Mo, 16. Juli 2018

Mamma mia!

09.09.2016 10:55

Moto Guzzi MGX21: "Flying Fortress" à la Carbonara

Groß, schwarz und mächtig: Moto Guzzi hat ein richtig fettes Gerät auf die Räder gestellt und ihm auch gleich den passenden Namen mitgegeben. Die MGX21 ist der neueste Spross aus der California-Familie, hat den bekannten 1380-ccm-V2 sowie jede Menge Carbon an Bord und trägt den Beinamen "Flying Fortress" - was deutlich martialischer klingt als "Carbonara".

"Flying Fortress", den Namen haben wir doch schon einmal gehört? Richtig, so wurde der bekannteste US-Bomber im Zweiten Weltkrieg bezeichnet, die Boeing B-17. Ihr wurde nachgesagt, auch im Falle schwerer Schäden noch flugfähig zu sein. Diese Assoziation haben sie in Mandello del Lario aber wohl nur billigend in Kauf genommen, denn eigentlich soll die Bezeichnung lediglich den "persönlichen, kraftvollen und mutigen Stil zelebrieren", wie es heißt.

Sie ist ein echter Blickfang, die MGX21., nicht nur wegen ihrer roten Zylinderköpfe (in Maranello heißt sowas Testarossa). Es ist einerseits die opulent verwendete Kohlefaser (Frontkotflügel, Tankverkleidungen, Kofferdeckel, Motorabdeckung etc.), andererseits die ganz spezielle Form: Auf der riesigen Frontverkleidung sitzt eine flache Mini-Scheibe, die ganze Linie senkt sich nach hinten und fließt quasi über die Koffer in den Boden hinter dem Bike. In Kurven verschmilzt die Guzzi geradezu mit dem Asphalt, aber dazu später. "Bagger" nennt man das, was aber nichts mit der gleichnamigen Baumaschine zu tun hat. Der Begriff stammt aus der Custom-Bike-Szene und rührt von "Bag", also Tasche/Koffer, her.

Dazu gehört auch das relativ überdimensionierte Vorderrad. Bagger-Umbauten mit 26-Zoll-Vorderrädern sind keine Seltenheit. So weit ist man bei Moto Guzzi dann doch nicht gegangen, aber 21 Zoll ist auch schon eine deutliche Ansage, die auch im Namen verewigt wurde: MGX21 steht für Moto Guzzi, Projekt X, 21 Zoll. Noch dazu besteht das Innere der Felge aus Carbon. Das spielt zwar - auch wenn es so aussieht - keine tragende Rolle an der Aluminiumfelge, macht aber optisch viel her. Ursprünglich hätte die ganze Scheibe geschlossen sein sollen, ohne die Öffnungen war das Bike aber zu seitenwindempfindlich.

Und wie fährt sich das?
Zunächst mal ist die Flying Fortress ein ganz schönes Trumm. knapp 360 kg vollgetankt wollen rangiert und bewegt werden. Ist die Festung aber endlich in Bewegung, verliert sie gefühlt ihr Übergewicht. Das Vorderrad will auf leichteste Impulse sofort in Schräglage gehen, fast wirkt die Italienerin nervös. Wendig ist sie allerdings naturgemäß nicht, zielgenaues Dirigieren will erarbeitet werden. Nach ausgiebigem Beschnuppern sind aber selbst enge Kurven und Kehren kein Problem, erfordern aber grundsätzlich eine gewisse Routine auf zwei Rädern. Vor allem wenn man Wechselkurven zügig nehmen will, ist ein gewisser Ärmel hilfreich.

Bleibt man an einer Einmündung stehen, steht eine Gleichgewichtsübung an. Auf losem Untergrund werden da leicht die Augen schlagartig groß und der Puls schnellt in die Höhe. Kleinen Menschen kommt wenigstens die geringe Sitzhöhe von 74 cm entgegen.

Ob die Moto Guzzi wirklich der schnellste Bagger der Welt ist, wie ihre Eltern sagen, wage ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls bietet sie durchaus so etwas wie Schräglagenfreiheit, man kann aber auch ganz entspannt an der Straße kratzen. Bei Cruiser-typischer Fahrweise hinterlässt man jedoch nicht ständig Schleifspuren. Die Brembo-Bremsen sind angemessen dimensioniert: vorne zwei schwimmende 320-mm-Scheiben, radial montierte Bremssättel mit vier Kolben, hinten eine 282-mm-Scheibe mit Zweikolbensattel.

