Burgtheater-Premiere

Virtuose Clownerie und das Kindergartenmonster Ubu

Kultur
17.10.2026 10:45

Direktor Stefan Bachmann inszeniert am Burgtheater alle drei Teile von „König Ubu“ als blutiges Kasperlspiel in großer Besetzung.

Der Beginn nimmt sich aus, als habe sich die Burg an den aktuellen Riesenerfolg mit Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ anhängen wollen: Eine Kuh trampelt durch die Seitentür, küsst Besucher, quetscht sich brüllend durch Sesselreihen, wuchtet sich endlich auf die Bühnenrampe und wirft das gescheckte Fell ab.

Monströse Männergestalten
Da sind es die bravourösen Hauptdarsteller Stefanie Reinsperger und Sebastian Wendelin, die nach Joachim Meyerhoffs Ausfall ihre Rollen riskant spät übernommen haben: Reinsperger, ursprünglich die Mutter Ubu, fügt ihren monströsen Männergestalten eine weitere hinzu. Während Wendelin quasi vorbereitungslos die dürre, tückische Gattin des feisten Diktators verkörpert.

Nach der etwas lang geratenen Aufwärmübung mit Publikumszwangsbeteiligung leisten die beiden mit einer eineinviertelstündigen, präzise durchdrehenden Clownerie vor geschlossenem Vorhang Fabelhaftes.

Königsmord und Machtrausch
Gewiss ist man von Alfred Jarrys „Macbeth“-Paraphrase um Königsmord und Machtrausch mehr Brutalität und Bedrohlichkeit gewohnt. Andererseits hat der französische Exzentriker mit dem 1896 Geniewerk aus 1896 Surrealismus, Dada und das Absurde Theater teils um Jahrzehnte vorweggenommen: Man darf also mit diesem irren, alle Formen sprengenden Text alles machen. Und der König ist, wie Elfriede Jelinek es formuliert hat, ein böses, verfressenes, mit dem Besteck auf den Tisch klopfendes Kind. „König Ubu“ ist also auch beim Kasperl nicht so übel aufgehoben.

Zumal man dem inszenierenden Direktor Stefan Bachmann nicht hoch genug anrechnen kann, dass er sich aufdrängende Parallelen zu Donald Trump oder Kim Jong-un ignoriert, Wikipedia-Pädagogik und Videomüll vermeidet und purem, anarchischem Schauspieler-Theater vertraut. Die Regie verzichtet zudem auf Ausstattungseskapaden: Olaf Altmanns goldene Palastwände sind Ambiente genug.

Provokante Einweisung
Bachmann bezieht auch die wenig bekannten Nachfolgestücke in die pausenlosen zweieinviertel Stunden ein. Diese Einweisung in ein Stück Theatergeschichte ist verdienstvoll, obwohl „Ubu Hahnrei“ der schwächste der drei Teile ist. Die Privatkalamitäten des Monsterpaars halten zwar provokant gegen den bürgerlichen Ehebegriff. Gewisse Substanzuntiefen lassen sich nicht so leicht weginszenieren. Bachmann versucht es, indem er dem mittlerweile erweiterten Ensemble Gesangsübungen auferlegt. Die gelingen zwar gut, doch weiß der Zuschauer mitunter nicht, was ihm mitgeteilt werden soll.

Aufregend hingegen dann Teil drei, „Ubu in Ketten“. Das Paar, vollgefressen und der Macht überdrüssig, meldet sich selbst zu Sklavendiensten auf die Galeere, findet aber keine Erlösung. Hier nimmt Jarry Orwells „Freiheit ist Sklaverei“ aus „1984“ vorweg.

Martin Schwab, Stefanie Dvorak, Gunther Eckes, Tilman Tuppy, Justus Balamohan Maier und Aaron Blanck verrichten gekonnt wie aufopfernd Hilfsdienste.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Hinweis in eigener Sache: Das krone.at-Forum präsentiert sich ab sofort in neuem Design! Wir freuen uns über konstruktives Feedback. Damit die Diskussionen in den Kommentarbereichen beim jeweiligen Thema bleiben, können Sie uns Rückmeldungen hier hinterlassen.

krone.tv

Top 3
Top Gutscheine
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung