So, 19. August 2018

Downloadzahlen

18.07.2018 09:53

Software soll Betrug in Musikbranche verhindern

Die Musikbranche hat ein Betrugsproblem. Wenn Musik elektronisch vertrieben wird, ist es kaum möglich, die Verkaufszahlen exakt zu überprüfen. Der Streit darüber beschäftigt die Musikindustrie seit Jahren: Musiklabels und Bands mussten sich bisher darauf verlassen, dass die großen Musikplattformen die richtigen Zahlen weitergeben und korrekte Honorare überweisen. Eine Technologie der TU Wien soll nun Klarheit schaffen: Die Statistikerin Nermina Mumic entwickelte mathematische Werkzeuge, mit denen man Betrügereien mit hoher Zuverlässigkeit aufdecken kann. Damit soll die Musikbranche nun transparenter und fairer werden.

So lange Musik noch ausschließlich auf CDs oder LPs verkauft wurde, war die Sache einfach: Die Anzahl der verkauften Tonträger ließ sich problemlos abzählen und stückweise verrechnen. Doch wie kann eine aufstrebende Rockband heute nachvollziehen, wie oft ihre Werke auf großen internationalen Plattformen wie iTunes, Spotify oder YouTube angeklickt worden sind?

Nermina Mumic vom Institut für Stochastik und Wirtschaftsmathematik der TU Wien arbeitete im Rahmen eines FFG Projekts mit der Musikvertriebs-Firma Rebeat Innovation zusammen. Riesengroße Datensätze mit über 100 Millionen Einzelbeobachtungen aus der Musikbranche wurden analysiert. Das Ergebnis dieser Forschungsarbeit ist nun ein Betrugsbekämpfungs-Tool, das die Musikbranche revolutionieren soll.

Auf das Verhältnis kommt es an
Die Plattenlabels bekamen schon bisher Abrechnungen, wie viel Umsatz an welchen Tagen gemacht worden ist. Ob die Angaben stimmen, ließ sich bisher kaum kontrollieren. „Natürlich kann man sich den zeitlichen Verlauf der Verkaufszahlen ansehen, und beobachten, ob es Auffälligkeiten gibt. Aber das nützt wenig“, erklärt Mumic. „Wir haben festgestellt, dass die entscheidende Information im relativen Verhältnis zwischen den Verkaufszahlen der einzelnen Anbieter liegt.“

Wenn sich ein Lied auf einer Online-Plattform doppelt so häufig verkauft wie auf einer anderen, dann wird sich dieses Verhältnis typischerweise nicht abrupt ändern. Die Verkaufszahlen entwickeln sich näherungsweise parallel - kometenhaft steigende Klickzahlen auf YouTube sollten normalerweise auch mit rasant steigenden Downloadraten auf iTunes einhergehen. Alles andere sei verdächtig.

„Aber das alleine genügt auch noch nicht“, betont Mumic. „Die Sache ist noch komplizierter: Es gibt wöchentliche oder monatliche Schwankungen, die ganz normal sind.“ Man musste also ein kompliziertes statistisches Modell entwickeln, das übliche Schwankungen von betrügerischen Datenschummeleien unterscheiden kann. „Wenn man die Daten mit bloßem Auge untersucht, findet man auf den ersten Blick viele merkwürdige Auffälligkeiten, aber viele von ihnen sind ganz normal“, sagt Mumic. „Um statistisch erklärbare Unregelmäßigkeiten von echten Fehlern oder Betrügereien zu unterscheiden, benötigt man statistische Werkzeuge, die es bisher in dieser Form noch nicht gab.“

Hohe Trefferquote
Um die neuen statistischen Werkzeuge zu testen, wurden manche der Originaldaten aus der Musikindustrie probeweise manipuliert. „Unsere Software hat über 92 Prozent der Manipulationen aufgedeckt“, sagt Mumic. „Das ist eine extrem gute Quote, und wir glauben, sie noch weiter verbessern zu können.“ Die einzige Möglichkeit, die Software zuverlässig zu überlisten, wäre eine Absprache zwischen allen Musik-Anbietern weltweit, sämtliche Daten auf genau abgestimmte Weise zu fälschen - und das sei extrem unrealistisch.

Interesse an der Software kommt laut TU bereits von verschiedenen Musik-Unternehmen, aber auch Anwaltskanzleien, die darauf spezialisiert sind, die Anliegen von Musikschaffenden durchzusetzen. „Wir hoffen, dass es durch die Verwendung der neuen Software gar nicht erst zu Betrügereien kommt und dass wir dazu beitragen können, die Musikindustrie fairer zu machen“, so Mumic.

 krone.at
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