Die Kanadierin Ambur Braid ist ab heute die Senta in Wagners „Der fliegende Holländer“ im Theater an der Wien. Im „Korne“-Interview erzählt sie, wie in Wien ihre dramatische Sopran-Karriere begann und aus der Königin der Nacht die Wagner- und Strauss-Heroine wurde.
In Bregenz konnte man sie 2022 in Umberto Giordanos „Siberia“ erstmals auf einer österreichischen Opernbühne erleben. Jetzt gibt die kanadische Sopranistin Ambur Braid im „Fliegenden Holländer“ ihr Debüt in Wien. Erst im Sommer begeisterte sie nachhaltig beim Festival von Aix-en-Provence als Färberin in Strauss’ „Frau ohne Schatten“. Barrie Kosky inszenierte und Klaus Mäkele dirigierte seine erste große Opernproduktion.
Ambur Braid kommt auch Monate später nicht aus dem Schwärmen über den jungen Maestro und seine „Meisterleistung in jeder Hinsicht“ heraus: „Wie er mit Menschen umgeht, wie er mit dem Publikum kommuniziert. So etwas habe ich noch nie erlebt.“
„Krone“: Bleiben wir bei Strauss. Die „Salome“ war Ihre Schlüsselrolle. Mit ihr gelang der Durchbruch in Frankfurt. Jetzt scheint sie die Färberin abzulösen. 2027 werden Sie sie auch unter Franz Welser-Möst in Cleveland singen.
Ambur Braid: Ich habe die Rolle vor Aix en Provence zwar nur einmal in Lyon gesungen, aber sie passt einfach perfekt zu mir als Figur. Ich mag sie sehr und ich mag, was ich mit ihr machen kann, sodass ich nicht nur die schreiende Zicke sein muss.
Ein komplexer Vollblutcharakter. Wie verhält sich dazu die Senta?
Es fiel mir immer schwer, mich in sie hineinzuversetzen. Aber jetzt glaube ich, habe ich etwas gefunden.
Wo liegt das Problem?
Sie ist eher oberflächlich. Man bekommt nicht viele Informationen über sie. Wohingegen es in Hofmannsthals „Frau ohne Schatten“-Libretto viele Möglichkeiten gibt, die Dinge zu interpretieren. Musikalisch ist Senta interessant, aber als Charakter sehr einfach gestrickt. Doch ich mag Philipp Stölzls Inszenierung aus Basel sehr, für die er sich vom Lars-von-Trier-Film „Breaking the Waves“ inspirieren ließ, der zur gleichen Zeit herauskam. Darin heiratet die unschuldige Braut den Mann vom Meer und wird dann brutal vergewaltigt.
Wie spielt das in seine Inszenierung hinein?
Senta lebt traumatisiert in ihrem Haus wie in einem Käfig. Wir spielen, dass in ihrer Kindheit etwas passiert ist, worauf sie aus dem realen Leben in diese Geschichte vom Holländer flüchtet. Der Holländer existiert in dieser Inszenierung nicht, bleibt nur ihr Traum.
Jeder sollte proben, als wäre es eine Vorstellung. Damit man bühnenfit wird.
Ambur Braid
Wie viel Wagner haben Sie schon gesungen?
Die Senta ist meine erste große Wagner-Rolle nach der Woglinde. Im Sommer habe ich auch die Sieglinde einstudiert, die ich in der nächsten Saison singen werde. Der Zeitpunkt ist wirklich gut. Es fühlt sich toll an.
Wie gehen Sie mit diesen großen, fordernden Partien um?
Es ist wichtig, bei der Probe auszusingen. Ich markiere fast nie. Jeder sollte proben, als wäre es eine Vorstellung. Damit man bühnenfit wird. Damit man weiß, wo man geben kann und wo man sich zurücknehmen muss. Das war schon immer meine Überzeugung. Aber das ist wohl so, wenn man in einer Eishockeyfamilie aufwächst. Man trainiert so, wie man auftritt. Daran glaube ich.
Sie stammen aus einer Sportler-Familie?
Alle sind sportlich, eine große Eishockeyspieler-Familie. Wir sind Kanadier.
Spielen Sie auch?
Ich könnte höchstens die Hymne singen
Und wie kommt man aus der Hockey-Arena auf die Opernbühne?
Es hat vor langer Zeit begonnen. Ich war sehr, sehr schüchtern. Und ich war sportlich. Aber das war kein Ziel von mir.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, mit jemandem, der bereit war, die stetige Arbeit zu leisten, um mich ans Ziel zu bringen. Ich hatte wirklich Glück.
Ambur Braid über ihre Lehrerin Marina Krilovici
Wie ging es dann zur Oper?
Als ich 16 war, fand ich eine CD von Maria Callas. Ich wusste zwar nicht, worum es ging, aber spürte, was es bedeutet. Und das war es. Das fühlte sich an wie ich.
