Die Comebacksaison in der Wiener Metastadt war schön, aber kurz. Zum Abschluss füllten die Alternative Metal-Pioniere Deftones das Areal am voraussichtlich letzten Hochsommertag der Saison mit 8.000 Fans bis auf den letzten Platz. Der TikTok-Hype spülte auch die Generation Z in die Donaustadt – die sich vom Dargebotenen zufrieden zeigte.
Die Social-Media-Plattform TikTok hat die Musikindustrie tatsächlich mit einer kräftigen Dosis Unberechenbarkeit durchgerüttelt. Aus völlig unerklärlichen und unplanbaren Gründen wird man dort entweder hochgespült oder zu Tode ignoriert. Ersteres wurde der Alternative Metal-Schmiede Deftones zuteil, deren besten Zeiten eigentlich längst vorüber schienen. Mit „Adrenaline“ (1995) und „Around The Fur“ (1997) setzte man zwei markante Nu-Metal-Duftmarken, „White Pony“ (2000) und „Deftones“ (2003) krachten dann perfekt in die 2000er-Metalschiene und entwickelten sich mit Alben von Band wie Korn, Linkin Park oder Limp Bizkit zu Topsellern. Die Deftones blieben dann zwar durchaus adäquat in den Charts vorne dabei und sorgten für die andere oder andere Top-Platzierung, die fetten Jahre waren aber vorbei - bis die chinesische Video-Plattform plötzlich bei der Gen Z plötzlich die Liebe zur (gefühlten) Nostalgie erweckte.
Das Revival der Nu-Metal-Bewegung
Der Refrain von „Cherry Waves“ tauchte auf einmal als musikalische Untermalung zu romantischen Paarvideos oder bei Einblendungen von urbanen Hochhausvideos auf, „Be Quiet And Drive (Far Away)“ und „Change (In The House Of Flies)“ erlangten als klangliche Addition sepiafarben gefilterten Videos bei der Jungen eine Kraft, die vor mehr als zwei Dekaden auch schon ihre Elterngeneration verspürte – nur eben noch vorwiegend analog oder in virtuellen Kinderschuhen ohne breitenwirksame Vernetzung. Die Heroen der frühen 2000er-Jahre haben so aus unterschiedlichen Gründen ein Erfolgsrevival zu feiern. Bei Korn ist es eine Mischung aus ihrer Pioniersstellung im Genre und der harschen Kompositionen. Linkin Park punkten mit der massenwirksamen Zugänglichkeit und der Strahlkraft von Sängerin Emily Armstrong. Limp Bizkit durch Selbstironie und einen von allen Fesseln befreiten Frontmann Fred Durst und Deftones durch die Melancholie auf TikTok.
Die Kalifornier waren nie eine definierte Hitband, doch Chino Morenos leidender Gesang und die gediegenen, zuweilen bewusst monotonen Riffstrukturen förderten schon immer die Schwermut beim Hörvergnügen. So kommt es, dass vor dem Einlass um 18 Uhr bereits Hundertschaften von Menschen auf die ersten Reihen hoffen, ein gefühlt 60-prozentiger Satz davon noch keine 25 Jahre alt. Bei einem Abendkassapreis von rund 100 Euro dürften die Eltern der Schüler- und jungen Studentenschaft ordentlich und unterstützend in die Taschen gegriffen haben. Manchmal sind besagte Eltern, als frühere Fans und Zeitzeugen, auch mit dabei, weshalb diese eigentlich eher schwer zugängliche Musik interessanterweise schräge Familienkonstellationen fördert. Mama, Papa und Tochter bei den Deftones also, statt bei Andreas Gabalier oder Helene Fischer. Erziehung richtig gemacht, könnte man auch sagen.
Leger und der eigenen Vergangenheit verpflichtet
Im Gegensatz zu ihren Australien-Konzerten im Mai haben die Deftones zumindest teilweise an der Setlist geschraubt, bieten in ihrem handgestoppten 90-Minuten-Set aber keine übertriebenen Überraschungen und schöpfen querbeet aus dem Fundus ihrer auch schon mehr als drei Dekaden andauernden Diskografie. Moreno leger in blauem Jäckchen, und nach wenigen Nummern im weißen T-Shirt, gibt den schmachtenden Generation-X-Anheizer und schmerzt sich durch ein Set, das mit Nummern wie „Swerve City“, „Mascara“, „Rosemary“ oder dem erstmals seit 2011 gespielten „Risk“ auf alle anwesenden Generationen achtet. Garniert wird das mit einer simplen Videowall, auf der allerlei Frauen, Getier oder Psychedelisches übertragen wird, einem markant gehobenen Drumset, auf dem Abe Cunningham seine Felle verdrischt und den zwei Live-Gitarristen, die sich 90er-üblich duellieren, ohne sich dabei gegenseitig das Wasser abzugraben.
Was auf Langstrecke bei aller Inbrunst der Musiker auf der Bühne aber doch ins Gewicht fällt, ist die gefühlte Gleichförmigkeit der Songs. Flottere, rockigere Old-School-Momente wie bei „My Own Summer (Shove It)“ oder „7 Words“ vom Debütalbum werden ganz ans Ende zum Zugabenblock gelegt, dazwischen ergeht sich die instrumental fehlerfrei aufspielende Band mitunter in ermüdender Gleichförmigkeit. Während der (quantitativ dominante?) junge Teil des Publikums vielleicht auf mehr Gimmicks und Showaspekte hoffte, mokierten sich die älteren daran, dass es ruhig hätten noch ein paar mehr Gassenhauer aus der derberen Frühphase der Band sein können. Klassiker wie „Tempest“ oder „Korea“ sind freilich über alle Zweifel erhaben und werden auch dementsprechend gefeiert, aber der Spannungsbogen bleibt zumeist flach, Unterschiedlichkeiten im Live-Set lassen sich nur in Nuancen herausfiltern. Zudem bleibt Morenos Stimme in der Soundmischung lange zu dumpf, was sich erst mit Fortdauer der Show deutlich verbessert.
Anheizer mit radikalerem Sound
Über den Hype der Deftones zeigen sich auch Show Me The Body überrascht. Das New Yorker Hardcore-Kollektiv rund um den exzentrischen Frontmann Julian Cashwin Pratt ist zurzeit meist im Vorprogramm der Black-Metal-Combo Deafheaven unterwegs, macht für ein Konzert hier aber bei den Deftones Halt. „Sie waren jetzt kein direkter Einfluss auf meine Musik und unsere Band, aber haben sich ihren Erfolg mehr als verdient“, erzählt Pratt der „Krone“ vor dem Auftritt im Interview, „ob wir selbst vor fünf, 500 oder 5000 Leuten spielen, macht keinen Unterschied. Die letzte und bislang einzige Österreich-Show fand 2016 im Wiener Gürtellokal Chelsea statt – vor gefühlt drei Handvoll Fans. Die politisch aufgeladene Metastadt-Performance mit Banjo-Gitarre und Liedern des introspektiven neuen Album „Alone Together“ forderten das Publikum ordentlich heraus. Für die Deftones-Aufwärmrunde reichte das definitiv – auch wenn sich vor allem die jüngere Klientel wohl etwa Passenderes gewünscht hätte.
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