Sa, 16. Dezember 2017

Schwellenreiter

15.10.2017 09:00

Der neue Audi A8: Technikchef mit Geduldsprobe

Audi hat den neuen A8 als Technologieträger aufgebaut - mit Level-3-Autonomie als Gipfel. Bis Kunden in den Genuss der beeindruckenden Technikerrungenschaften kommen, wird aber noch viel Zeit vergehen. Doch schon zum Marktstart schließt Audis Flaggschiff absolut zur Münchner und Stuttgarter Konkurrenz auf.

Der zur Hülse verkommene Slogan "Vorsprung durch Technik" wird in Ingolstadt endlich wieder zum Leben erweckt. Zwischen dem riesigen Kühlergrill und dem durchgehenden, animierten LED-Leuchtband am Heck stopft Audi die vierte Generation des A8 so voll mit Hightech, dass er sogar nach Level 3 hochautomatisiert fahren kann (bis Tempo 60 in der Autobahn-Kolonne). Das bedeutet: Der Lenker kann dabei z.B. Videos schauen und hat, wenn nötig, zehn Sekunden Zeit, das Steuer zu übernehmen. Die Schwelle zu einem neuen Zeitalter.

Allerdings: Solange das nirgendwo erlaubt ist, bleibt es graue Theorie und der erste Laserscanner am Markt im Regal. Wer jetzt kauft, hat später Pech - Nachrüsten ist ausgeschlossen.

Vorläufig kann man den Audi A8 nur auf Level 2 teilautonom fahren lassen. Wie bei BMW und Mercedes muss der Fahrer die Hände am Lenkrad lassen, während der Wagen den Abstand zum Vordermann hält und den markierten Linien auf der Straße folgt. Das funktionierte bei ersten Tests tadellos. Wenn das System von der Situation überfordert war, warnte es deutlich. Selbsttätig die Spur wechseln kann der Audi aber nicht.

Zuschauen beim Parken
Weniger Geduld fordert Audi von Fans autonomer Parksysteme: Ab Sommer 2018 wird es möglich sein, dem Auto beim selbsttätigen Ein- oder Ausparken von außen zuzuschauen. Vor einem engen Garagenplatz kann man den Audi im Abstand bis zu zwei Wagenlängen abstellen (muss nicht exakt vor der Parklücke sein) und aussteigen. Wenn man dann den Finger auf der AI-Taste (AI = Artificial Intelligence) des Smartphones lässt, parkt der A8 von allein. Das funktioniert auch bei normalen Längs- und Querparklücken, hinein und heraus.

Im Innenraum möbelt Audi den angekratzten Ruf mit Eleganz auf. Im A8 geht es richtig elegant zu, das Auge entspannt sich auf langgezogenen Linien und reduziertem Design. Das neue Bedienkonzept basiert auf zwei Touchscreens, vor allem der obere ist wunderschön nahtlos in die glänzende Oberfläche integriert. Analog ist immerhin noch der Lautstärkeregler, mit dem man auch etwa zum nächsten oder vorigen Musiktitel springen kann.

Grundsätzlich stehe ich Touchscreen-Systemen kritisch gegenüber, aber schon beim Erstkontakt bin ich sehr gut zurechtgekommen. Mit dem Automatikwahlhebel als Handstütze sind beide Screens problemlos zu bedienen. Sie unterscheiden zwischen leichtem Berühren einer Schaltfläche und tatsächlichem Druck. Außerdem bieten sie ein haptisches Feedback: Der Bildschirm bewegt sich dazu um Haaresbreite zur Seite. Kurz gesagt: das beste Touchscreen-System überhaupt. Und der Sprachbedienung kann man sogar ins Wort fallen.

Unglaubliches Aktivfahrwerk
Sprachlos hinterlässt einen das neuartige Aktivfahrwerk: Es hebt an Bodenunebenheiten wie z.B. Temposchwellen elektrisch die Räder an, sodass der Wagen sie regelrecht ausblendet. Zuvor hebt sich das Fahrzeug, wenn nötig, damit ausreichend Federweg zur Verfügung steht. Vergleichbar ist das mit einem Skifahrer, der auf der Piste einen Buckel ausgleicht, indem er aktiv die Beine anzieht.

