Sowohl die aktuelle politische Weltlage als auch die wirtschaftliche Unsicherheit und steigende Lebenshaltungskosten beeinflussen den Kinderwunsch vieler Paare. Das ist das Ergebnis des „Geburtenbarometer“ der Akademie der Wissenschaften und einer Umfrage des Kinderwunschzentrums an der Wien.
Demnach wollen immer mehr Menschen kinderlos bleiben. Laut einer Umfrage des Marketagent Instituts (im Auftrag des Kinderwunschzentrums an der Wien) empfinden es gar 36 Prozent als egoistisch, Kinder in die heutige Welt zu setzen. Für mehr als die Hälfte der 1000 Befragten spielt die aktuelle politische Weltlage eine Rolle bei ihrem Kinderwunsch. Sie gaben an, deshalb verstärkt darüber nachzudenken, ob sie überhaupt Kinder oder weitere Kinder bekommen möchten. Viele befürchten, dass sich die Welt in den nächsten 20 bis 30 Jahren verschlechtern könnte. Diese Gedanken hegen vor allem Millennials (zwischen 1980 und 1993 geboren) und die Generation Z (zwischen 1994 und 2010 geboren).
Auch finanzielle Aspekte sind laut dieser Umfrage zentral: Fast jede zweite Person gab an, dass finanzielle Gründe sie davon abhalten, ein Kind oder weitere Kinder in die Welt zu setzen. Die Mehrheit (73,6 Prozent) sagt zudem, dass der Kinderwunsch so lange aufgeschoben werden sollte, bis finanzielle Stabilität erreicht sei. „Fragen nach finanzieller Stabilität, beruflicher Entwicklung und der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft spielen heute eine wesentlich größere Rolle. Kinder zu bekommen, ist für viele Menschen längst nicht mehr nur eine emotionale, sondern auch eine sehr rationale Entscheidung geworden“, sagte Andreas Obruca, Leiter des Kinderwunschzentrums an der Wien.
Kinder zu bekommen, ist für viele Menschen längst nicht mehr nur eine emotionale, sondern auch eine sehr rationale Entscheidung geworden.
Andreas Obruca, Leiter Kinderwunschzentrum an der Wien
Aufschieben wird häufiger
Dennoch bezeichneten zwei von drei Befragten (63,7 Prozent) Kinder als Sinn des Lebens. Knapp 65 Prozent der Generation Z möchten einmal selbst welche haben. Umfragen und Daten zeigen, dass der Kinderwunsch heute später realisiert wird als noch vor etwa 40 Jahren. Das Durchschnittsalter bei der ersten Geburt stieg laut dem Geburtenbarometer zwischen 1984 und 2024 um sechs Jahre und liegt nun bei 30 Jahren. Zu beachten ist, dass bis 2015 nur Daten zu verheirateten Paaren publiziert wurden. Inzwischen wird die Hälfte aller Kinder in Österreich außerhalb von Ehen geboren.
„Je länger die Entscheidung aus wirtschaftlichen Gründen hinausgeschoben wird, desto stärker rücken auch biologische Faktoren in den Vordergrund“, sagte Obruca. „Wir beobachten seit Jahren einen deutlichen Anstieg des Alters unserer Patientinnen. Viele Frauen kommen heute erst Ende 30 oder Anfang 40 erstmals mit einem konkreten Kinderwunsch in die Praxis“, sagte auch Michael Feichtinger, Leiter des Wunschbaby-Institut Feichtinger in Wien. Gründe seien zusätzlich zu wirtschaftlicher Unsicherheit auch längere Ausbildungswege, veränderte Lebensrealitäten und dass viele Menschen das Gefühl hätten, aufgrund der steigenden Lebenserwartung länger Zeit zu haben als früher.
Grenzen moderner Reproduktionsmedizin
Die moderne Reproduktionsmedizin könne zwar unterstützen, den altersbedingten Rückgang der Eizellqualität aber nicht vollständig ausgleichen. Ab dem 35. Lebensjahr würden die Chancen auf eine natürliche Schwangerschaft deutlich sinken, ab dem 40. Lebensjahr nehme die Wahrscheinlichkeit weiter ab, sagte Feichtinger. „Wenn sich der Wunsch nach einem eigenen Kind nicht erfüllt, hat das oft erhebliche Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Wir erleben in der Praxis täglich, dass unerfüllter Kinderwunsch nicht nur eine medizinische Herausforderung ist, sondern häufig auch eine enorme emotionale Belastung darstellt“, berichtete er.
Wenn sich der Wunsch nach einem eigenen Kind nicht erfüllt, hat das oft erhebliche Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit.
Michael Feichtinger, Leiter Wunschbaby-Institut Feichtinger
Die Umfrage des Kinderwunschzentrums an der Wien ergab, dass sich 68 Prozent der Befragten ab 14 Jahren dafür aussprachen, dass alleinstehende Frauen Zugang zu künstlicher Befruchtung haben sollen. Sie erachten ein stabiles soziales Umfeld für ein Kind als wichtiger als ein traditionelles Zwei-Eltern-Modell. Wie berichtet, haben sich alleinstehende Frauen in dieser Frage bereits an den Verfassungsgerichtshof gewandt. Mit einer Entscheidung ist in diesem Jahr zu rechnen.
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