Eleganter Eisprinz

Volvo ES90: Leiser Riese kann alles, außer Gefühle

Motor
16.02.2026 06:10

Volvo setzt sein schwedisch-kühles Crossover-Flaggschiff ES90 gegen die deutsche Business Class. Erstmals mit 800 Volt. Aber ein Hightech-Feature ist bereits rausgeflogen. Und das ist gut so

Rund um die Hamburger Speicherstadt – die Location für die Testfahrt im Volvo ES90 könnte passender kaum sein. Denn sein Energiespeicher ist ein wichtiges Thema am neuen Schweden (der aus dem chinesischen Chengdu kommt). Bis zu 106 kWh brutto passen in den Akku. Den bekommen aber nur die beiden Allradversionen, die mit zwei Motoren 456 oder 680 PS leisten und mit 711 km nach WLTP die Reichweitenkönige im Programm sind.

Der 333 PS starke Hecktriebler muss mit 92 kWh (netto 90 kWh) auskommen). Okay, 554 bis 651 Kilometer Reichweite sind auch nicht ohne, mit dem größeren Akku wären aber wahrscheinlich 100 Kilometer mehr drin. Die Realität zeigt ohnehin ganz andere Werte, da hatten wir bei knapp über null Grad, aber ohne Autobahnanteil und insgesamt geringem Tempo nicht einmal 400 Kilometer Reichweite im topausgestatteten Hecktriebler.

Sein Antrieb wäre sicher auch für 2,6 statt 2,4 Tonnen Leergewicht nicht zu schwach, er beschleunigt die Fuhre in höchster Gelassenheit in 6,6 Sekunden von 0 auf 100. Maximaltempo 180 km/h.

(Bild: Christian Bittmann)
(Bild: Volvo)
(Bild: Volvo)
(Bild: Volvo)
(Bild: Christian Bittmann)
(Bild: Christian Bittmann)
(Bild: Christian Bittmann)
(Bild: Christian Bittmann)
(Bild: Christian Bittmann)
(Bild: Christian Bittmann)
(Bild: Christian Bittmann)
(Bild: Christian Bittmann)
(Bild: Christian Bittmann)

Abgesehen davon, dass eh gleiten statt heizen angesagt ist. Die völlig gefühllose Lenkung und die vor allem beim Anhalten schwer zu dosierende Bremse trifft auf ein optionales adaptives Luftfahrwerk mit sehr feinem Fahrkomfort. Kein Schaukeln, nichts Schwammiges, einfach gut abgestimmt. Das ist alles nicht emotional im mindesten emotional, aber maximal entspannt. Und immer sehr leise.

Was fehlt, sind Rekuperationsstufen bzw. ein leichtes Verzögern, wenn man vom Fahrpedal geht. Man hat nur die Wahl zwischen Segeln, One-Pedal-Drive und der adaptiv regelnden Mischung aus beidem. Diese „Automatik“ ist irritierend, weil sie oft nicht das macht, was man erwartet.

Per Kabel wird übrigens erstmals mit 800 V geladen, zehn bis 80 Prozent in 22 Minuten. 

Wohnlich-kühl und gewöhnungsbedürftig
Skandinavisch-kühl der Innenraum, mit offenporigem (FSC-zertifiziertem) Holz und viel Recycling-Material, aber ohne Haltegriffe. Einziges analoges Bedienelement im Cockpit: eine elegante Lautstärkewalze unterm 14,5-Zoll-Touchscreen. 

Auf der Lenksäule ist ein freistehendes Neun-Zoll-Tachodisplay montiert. Zweckmäßig, aber schon sehr einfach. Wobei man sagen muss: Im Gegensatz zum Display-Overkill etwa bei Mercedes tut diese Reduktion dem Auge richtig gut. Ergänzend spiegelt ein 13,2-Zoll-Head-up-Display Infos in die Scheibe.

(Bild: Volvo)
(Bild: Volvo)
(Bild: Volvo)
(Bild: Volvo)
(Bild: Volvo)
(Bild: Volvo)
(Bild: Volvo)
(Bild: Volvo)
(Bild: Volvo)

Die Bedienung ist insgesamt teilweise gewöhnungsbedürftig. Manches wirkt widersinnig, wie die Tempomataktivierung per Gangwahlhebel am Lenkrad, die man auch schon von anderen Modellen kennt. Also das Bedienkonzept hat Volvo für den ES90 nicht neu erfunden. Also auch hier steckt Google drin, praktisch alles wird per Touch bedient, bis hin zu Spiegel- und Lenkradverstellung (in Kombination mit den Lenkradtasten). Für das Handschuhfach ist eine Schaltfläche auf zweiter Menü-Ebene zuständig. Die Fensterheber haben immerhin eigene Tasten in der Tür – für die hinteren Fenster muss man aber umschalten.

