Mit dem Tolstoi-Klassiker „Krieg und Frieden“ bespielen die Festspiele Reichenau ab 3. Juli wieder das legendäre Südbahnhotel am Semmering – unter anderem mit Noah Saavedra. Ein Gespräch mit dem Schauspieler über kaltes Wasser, starke Empfindungen und James Bond.
„Krone“: Sie sind im burgenländischen Oberpullendorf geboren und haben chilenische Wurzeln!
Noah Saavedra: Ja, ich wurde in Oberpullendorf geboren, weil es damals dort eine Klinik für alternative Geburtsmethoden gab, bin aber in Wien aufgewachsen und zur Schule gegangen. Meine Eltern sind 1974 vom Pinochet-Regime aus Chile nach Österreich geflohen. Zu Hause wurde Spanisch gesprochen, Deutsch und das Wienerische kamen dann in der Schule dazu.
Wann kam der Wunsch, Schauspieler zu werden?
Da war ich so 22 Jahre alt, wusste nicht genau, was ich machen sollte, hatte ein paar Jobs, habe gekellnert. Eine Bekannte hat dann gemeint, ich solle doch die Junge Burg, also die Jugend- und Theatervermittlungsschiene des Burgtheaters, probieren. Das sei etwas für Unentschlossene (lacht). Damit hat sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich habe die Aufnahmeprüfung gemacht und wurde genommen, ohne zu wissen, was da genau auf mich zukommt. Es war ein Sprung in eine komplett andere Welt. Zur Prüfung habe ich einen Monolog aus Wallensteins Tod vorgetragen, das war das einzige Reclam-Heft, das ich zu Hause hatte. Die Prüfer meinten, „das sei eine sehr interessante Monologauswahl, das gibt es sehr selten“ und dachten, ich sei so belesen (lacht). An der Jungen Burg aber habe ich ganz viele Menschen getroffen, die extrem toll waren. Ich habe mich da sehr zu Hause gefühlt.
Man beschäftigt sich in der Gesellschaft damit, Probleme wegzuignorieren. Am Theater ist das genaue Gegenteil. Man sucht nach der größtmöglichen Krise.
Noah Saavedra
Sie haben dann am Konservatorium der Stadt Wien studiert und danach an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Was faszinierte Sie denn so am Theater?
Man beschäftigt sich in der Gesellschaft damit, Probleme wegzuignorieren, um alles am Laufen zu halten, zu funktionieren. Am Theater ist das genaue Gegenteil. Man sucht nach der größtmöglichen Krise. Im Stück, im Text, zwischen den Figuren. Es fühlt sich viel realer an, wenn man sich genau mit dem auseinandersetzt, was auf dem Papier steht, als es im realen Leben der Fall ist. Da versuchen alle, zu überleben und sich harmoniebedürftig oder konfliktscheu aus dem Weg zu gehen. Als junger Mensch hatte ich immer das Gefühl, das fühlt sich wie Betrug an. Aber im Theater da gab es gibt es Geschichten, die schon seit Ewigkeiten ihre Sinnhaftigkeit und ihre Daseinsberechtigung dadurch beweisen, dass sie wie eine Lupe auf Systeme in der Welt schauen, die alle ständig erleben. Deswegen ist es ein Ort, der für mich immer wichtiger wird. Weil es in Zeiten der Krise so mannigfaltige verschiedene Lebensgeschichten gibt, die sich dann im Theater in einem Empathieraum von Bühne und Zuseher und Spieler finden und man so zusammen empfinden kann.
In Reichenau spielen Sie in „Krieg und Frieden“ den Pierre, den sinnsuchenden, unbeholfenen Sohn eines reichen Grafen. Haben Sie zur Vorbereitung das Buch gelesen?
Ehrlicherweise hänge ich noch in den letzten Seiten der insgesamt 2200 Seiten fest. Aber wir spielen ja eine komprimierte Fassung von Nikolaus Haag, und ich den Pierre, einen Antihelden, der unter der Last des Gespürten und des Empfundenen zu zerbrechen droht, wie ein naives Kind manchmal. Ein Mensch mit sehr starken Empfindungen, aber leicht umzuwerfen. Eine spannende Rolle, denn es ist immer die emotionale Bandbreite, die mich interessiert.
Beim Theater finden Menschen zusammen in einem Raum. Ohne Ablenkung. Mal so ein paar Stunden ohne Handy. Auch geil!
Noah Saavedra
1955 gab es die erste Bühnenfassung von „Krieg und Frieden“, was macht das Werk so zeitlos?
Wenn man sich umsieht, dann ist jetzt die Zeit der „Krieg und Frieden“-Adaptionen, weil es so viele Kriege gibt auf der Welt und die Schere zwischen Arm und Reich ist so groß wie nie zuvor. Und das ist ähnlich bei „Krieg und Frieden“. Das, was 1868 gültig war, als Leo Tolstoi den Roman vollendete, ist im Jahr 2026 noch immer gültig. Dieser Roman ist ein Anti-Kriegs-Roman und so versuchen wir ihn auch zu erzählen. Die Zeiten des Kriegs und des Friedens scheinen sich immer wieder abzuwechseln, womit auch immer das zu tun hat. Es zeigt uns also auf, dass Geschichte sich wiederholt. Und wir aus ihr lernen könnten.
Sie haben sich in letzter Zeit eher dem Film zugewandt, feierten 2016 einen großen schauspielerischen Durchbruch mit der Hauptrolle in dem biografischen Drama „Egon Schiele: Tod und Mädchen“.
Ja, ich habe mich nach vier Jahren Theater jetzt kurz einmal dem Film zugewandt. Aber sicher nicht für immer. Die Bühne reizt mich natürlich, und ich habe auch wegen Reichenau eine Filmrolle abgesagt.
Ich hoffe nicht, die des „James Bond“, wo Sie ja in dem 007-Streifen „Spectre“ einen kurzen Auftritt als Snowboarder in einer Gondel hatten.
Doch (lacht), aber James Bond muss warten. Ich bin froh über die damalige Erfahrung, das waren sechs Tage Dreh, und so ein Set einmal betreten zu dürfen, ist schon beeindruckend! Im Augenblick sind ein paar Dinge in der Pipeline aber darüber will ich lieber nicht sprechen. Man will die Dinge ja nicht verschreien. Aber ich freue mich sehr, wieder auf der Bühne zu stehen. Beim Theater finden Menschen zusammen in einem Raum. Ohne Ablenkung. Mal so ein paar Stunden ohne Handy. Auch geil!
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