, die Retter zogen sich zurück.
Livestream zum Wal „Timmy“:
Helfer bespritzen Wal mit Wasser
Ein großes Problem beschäftigt die Helfer: Der Wasserstand vor der Insel Poel ist in der Nacht auf Dienstag deutlich gesunken. In den kommenden Tagen soll er bei leichten Schwankungen auf niedrigem Niveau bleiben. Damit verschlechtern sich nochmal die Rettungschancen für den Buckelwal. Ein Retter glaubt, dass die Überlebenschancen des Tiers bei 50:50 stehen.
Droht die Initiative auseinanderzubrechen?
Im Retterteam liegen unterdessen die Nerven blank. In kurzer Abfolge verlor das Team drei Mitglieder: zwei Tierärztinnen und eine Sprecherin. Die bisherige Pressesprecherin des Teams, Christiane Freifrau von Gregory, gab am Dienstmorgen ihren sofortigen Rücktritt bekannt. In einer Mitteilung erklärte sie, die aktuellen Entwicklungen und Dynamiken vor Ort entsprächen „nicht mehr den Grundwerten und Standards, für die ich persönlich und wir als Team stehen“. Um die Integrität der bisherigen Arbeit zu wahren und die weitere Rettung des Tieres nicht durch interne Differenzen zu belasten, ist ein klarer Schritt zum jetzigen Zeitpunkt unumgänglich. Eine konstruktive und professionelle Zusammenarbeit sei unter den jetzigen Rahmenbedingungen nicht mehr möglich, schreibt Christiane Freifrau von Gregory weiter.
Wal „Timmy“
- Offiziellen Messungen zufolge ist der Buckelwal „Timmy“ 12,35 Meter lang, 3,20 Meter breit und 1,60 Meter hoch. Der geschwächte Wal liegt bereits seit fast einem Monat in der Wismarbucht vor der Insel Poel (Bundesland Mecklenburg-Vorpommern).
- Erste Sichtungen des Wals hatte es Anfang März gegeben. Am 3. März tauchte der Buckelwal im Hafen von Wismar auf und lockt Schaulustige an die Kaikante. Gegen Abend schwamm er wieder Richtung Ostsee. In den Tagen darauf wurde er vor der Ostseeküste Schleswig-Holsteins sowie der Küste Mecklenburg-Vorpommerns gesehen.
- Das Tier hatte sich Experten zufolge wiederholt in Netzen verfangen. Einsatzkräfte und Meeresschützer der Organisation Sea Shepherd hatten es von einem Teil des Materials befreit.
- Am 23. März strandete der Wal das erste Mal auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand in der Lübecker Bucht. Umfangreiche Rettungsversuche starteten, das Tier schwamm schließlich selbst los. Wenige Tage später strandete es auf einer Sandbank in der Wismarbucht. Bei steigendem Wasserstand schwamm der Wal in der Nacht weiter, lag kurz darauf in der Wismarbucht wieder auf, schwamm erneut weiter. Seit 31. März saß er dann wieder fest, diesmal in der Kirchsee-Bucht. Die aktuelle Strandung im Zuge der morgendlichen Treibversuche ist nun die sechste in Folge.
US-Tierärztin legt gegen Retter und Politik nach
Bereits am Dienstag verließ US-Tierärztin Jenna Wallace, die extra aus Hawaii eingeflogen wurde, die INitiative. Sie kritisierte insbesondere zwei namentlich nicht genannte Team-Mitglieder – und schimpfte auch über Mecklenburg-Vorpommerns Umweltministerium. Dem „Focus“ schrieb sie, die Regierung habe „nicht einmal die geringsten Änderungen am Plan zugelassen“. „Sie verlangten vom Team, sich jedes Mal bei ihnen zu melden, wenn jemand zum Wal hinausfahren wollte“, zitierte der „Focus“ Wallace. In Absprache mit internationalen Experten habe das Team vorgeschlagen, den Wal mit Gurten zu transportieren, wie es die Sea World Foundation vorgemacht hat. Wie der NDR berichtete, hatte dies das Ministerium aus „tierschutzrechtlichen Gründen“ abgelehnt. Wallace selbst war mehrere Tage vor Ort, wolle aber für die „Aktion“ ihren Job nicht riskieren.
Zurück zu „Timmy“: Am Montagmorgen hatte sich der Wal zunächst freigeschwommen, war nach einem Zickzack-Kurs dann aber wieder auf einer Sandbank gestrandet. Mobilisierungsversuche – durch nahes Heranfahren – brachten keinen Erfolg. Rund zwei Stunden mühten sich Helfer, den zwölf Meter langen Wal von Booten aus in die richtige Richtung zu treiben. Dann war Schluss, der Wal stoppte und blieb am Übergang des Kirchsees zur Wismarbucht, die ihn letztlich in die Ostsee führen könnte, liegen.
Walforscher rät, die Rettungsaktion abzubrechen
Walforscher Fabian Ritter plädierte dafür, das Tier nun wirklich in Frieden zu lassen. „Dieser Wal macht, was er will. Er ist nicht zu kontrollieren und wir müssen jetzt endgültig einsehen, dass es für uns nicht möglich ist, diesen Wal aktiv zu retten“, sagte der Meeresbiologe. „Wir sollten ihm im Moment nur den größten Gefallen tun, indem wir ihn sein lassen.“ Entweder finde er wieder zu Kräften und die Schädigungen seien nicht so groß, sodass er ohne Zutun den erneuten Aufbruch schaffe. „Oder er ist halt auf dem Weg zu seinem Lebensende. Das müssen wir einfach jetzt akzeptieren.“
Auch Ritter geht davon aus, dass der Wal die ruhende Position im flachen Wasser immer wieder einnimmt, „weil er sich das Leben erleichtern will“. „Er liegt im Wasser, das trägt ihn, das heißt, er erdrückt sich nicht mit seinem eigenen Gewicht. Er muss nicht dafür sorgen, dass er an die Oberfläche kommt. Er braucht sich nicht bewegen, wenn er Schmerzen hat. Und er kann atmen, die ganze Zeit.“

Wal soll mit Sender versehen werden
Sollte sich die Gelegenheit bieten, soll der Wal nach Angaben aus dem Schweriner Umweltministerium noch mit einem Sender versehen werden. Damit ließe sich der Standort auch noch erkennen, sollte der Wal später in tieferem Gewässer abtauchen.








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