Staatsgäste, Wirtschaftsbosse und Intellektuelle bevölkern im Spätsommer das Tiroler Bergdorf Alpbach. Die urige Kulisse ist hier nicht nur Fassade. Spurensuche in einer Denkwerkstatt.
Nobelpreisträger, Staatsoberhäupter, Philosophen, Künstlerinnen – beim Europäischen Forum Alpbach (heuer vom 24.8. bis 4.9.) sieht man berühmte Menschen durch ein Dorf spazieren, das wie die kitschige Kulisse eines Heimatfilms anmutet. Leuchtende Geranien auf dunklen Holzfassaden und kunstvoll gefertigten Balkonen. Kaum ein Haus tanzt aus der Reihe. Alpbach gilt vielen als schönstes Dorf Österreichs und darf diesen Titel auch offiziell tragen.
Das In-sich-Ruhende eines Ortes in einer unsteten Zeit mag 1945 wohl auch den damaligen Studenten und Visionär Otto Molden sowie den Philosophie-Dozenten Simon Moser inspiriert haben, gerade hier – in der Abgeschiedenheit des Alpbachtales – einen Treffpunkt für Vordenker und Nachdenker einzurichten. Das European Forum Alpbach – wie es heute heißt – war geboren und so mancher Einheimische hat sich in den ersten Jahren über die sonderbaren Gäste aus aller Herren Länder gewundert, die auf den satten Wiesen saßen und lebhaft die Zukunft Europas und der Welt diskutierten.
Heute wundert sich in Alpbach niemand mehr, wenn er auf der Dorfstraße einem Staatspräsidenten begegnet oder vor einem typischen Alpbacher Hof ein Philosoph von Weltgeltung gedankenverloren auf einer Bank sitzt. Wie sehr das Tiroler Bergdorf große Denker fasziniert, lässt sich am Friedhof von Alpbach ermessen.
Dort ist der österreichische Physiker und Nobelpreisträger Erwin Schrödinger begraben. Der Mitbegründer der Quantenmechanik hat sich bei einem Forum-Besuch in die idyllische Landschaft und den Reiz der alten Häuser verliebt. Schrödinger wohnte in den letzten Lebensjahren in Alpbach. Wer sein Grab besuchen möchte, sollte Ausschau nach einer kniffligen Formel auf einem einfachen Grabkreuz halten.
Geschützter Charme des Ursprünglichen
Nobelpreisträger Schrödinger oder die Familie Molden – Weltbürger mit Weitblick haben sich im Bergdorf niedergelassen. Die alten Häuser haben sie aufgenommen, ohne sich zu verbiegen. Sie stehen da wie immer schon – da kann kommen, wer will. Dunkle Holzfassade, kunstvolle Balkone, Blumenschmuck. Der Charme des Ursprünglichen kommt jedoch nicht von ungefähr. Bereits 1953 wurde in der Gemeinde eine strenge Bauordnung eingeführt.
Niemand kommt hier an der Tradition vorbei. Neubauten müssen sich anpassen oder unsichtbar machen – so wie das Kongresszentrum, in dem das Europäische Forum mit fast 5000 Teilnehmern stattfindet. Die Denkwerkstatt wurde zum Großteil in den Berghang hineingebaut. Der Platz an der Sonne gehört den Höfen mit ihrer typischen Holzfassade, von denen viele seit Jahrhunderten hier stehen. Rund 200 Erbhöfe gibt es in Alpbach. Sie befinden sich seit mindestens 200 Jahren im ununterbrochenen Besitz einer Familie und werden über Generationen weitervererbt.
Wer dem Leben in so einem Erbhof nachspüren möchte, kann dies unter anderem im Alpengasthof Roßmoos tun. Der Erbhof der Familie Moser liegt in spektakulärer Aussichtslage oberhalb des Dorfes. Seit 1676 befindet er sich im Familienbesitz. Die Tradition verpflichtet, wie man an Kulinarik und Gastlichkeit wunderbar ablesen kann. Wichtiger Tipp: Wer den Roßmoos-Hof nicht gleich findet, sollte nicht nach der Familie Moser fragen. In Alpbach gibt es so viele Mosers wie Holzfassaden. Da kann die Suche schon mal zu einer Odyssee werden.
