Irrsinn in den Bergen
Social-Media-Wahn! Touristen stürmen die Dolomiten
Die wunderschönen Dolomiten sind ohnehin ein Touristenmagnet. Doch die Zugkraft von Social-Media-Influencern bringt die malerische Alpinregion an den Rand des Zusammenbruchs. Das Gebiet erlebt aktuell einen Menschenansturm wie selten zuvor ...
Die Bergluft genießen, abschalten – und den Alltag vergessen. Das geht am besten in der Natur. In den Dolomiten spielen sich in diesem Sommer aber andere Szenen ab: Sie erinnern eher an einen apokalyptischen Albtraum als an einen erholsamen Urlaub für Leib und Seele.
Tagestouristen überschwemmen Region
Menschenmassen schieben sich die beliebtesten Wanderwege hoch, stehen auf mehr 2300 Metern stundenlang für einen Krapfen in der Schlange und verdrecken die kleinen Bergdörfer in der Region. Kurz: alpiner Irrsinn!
Einheimischen zufolge campen Urlauber beispielsweise schon am frühen Morgen vor einer Berghütte am Langkofel an der Grenze zu Südtirol. Das Objekt der Begierde sind die bekannten gefüllten Krapfen, die kürzlich „viral gegangen“ sind. Die Tagestouristen sind häufig schlecht ausgerüstet – in Flip-Flops unterwegs. Alberto Gris vom Alpenverein CAI in Belluno beklagte kürzlich, dass viele Besucher nur noch für Bilder in sozialen Netzwerken anreisen.
In den Dolomiten wird der Konflikt zwischen Naturschutz und Massentourismus immer sichtbarer. Berghütten sind ausgebucht, während entlegene Schutzhütten zunehmend für Partys zweckentfremdet werden. Wie die italienische Zeitung „Corriere del Veneto„ berichtet, sorgt diese Entwicklung bei Betreibern für wachsende Besorgnis.
Auch Videos aus Misurina zeigten zuletzt hunderte Meter lange Warteschlangen an einer Bushaltestelle – Urlauber harrten hier stundenlang aus, um einen Shuttlebus zu den weltberühmten Drei Zinnen zu ergattern. Die ikonische Felsformation zählt zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Alpen. In der Hochsaison strömen bis zu 14.000 Besucher täglich in die Region.
Am Tag der jüngsten Sonnenfinsternis in der vergangenen Woche sei zudem auf dem Gebirgspass Passo di Giau der Verkehr komplett zusammengebrochen, berichteten lokale Medien. Clips zeigten eine riesige Autowalze vor der markanten Kulisse des 2595 Meter hohen Monte Gusela. Der Stau reichte Augenzeugen zufolge bis ins Tal hinab.
Die Menschenlawine sorgte darüber hinaus für einen Disput zwischen den Bauern und den Gemeinden – beispielsweise am Seceda, dem 2519 Meter hohen Berg in den Südtiroler Dolomiten. Almbesitzer stellten erneut ein symbolisches Drehkreuz auf, um mit der „Wegmaut“ gegen die vielen Touristen zu protestieren, die ihre Wiesen nutzten und sie wegen Kuhzwischenfällen verklagten.
Die Landesregierung dürfte laut „stol.it“ rechtliche Schritte einleiten, um das freie Betretungsrecht durchzusetzen. Die Argumentation: Das sogenannte „Jedermannrecht“ greife, da es sich um Wanderwege in einem Naturpark handle. Die Landwirte behaupteten hingegen, dass keine Verstöße gegen Bestimmungen der Raumordnung vorliegen würden. Das Drehkreuz stehe nämlich auf Rädern, ist also mobil und somit kein Bauwerk. Die absurden Folgen des Disputs: noch mehr Aufmerksamkeit, noch mehr Besucher, noch mehr Ärger.
Die als „Perle der Dolomiten“ bekannte norditalienische Bergortschaft Cortina d‘Ampezzo nahe der österreichischen Grenze dient ebenfalls als Schlaglicht für den gesellschaftlichen Verfall in den Bergen. Die Ortschaft wurde in den vergangenen Wochen überrannt und geht nun gegen unangemessenes Verhalten von Touristen vor.
Konflikte durch Massentourismus
Bürgermeister Gianluca Lorenzi hat eine Liste neuer Regeln aufgestellt, die jetzt vom Gemeinderat nur noch unterzeichnet werden müssen. Der zunehmende Übertourismus führt nach Angaben der Stadtverwaltung immer häufiger zu Konflikten und Beschwerden.
Die geplante Verordnung richtet sich insbesondere gegen improvisiertes Campieren im Ortszentrum. Übernachten in Zelten, Schlafen in Schlafsäcken und auf Parkbänken sowie das Picknicken auf historischen Gebäuden sollen künftig untersagt werden.
Besonders betroffen sind die Stufen der lokalen Basilika. Auch für das Verhalten von Wohnmobilreisenden sollen strengere Regeln gelten. Zwar dürfen die Fahrzeuge auf ausgewiesenen Plätzen parken, nach Angaben der Gemeinde wird aus dem erlaubten Parken jedoch häufig ein improvisierter Campingplatz – mit Tischen, Stühlen, Kochern, aufgehängter Wäsche und anderem Campingzubehör. In der Stadt gelten für Verstöße gegen die Regeln Bußgelder zwischen 25 und 500 Euro.
Polizei soll gestärkt werden
Ziel sei ausdrücklich nicht, den Tourismus einzuschränken, sondern bestimmte Verhaltensweisen zu regeln und den öffentlichen Raum besser zu schützen, hieß es. Zusätzlich soll die Gemeindeverordnung für die Ortspolizei geändert werden. Die Beamten sollen dadurch bessere Möglichkeiten erhalten, gegen als „unangemessen“ oder „unhöflich“ eingestuftes Verhalten vorzugehen.
Anreisen, Fotos machen, Müll hinterlassen und auf Instagram und Co. damit prahlen. Das scheint zu passieren, wenn Algorithmen alle an denselben Ort schicken. Urlaub sieht irgendwie anders aus ...










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