Viel Platz für Insassen, aber mäßig bequem
3,10 Meter Radstand und 2,05 m Breite (ohne Außenspiegel) sorgen für opulente Platzverhältnisse unter dem serienmäßigen Glasdach. Allerdings muss man hinten stark die Beine anziehen, was für Erwachsene auf Dauer unbequem ist. Außerdem kann man die Füße nicht unter den Vordersitz stellen. Da hilft es auch nicht, dass man sich zwischen den Sitzreihen via Soundsystem und Lautsprechern in den Kopfstützen unterhalten kann.

(Bild: Volvo)

Die Armlehne in der Mitte der Rücksitzlehne sollte man grundsätzlich heruntergeklappt lassen, denn sonst blockiert die mittlere Kopfstütze den ohnehin eingeschränkten Blick nach hinten. Prinzipiell sieht man dann aber während der Fahrt genug. Gute Übersichtlichkeit beim Rangieren darf man sich aber nicht erwarten.

Im Vergleich zur Geschwistermarke Polestar ist das hier aber das bessere Konzept. Polestar verzichtet bekanntlich bei den Modellen 4 und 5 auf eine Heckscheibe. Doch besser wenig als gar keine reale Sicht nach hinten. Punkt. Doch Polestar will das wohl durchziehen und verweist lieber auf zweifelhafte Studien, als dass sie gesunden Menschenverstand walten lassen. Aber das nur am Rande.

Fünf Komma null Meter lang ist der Volvo ES90 – der Kofferraum ist angesichts der Größe des Autos klein: Er lässt sich von 424 auf 1427 Liter erweitern (dazu kommt ein 27-Liter-Frunk). Das liegt auf dem Niveau eines Dacia Duster oder Skoda Elroq. An der Stelle merkt man die chinesischen Eltern des ES90 (Geely-Konzern): Im Reich der Mitte geht Platz auf der Rückbank über alles, das Ladevolumen ist bestenfalls sekundär. Oder primär, um mit Hans Krankl zu sprechen.

Der Volvo ES90 läuft in Chengdu künftig makellos vom Band – ohne Lidar-Buckel.
Der Volvo ES90 läuft in Chengdu künftig makellos vom Band – ohne Lidar-Buckel.(Bild: Volvo)
(Bild: Volvo)

Lidar ist nicht da
Bisher hat man den Volvo ES90 für ein Taxi halten können, angesichts des kleinen Buckels, der das Lidar-Auge beinhalten sollte. Doch wegen Lieferproblemen/Vertragsverletzungen beim Start-up Luminar, in das Volvo schon früh investiert hat, verzichtet der Autohersteller nun doch auf den Einsatz. Kunden, die den ES90 mit Lidar bestellt haben, werden entschädigt. Künftig werden neue Fahrzeuge ohne den Buckel ausgeliefert.

Auf die Funktion des „Pilot Assist“ hat das keine Auswirkung, der funktioniert über die Kamerasysteme. Das Lidar sollte ausschließlich Daten sammeln – für ein zukünftiges Upgrade auf Level 3, mit dem es dann wohl nichts werden wird.

Die Preise
Die Ausstattungspolitik bei Volvo ist etwas ungewöhnlich. Wie erwähnt ist das Modell mit einem Motor und Heckantrieb ausschließlich mit dem kleinen Akku erhältlich. Verfügbar sind aber alle drei Ausstattungsniveaus. Zum Grundpreis von 68.490 für „Core“ kommen 4000 Euro für „Plus“ und weitere gut 8000 Euro für „Ultra“ dazu.

Dass man die beiden zweimotorigen Allradler nicht mit dem kleinen Akku bekommt, ist logisch. Aber warum in aller Welt darf man mit Allradantrieb nicht Core oder Plus bestellen? So kosten vier angetriebene Räder mindestens 85.640 Euro, weil man Ultra mitbezahlen muss. Der Hecktriebler mit Ultra-Ausstattung kommt auf 80.640 Euro, der Aufpreis für 13 Extra-Kilowattstunden und den zweiten Motor beträgt also 5000 Euro.

Fahrzit
Der Volvo ES90 greift die deutsche Premium-Konkurrenz bzw. Business Class mit Gelassenheit, kühler Wohnlichkeit und brauchbarer, aber nicht überbordender Reichweite an. Er versprüht keine Emotionen, sondern gefällt sich in zurückhaltender Eleganz. Wie angenehm so ein Oberklasse-Auto mit offenporigem Holz statt Beifahrer-Display doch ist! Im Vergleich zur Premium-Konkurrenz trägt er allerdings „made in China“ und das weniger verbindliche Fahrgefühl als Packerl mit – was sich angenehm im Preis ausdrückt.

Warum?
Zurückhaltende Eleganz
Mit Allrad größer Akku
Hoher Reisekomfort

Warum nicht?
Seltsame Ausstattungspolitik
Gefühllose Lenkung und Bremse

Oder vielleicht …
… BMW i5, Mercedes EQE, Audi A6 e-tron, Polestar 4/5

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