Einheimische führen Tradition ins Morgen
Bauen, leben, arbeiten mit Holz ist in der Region allgegenwärtig. Die alten Erbhöfe zeugen vom handwerklichen Geschick der Vorfahren, in der Gegenwart wird die Holztradition weitergedacht. In einem kleinen Atelier fertigt Werner Moser aus sorgfältig ausgewählten Rohlingen von Walnuss, Eiche oder Zirbe in Handarbeit moderne Lichtobjekte. Jedes ein Unikat.
Noch vor Kurzem führte der gelernte Zimmerer als Abteilungsleiter eines internationalen Unternehmens rund 40 Mitarbeitende. Dann tauschte er Meetings gegen Werkbank. „Ich wollte wieder etwas mit meinen Händen schaffen. Etwas, das man angreifen kann“, sagt der 54-jährige Alpbacher und widmet sich wieder seinem Werkstück.
Wer die Region rund um Alpbach erkundet, dem begegnet der Werkstoff Holz auf Schritt und Tritt. Riesige Stämme wurden einst auf der Brandenberger Ache – einem Nebenfluss des Inns – ins Tal befördert. Damals entstanden daraus Bauernhöfe, Dächer und Stuben. Heute fertigen Menschen wie Werner Moser kunstvolle Objekte. Dazwischen liegt die Geschichte einer der bedeutendsten Holztriften Europas.
Noch heute erzählt man sich vom wilden Wasser und seiner Fracht. Fast 500 Jahre lang prägte die Brandenberger Holztrift die Region. Bis 1966 fand das Holz auf dem Wasser seinen Weg ins Tal. Noch gibt es Zeitzeugen wie Walter Marksteiner, die von der gefährlichen Arbeit erzählen können. „Jeder Fehler konnte lebensgefährlich sein“, erinnert sich der ehemalige Holzknecht. „Wenn sich ein Stamm verkeilt hat, bist du hingelaufen. Da hast du nicht lange überlegen dürfen.“
Die Holztrift ist Geschichte, heute zählt der Weg der Brandenberger Ache durch die Tiefenbachklamm zu den schönsten Wanderzielen Tirols. Karibisch schimmert das türkisgrüne Wasser, kraftvoll schießt die Ache durch die Klamm. Gut ausgebaute Stege und Stahlbrücken ermöglichen spektakuläre Ausblicke und willkommene Abkühlung an heißen Sommertagen. Die bieten auch die kleinen Seen in der Region. Mit knapp 30 Hektar Wasserfläche ist der Reintaler See der größte der Kramsacher Seen. Am Ufer lässt sich „ein Sommer wie damals“ genießen.
Die Einheimischen sind stolz auf ihr Erbe. Das zeigt sich im Freilichtmuseum Tiroler Bauernhöfe nahe dem Reintaler See. Hier lebt nicht nur die Holztrift weiter, sondern auch bäuerliche Kultur. Das größte Freilichtmuseum Tirols umfasst 34 originale Höfe und Nebengebäude aus allen Talschaften Tirols. Sie wurden hierher gebracht und wiederaufgebaut. Schwere Holztüren, knarrende Dielen und heimelige Stuben zeigen, wie eng das Leben der Menschen seit jeher mit Holz verbunden ist. Und wenn einer der Höfe einmal eine Reparatur benötigt, dann wird dies mit historischen Techniken erledigt. So, wie es die Ahnen gemacht haben.
Das Museum lädt bei unterschiedlichen Gelegenheiten dazu ein, dieser Arbeit zuzusehen und Handwerkskunst aus längst vergangenen Tagen zu bestaunen. Vor allem für Familien mit Kindern ein großes Vergnügen. Zu besonderen Anlässen wird auch die berühmte Tiroler Prügeltorte im Höfemuseum über offenem Feuer gebacken.
Das Freilichtmuseum ist ein lohnendes Ziel bei jeder Wetterlage, die Berge rund um Alpbach brauchen stabile Verhältnisse. Alpbachs Hausberg, die Gratlspitze (1900 m), gehört zu den schönsten Aussichtsgipfeln der Region. Oben öffnet sich ein beeindruckender 360-Grad-Rundumblick auf die Bergwelt. Von hier aus, so sagt man, könne man bei klarer Sicht 26 Kirchtürme zählen.
Natürlich auch jenen von Alpbach. Vor den Toren der Kirche findet traditionell der Tirol-Tag beim Europa-Forum statt. Dann stehen die Schützen Spalier und den internationalen Gästen wird Schnaps kredenzt. Das ist das Geheimnis von Alpbach – Dorf bleiben, aber Zukunft denken.
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