Der Motor passt von seiner Charakteristik her perfekt zur MGX21. Ab 1500/min. zieht er sauber an, das maximale Drehmoment von 121 Nm liegt bereits bei 3000/min an, bei 6500/min. leistet er dann 97 PS. Er läuft geschmeidig und wegen der Konformität zur Euro-4-Abgasnorm auch leise. Dank der beiden langen Auspufftöpfe konnten die Ingenieure aber immerhin einige tiefe Frequenzen kultivieren. Im Zubehörregal gibt es einen alternativen Auspuff mit herausnehmbarem dB-Eater (ohne ist das Fahren auf öffentlichen Straßen aber verboten).

Fahrmodi und Traktionskontrolle
Technisch ist die schwere Italienerin richtig modern. ABS ist klar, aber sie hat auch drei Fahrmodi sowie eine dreistufige Traktionskontrolle. Warum diese allerdings nur im Stand umzuschalten ist, erschließt sich mir nicht.

Guzzi für die ganz große Reise?
Wenn es nach Miguel Galluzzi, dem Leiter des Piaggio Advanced Design Centers (PADC) in Pasadena, Kalifornien, geht, ist die Flying Fortress dafür gebaut, einen ganzen Kontinent mit ihr zu durchqueren. Das möchte ich meinem Allerwertesten aber nicht antun, denn ich sitze hier sehr auf dem Steißbein und nach einiger Zeit schläft mir die Region dahinter ein. Das mag jedoch an meiner Körpergröße liegen.

Reisetauglich sind jedoch die beiden Seitenkoffer, die insgesamt 58 Liter fassen und mit herausnehmbaren Innentaschen ausgestattet sind.

Infotainment serienmäßig in der Batwing-Verkleidung
Der Fahrer trägt ständig quasi eine kleine Burg, also die ausladende Verkleidung vor sich her. Moto Guzzi spricht hier von einem "futuristischen Batwing-Design" und man braucht nicht viel Fantasie, um Fledermaus- bzw. Batman-Ohren zu erkennen.

In dieser Verkleidung sitzen zwei Rundinstrumente mit integrierten LCD-Displays. Darüber lassen sich nicht nur Bordcomputerfunktionen abrufen und die Fahrelektronik adaptieren, sondern auch das serienmäßige 50-Watt-Bordentertainment. Als Audioquelle hat man die Wahl zwischen Radio, einem via Bluetooth verbundenen Gerät oder einem USB-Stick, der hinter einer Klappe unterhalb des Tachos angesteckt werden kann. Man kann auch Telefonanrufe annehmen/abweisen oder auch zwei Bluetooth-Intercom-Kopfhörer koppeln. Aus den vier Lautsprechern in der Verkleidung kommt blitzsauberer Sound, von dem man sogar während der Fahrt etwas hat. Die Anwohner aber logischerweise auch.

Schwächen in der Bedienung
Das ganze Bike macht einen hochwertigen Eindruck - bis auf die Bedienelemente. Vom Blinkerschalter bis zum Joystick fürs Entertainment wirkt alles billig und schwabbelig, was die Bedienung zum nervenden Geduldsspiel macht. Die Italiener geloben Besserung, aber es bleibt die Frage offen, warum man das nicht gleich sauber gelöst hat. Ein weiteres Problem ist der Kill-Schalter, den man leicht versehentlich drücken kann, wenn man den Fahrmodus wechseln will.

Der Tempomat hat erstmals bei Moto Guzzi eine Plus-minus-Taste, irritiert aber mit einem grün blinkenden Lämpchen, wenn er auf Standby steht. Nein, ich habe nicht den Blinker vergessen.

Lediglich schrullig ist, dass der Tankdeckel abzunehmen ist und nicht aufklappt. Er hätte sich auch ein etwas liebevolleres Design verdient.

Unterm Strich
Mit der Moto Guzzi MGX21 läuft das mit der Flying Fortress diesmal anders herum: Sie kommt von Europa in die USA. Das wird der Hauptmarkt für diesen Bagger sein; bei uns ist Carbonara beliebter, nur relativ wenige Fans werden 28.000 Euro in die Carbon-Guzzi investieren. Was die große Schwarze zu einem ziemlich exklusiven Eisen macht.

Warum?

  • Ungewöhnliches, seltenes Konzept
  • Wunderbarer Motor

Warum nicht?

  • Schwächen in der Bedienung

Oder vielleicht…

… mal bei Harley oder Victory reinschauen

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