Welcher Sport?
Fast alles. Golf, Tennis, Baseball, Fußball, Eiskunstlauf. Aber auch Ballett. Dann wurde ich in Schauspielkurse geschickt und kam in den Chor, bekam Gesangsunterricht. Ich habe mit neun angefangen. Ich hatte eine ganz zarte, kleine Stimme. Ich trat jedes Jahr beim Musikfestival auf. Ein Juror dort, ich war etwa elf, berührte meine Rippen und meinte, „Du hast so einen winzigen Brustkorb, du wirst nie eine kräftige Stimme haben.“ Das war der Tag, an dem ich mir dachte: Ich werde es euch zeigen!
Sie besuchten dann die Glenn-Gould-Schule in Toronto.
Das war großartig. Es ist sehr klein. Wir waren zu acht in einer Klasse, und es herrschte ein sehr gesunder Wettbewerb.
Danach haben Sie den Master in San Franciso gemacht und sind ins Young Artist Programm Canadian Opera Company.
Ich habe damals Rollen wie Adele in der „Fledermaus“ oder die Königin der Nacht, Vitellia im „Titus“ gesungen und viel Händel.
Wie gings dann ins dramatischere Fach?
Ich war in Wien. Wegen eines Ex-Freundes, der hier lebte. Eine sehr kurze Beziehung. Ich hatte eine Privatstunde bei Ileana Cotrubas. Ich sang für sie die Vitellia, und sie sagte: „Was du da machst, ist kein Mozart. Du musst alles absagen!“ Doch ich hatte Konstanze, Königin der Nacht und Violetta vor mir und konnte es mir nicht leisten, diese Engagements zu canceln. Aber natürlich hatte sie recht. Sie empfahl mir dann, mit ihrer Freundin, der Sopranistin Marina Krilovici in Griechenland zu arbeiten.
Haben Sie sie kontaktiert?
Ich schrieb Marina und kurz später antwortete sie mir, in Großbuchstaben und mit 52 Ausrufezeichen: „Du musst nach Kefalonia kommen. Ich brauche dich als Tosca.“ Also bin ich hingefahren und habe Tosca einstudiert. Es fühlte sich gut an. Und ich dachte mir: Was passiert hier gerade?
Und was passierte?
Ich bin nach Athen gezogen. Ich habe bei ihr Marina Krilovici gewohnt. Wir hatten drei Unterrichtsstunden am Tag, einfach nur Singen nach alter Schule, ganz langsam. Nach ein paar Monaten haben wir angefangen, am Repertoire zu arbeiten. Es passte einfach alles: zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, mit jemandem, der wirklich bereit war, die langsame und stetige Arbeit zu leisten, um mich ans Ziel zu bringen. Ich hatte also großes Glück.
Dann kam Frankfurt. Sie waren im Ensemble?
Zuerst war ich dort als Gast. Mein erster Auftritt war die Königin der Nacht. Dann die Elisabetta in Donizettis „Roberto Devereux“, damals meine Lieblingsrolle. Dann sprang ich für Ernst Kreneks „Das geheime Königreich“ ein. Denn das konnte niemand singen, weil es sehr hoch und sehr tief ist – aber gerade für mich damals perfekt. Dann fragten sie, was ich gerne machen würde. Salome antwortete ich, worauf sie meinten, dann musst du ins Ensemble. Und das hat mein Leben verändert.
Ich bin sehr vorsichtig. Ich arbeite auch nicht so viel wie viele andere Sängerinnen. Ich nehme mir jedes Jahr zwei Monate frei.
Ambur Braid
Wie sieht Ihr Repertoire jetzt aus? Immer noch Puccini?
Ich liebe „Tosca“. Und ich würde gerne „Turandot“ singen. Das wird der eine Teil sein. Der Rest dann die wunderbaren Strauss- und Wagner-Heldinnen. Ich habe die Elektra vor. Aber das wird noch eine ganze Weile dauern. Außerdem die Ariadne. Bei Wagner zuerst Sieglinde, dann Venus im „Tannhäuser“ und eines Tages die Brünnhilden.
Haben Sie keine Angst sich die Stimme zu ruinieren? Man sieht so viele großartige Sängerinnen kommen und schnell wieder gehen …
Das Einzige, was mich ruinieren könnte, ist wahrscheinlich die Elektra. Aber ich bin sehr vorsichtig. Ich arbeite auch nicht so viel wie viele andere Sängerinnen. Ich nehme mir jedes Jahr zwei Monate frei. Zu Hause in Kanada zu sein ist wichtig, und sich auszuruhen. Ich achte sehr darauf, wie viel ich fliege. Stress spielt eine große Rolle, warum Menschen ihre Stimme verlieren. Ich bin 43, also ist der Zeitpunkt für alles genau richtig.
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