Die sogenannte Bio-Weidegans ist für das Burgenland von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Immerhin ist das inoffizielle Wappentier des Landes mit regionalen Bräuchen, Kulinarik und Tourismus verbunden. Doch nun hat es sich ausgeschnattert. Was bedeutet dieser Negativtrend für Österreich?
Einst war das Burgenland die größte Gänseweide der Donaumonarchie. In den 1960er-Jahren ging der Bestand des Federviehs massiv zurück. Doch vor rund 25 Jahren wurde die alte Tradition von zehn innovativen Landwirten neu belebt, schließlich bietet die Region bis heute mit ihrem günstigen Klima ideale Voraussetzungen für die biologische Gänsehaltung. 2002 starteten die Bauern mit der Landwirtschaftskammer das Projekt „Südburgenländische Weidegans“ und führten die artgerechte Haltung und Direktvermarktung wieder ein. Das reduzierte fortan Transportwege, stärkte die lokale Wirtschaft und förderte den bewussten Umgang mit Lebensmitteln.
„Bio-Weidegänse wachsen auf Wiesen und Weiden auf. Sie ernähren sich überwiegend von frischem Gras und hofeigenem, gentechnikfreien Biogetreide. Der viele Auslauf, die langsame Aufzucht, die spezielle Fütterung sorgen für erstklassige Qualität. Das Fleisch ist fettärmer, zarter, aromatischer und feiner im Geschmack als jenes von konventionellen Weidegänsen oder ausländischen Mastgänsen“, erklärt Siegfried Marth (51) aus Hagensdorf, der langjährige Obmann des Vereins. Jedes Jahr vermarktete die etablierte Initiative mehrere tausend Gänse. Doch nun ist Schluss.
Das Ende einer Ära
„Seit 2020 hat sich der Markt verlagert. Während die Anzahl konventioneller Gänsebauern wächst, kam es bei uns Biogänse-Mästern zu sukzessiven Ausstiegen. Hauptgrund sind die anhaltenden Krisen und die Teuerung. Sie zwingen Gastronomen als auch Privatkunden zum Sparen. Dadurch sind uns viele Abnehmer abhandengekommen.“ Immer mehr Konsumenten würden zwar hohe Qualitätsstandards fordern, doch nur wenige seien bereit, dafür auch zu zahlen, seufzt Marth.
Die Zahl der Betriebe als auch Gänse ist leider rückläufig. Die Vermarktung läuft aufgrund der allgemeinen Preissensibilität nicht so gut wie bisher gewohnt.
Wolfgang Pleier, Tierhaltungsberater in der burgenländischen Landwirtschaftskammer
Als der Landwirt seinen Betrieb noch gemeinsam mit seiner Schwester Susanne Seier führte, schlachtete und verkaufte er rund um den Staatsfeiertag, Martini und Weihnachten zwischen 600 und 800 Bio-Weidegänse – zuletzt für 18 Euro pro Gans. Im Vorjahr waren es nur noch 300 Stück. „Davon kann ich nicht leben, auch wenn ich keine Angestellten mehr habe und alles alleine schupfe. Deshalb schraube ich nun zurück und konzentriere mich nur noch auf die Mästung meiner 20 Bio-Zuchtsauen und 300 Ferkel.“
Stille Ställe, leere Wiesen
Auch Bioganshalter und Ackerbauer Andreas Knor (40) aus Güttenbach – er zählt laut „Bio Austria“-Chef Ernst Trettler neben Sigi Marth zu den letzten Bio-Gansmästern im Burgenland, die von der Direktvermarktung leben konnten – musste bereits Federn lassen und seinen Betriebszweig schließen. In seinem Stall, in dem sich jedes Jahr Mitte April rund 150 Gössel tummelten, herrscht jetzt Stille.
„Ich habe bei der letzten Weideganssitzung meinen Austritt bekannt gegeben. Denn der Break-Even-Point ist erreicht. Wenn Erlöse und Gesamtkosten eines Produkts gleich hoch sind, kann kein Unternehmen mehr profitabel sein. Mit einem Kilopreis von 19 Euro habe ich schon im Vorjahr fast draufgezahlt“, sagt der Wirtschaftswissenschafter, der als Logistikmanager bei einem großen Lebensmittelkonzern beschäftigt war, bevor er vor zehn Jahren Biolandwirt wurde.
Billiggänse aus Ungarn
„Viele Kunden wollen schlichtweg für eine Fünfkilogans nicht mehr 100 Euro zahlen. Sie kaufen in Ungarn ein, wo der Kilopreis für eine konventionelle Gans zwischen sechs und acht Euro liegt. Dass die Gänse dort in riesigen Hallen gehalten werden und kein Tageslicht sehen, ist vielen wurscht. Der Qualitätsunterschied ebenso“, sagt Knor.
Zu viele Herausforderungen
Sehr volatil sei das Geschäft aber auch aufgrund der vielen Beschränkungen und der wenigen Ausgleichszahlungen. Außerdem würden Tierseuchen und Krankheiten wie die Vogelgrippe und Salmonellen, der Tierarztmangel sowie der Druck, im globalen Markt bestehen zu können, seiner Zunft die Arbeit erschweren: „Ich habe bereits einige Kollegen, die um ihre Existenz kämpfen.“
Ist die österreichische Weidegans in Gefahr?
Schwappt diese Negativentwicklung aus dem Burgenland auch also auf Rest-Österreich über? „Natürlich hört da und dort jemand auf, weil durch die Schließung guter Gasthäuser sichere Abnehmer wegfallen und die Gastronomie liebend gern auf günstige ungarische Mastgänse zurückgreift“, bestätigt Heidi Hebesberger, die Bundesobfrau der Organisation „Österreichische Weidegans“ – jener Gemeinschaft, zu der auch die burgenländischen Weidegansbetriebe gehören. Rund 270 österreichische Landwirtinnen und Landwirte sind hier organisiert. Im Vorjahr haben sie zirka 50.000 Gössel aufgestallt.
Doch im Vergleich zum Burgenland sei dieser Negativtrend in anderen Bundesländern „nicht so wild“: „Die Bio-Weidegänsehalter können ihre Stückzahlen ganz gut halten, auch die Inlandsversorgung sei gewährleistet. Die Kunden loben unsere Qualität. Daher wir sind recht positiv gestimmt.“
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