Auch das ist allerdings erst ab 2018 verfügbar. Bis dahin stemmt sich der A8 optional sehr erfolgreich elektrisch gegen Bremsnicken und seitliches Wanken. Wobei auch das adaptive Standard-Luftfahrwerk (Serie!) auf Oberklasse-Niveau arbeitet.

Alles Allrad!
Allradantrieb ist im Audi A8 grundsätzlich serienmäßig, doch man sollte unbedingt eine weitere Allradfunktion mitbestellen: die Allradlenkung. Hier lenken die Hinterräder, elektrisch angesteuert, bis zu fünf Grad mit - je nach Bedarf gleichsinnig mit den Vorderrädern oder entgegengesetzt. So lässt sich einerseits ein stabilerer Autobahnspurwechsel durchführen, andererseits wird der Wagen in engen Kurven agiler und fühlt sich wie ein deutlich kleineres Fahrzeug an. Im direkten Vergleich war das Erlebnis besonders frappant. Beim Rangieren wird der Wendekreis um mehr als einen Meter reduziert.

48-Volt-Bordnetz in Serie
Alle Motorversionen des Audi A8 kommen mit Achtgangautomatik und haben serienmäßig ein 48-Volt-Mildhybridsystem an Bord (Ausnahme: Hochvoltanlage im Plug-in-Hybrid), das die Vielzahl elektronischer Systeme versorgt und den A8 zwischen 55 und 160 km/h bis zu 40 Sekunden lang elektrisch "segeln" lässt.

Zum Marktstart im November werden zwei V6-Motoren angeboten (später folgen V8, W12 und V6-Plug-in-Hybrid). Beide arbeiten leise und sorgen für standesgemäßen Vortrieb, wobei der Diesel im unteren Drehzahlbereich leicht verzögert einsetzt. Der Benziner ist hellwach und geschmeidig, mit gut 12 l/100 km ist der 1,9-Tonner bei ersten Testfahrten nicht als Schluckspecht aufgefallen (Normverbrauch je nach Bereifung 7,5 bis 7,8 l/100 km). Den Standardsprint absolviert er in 5,6 Sekunden (Langversion 5,7 Sekunden), der 55 kg schwerere Diesel (1975 kg ohne Fahrer) braucht drei Zehntel mehr. Beide regeln bei 250 km/h ab.

Lichtgestalt im Wortsinn
Serienmäßig leuchtet der Audi A8 vorne und hinten mit LEDs. Optional sind Matrix-LED-Scheinwerfer (mit 32 LEDs pro Seite) erhältlich, als weitere Option ein Laser-Fernlicht, das die Reichweite verdoppelt. Erkennbar ist es an einem blau leuchtenden Detail im Scheinwerfer, das aber ansonsten keine Funktion hat. Hinten leuchten optional 90 LEDs durchgehend zwischen den Heckleuchten, zusätzlich gibt es neuartige OLED-Einheiten.

Matrix-LEDs werden jedoch nicht nur für die Scheinwerfer angeboten, sondern sogar als Leseleuchten - damit lässt sich der Leucht-Spot verschieben. Als Extra noch wichtiger ist dann nur noch die Fußmassagefunktion für die Passagiere in der zweiten Reihe.

Insgesamt sind für den Audi A8 mehr als 40 Assistenzsysteme erhältlich. Er kann sogar vorbeifahrende Radfahrer schützen, indem er beim versuchten Aussteigen kurzzeitig das Türschloss blockiert. Und warnt vor Felgenkratzern am Randstein. Vorsprung auch beim Einstiegspreis: 101.200 Euro. 7er-BMW und S-Klasse starten fünfstellig.

Unterm Strich:
Audi ist mit dem A8 wieder "bei der Musik". Wenn nach und nach die bereits vorgestellten, aber noch nicht angebotenen technischen Neuerungen eingeführt werden, trägt man in Ingolstadt das Gelbe Trikot für den Etappensieg. Wer sich nicht gedulden will, bekommt ein großartige Oberklassefahrzeug, aber kein herausragendes. Vorsprung durch Technik für Geduldige.

Warum?

  • Weil er sich vor allem mit Allradlenkung hervorragend fährt
  • Großartige Platzverhältnisse

Warum nicht?

  • Das, was wirklich den Unterschied ausmacht, ist noch nicht erhältlich.

Oder vielleicht …

… 7er-BMW, Mercedes S-Klasse, Porsche Panamera

Stephan Schätzl
Redakteur
Stephan Schätzl
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