Thomas D. Trummer

Warum uns Kunst zu Tränen rühren und ekeln soll

Kultur
13.10.2026 06:00

Thomas D. Trummer hat das Kunsthaus Bregenz als eines der prägendsten Häuser für Gegenwartskunst positioniert. Er erklärt, wie sie unsere Wahrnehmung verändert, in Krisenzeiten existenzielle Fragen aufwirft. Und warum Kunst nicht unbedingt verstanden werden muss, um etwas auszulösen.

Hier geht es direkt zum Podcast Kultur Kompass mit Thomas Trummer!

Zeitgenössische Kunst polarisiert wie kaum eine andere. Für die einen ist sie bereichernde Inspiration, für andere bleibt sie befremdlich irritierend. In genau dieser Ambivalenz liegt für Thomas D. Trummer, Kunsthistoriker und Direktor im Kunsthaus Bregenz, der Reiz. Die Erfahrung von Kunst beginnt für ihn gerade dort spannend zu werden, wo Gewissheiten enden: „Das Ungewisse macht uns Angst, lässt uns skeptisch werden“, erzählt Trummer in der jüngsten Folge des „Krone“-Podcasts „Kultur Kompass“.

Resonanzräume öffnen
Diese Irritation macht Kunst für Trummer produktiv, indem sie verborgene Fragen in uns berühren, Resonanzräume und neue Perspektiven auf die Welt öffnen kann: „Zeitgenössische Kunst soll uns nicht bestätigen, sondern herausfordern.“ Dafür muss Kunst nicht unbedingt verstanden werden: „Es geht um ein intensiveres Erleben, um Berührung und die Bereitschaft, sich auf neue Erfahrungen einzulassen. So als wären wir Seiten eines Instruments, das plötzlich zu klingen beginnt, wenn wir es am wenigsten erwarten.“

Auch in Krisenzeiten könne Kunst damit helfen, die eigene Situation anders zu betrachten. „Das hat die Pandemie gezeigt: Kunst ist vielleicht nicht systemrelevant, aber sie ist existenzrelevant“, ist Trummer überzeugt. Gute Kunst muss für ihn dabei sowohl sinnlich als auch intellektuell ansprechend sein und auf Fragen der Gegenwart reagieren.

Brüche sichtbar machen
Wie etwa die US-Künstlerin Torkwase Dyson, der das Kunsthaus ab Freitag eine Ausstellung widmet und die sich in teils monumentalen Installationen mit Fragen rund um schwarze Identität und das Verhältnis von Körper und Umwelt beschäftigt.

Gerade bei gesellschaftlichen Fragen erweisen sich Künstler als besonders sensible Beobachter ihrer Zeit, die Entwicklungen oft früher wahrnehmen, gesellschaftliche Brüche sichtbar machen. Die Klimakrise oder das Verhältnis von Mensch und Natur seien deshalb in der Gegenwartskunst besonders präsent: „Das war lange da, bevor es öffentlich Thema wurde.“

Die Kraft von Kunst liegt für Trummer dabei weniger im Verstehen als in ihrer unmittelbaren emotionalen Kraft: „Manchmal ist man zu Tränen gerührt, es schauert einen, man empfindet Ekel. Gerade das wiederum kann etwas öffnen. Man fragt sich: Warum reagiere ich so? Was sagt mir dieser Impuls über mich selbst? Kunst ist immer ein Angebot zur Auseinandersetzung mit der Welt, mit sich selbst – nicht eine Lieferung fertiger Antworten.“

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