Reporter Wehrschütz:

„Wahrscheinlich hat Russland den längeren Atem“

Medien
05.10.2026 16:51
Porträt von krone.at
Von krone.at

ORF-Reporter Christian Wehrschütz (64), der Analysen und Reportagen aus der Ukraine liefert, wird Ende des Jahres in Pension gehen. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur APA blickte er jetzt unter anderem auf vergangene Einsätze und die Ängste seiner Familie zurück.

Der gebürtige Grazer ist bereits seit den frühen 90er-Jahren beim ORF tätig und seit der Jahrtausendwende Korrespondent. „Ich wollte immer Korrespondent werden und ursprünglich nach Moskau gehen. Das Ironische daran ist: Als es mir dann tatsächlich angeboten wurde, habe ich abgelehnt. Ich wollte die Ukraine und den Balkan nicht aufgeben“, sagt Wehrschütz. Nicht einmal ein Jahr später sei der Krieg in der Ukraine dann ausgebrochen. Zuvor hatte er bereits die Balkankriege (1991-2001) miterlebt.

„Der Mazedonien-Krieg 2001 war noch ein Krieg mit Minen, Scharfschützen, Artillerie. Da konnte ich abschätzen, wo das sichere Hinterland anfängt. Das gibt es im Ukraine-Krieg heute nicht mehr. Wir reden von Todeszonen. Die Ausweitung des Drohnen- und Raketenkrieges auf beiden Seiten hat dazu geführt, dass man immer häufiger zur falschen Zeit am falschen Ort sein könnte“, schildert Wehrschütz. Das mache auch die Berichterstattung „gefährlicher und unberechenbarer“.

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Der Mazedonien-Krieg 2001 war noch ein Krieg mit Minen, Scharfschützen, Artillerie. Da konnte ich abschätzen, wo das sichere Hinterland anfängt.

ORF-Reporter Christian Wehrschütz

Rakete schlug in Hotel ein
2022 schlug eine Rakete in das Hotel ein, in dem Wehrschütz untergebracht war. „Noch viel dramatischer“ sei der Drohnenangriff auf das Auto von ihm und seinem Team im November 2025 gewesen. „Erst bei dem Vorwort, das meine jüngere Tochter unlängst für mein neues Buch geschrieben hat, ist mir bewusst geworden, wie tiefgreifend die Folgen sind, die derartige Ängste auslösen (...)“, sagt der gebürtige Grazer. Seine Ehefrau und er seien aber der Meinung, dass es für jeden Menschen „eine Lebensuhr“ gebe. „Nehmen Sie das Beispiel Michael Schumacher. Er ist vielfacher Formel 1-Weltmeister. Dann geht er Ski fahren, hat einen Helm auf und fällt mit dem Kopf auf den einzigen Stein, den es dort gibt (...)“, führt Wehrschütz aus.

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Ich bin nicht Kriegs- oder Krisenreporter geworden.

Wehrschütz

Dennoch freue sich die Familie, dass die Angst wegfalle, wenn er nun mit Jahresende in Pension gehen werde. „Die Situation in der Ukraine wird auch immer unkalkulierbarer (...). Ich bin nicht Kriegs- oder Krisenreporter geworden. Ich bin Korrespondent des ORF, den das Schicksal dahingehend ereilt hat, dass es dort, wohin er entsandt wurde, Kriege gibt (...).“ Diesen Kriegen habe er sich gestellt und so gut wie möglich darüber berichtet. „Ich habe niemals mit dem Gedanken gespielt aufzuhören (...)“, sagt Wehrschütz.

Hat mit Kriegsdauer gerechnet
Sein neues Buch „Heimkehr. Aufbruch in ein unentdecktes Land“, das im November erscheinen wird, handelt über die Erfahrungen am Balkan, in der Ukraine und auch darüber, wie die Familie damit umgeht. Der Journalist, der in wenigen Tagen (am 9. Oktober) seinen 65. Geburtstag feiern wird, hat laut eigenen Angaben mit der langen Kriegsdauer in der Ukraine gerechnet. „Was man nicht in einem oder eineinhalb Jahren löst, wird immer dauerhafter. Es ist ein Abnützungskrieg, ohne dass man derzeit klar sagen kann, wer den längeren Atem hat. Die Wahrscheinlichkeit spricht natürlich für Russland. Das Land ist größer, bevölkerungsreicher, hat die verlässlicheren Verbündeten“, prognostiziert Wehrschütz.

Zu seinen eigenen Plänen für die Pension befragt, hält er fest, dass er wohl noch weitere Bücher schreiben werde. „Priorität hat aber, dass ich meine Bibliothek zusammenräume. Und meine Frau hat schon gesagt, dass ich im Wochenendhaus einiges zu tun habe (...)“, sagt der ORF-Korrespondent. Zudem wolle er mehr Zeit mit seiner Ehefrau, seinen Töchtern und seiner Enkelin verbringen. Ende Oktober wird Wehrschütz bereits die Büroleitung abgeben.

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