Plug-in-Hybride sind oft nicht Fisch, nicht Fleisch. Der Lynk&Co 08 ist beides – und davon eine große Portion. 200 km Elektro-Reichweite, respektable Optik und echte Reisequalitäten. Den wird man sich merken müssen – auch wenn die Software noch für Stirnrunzeln und Augenverdrehen sorgt.
Lynk & Co gehört zum chinesischen Geely-Konzern, genau wie Volvo, und ist vor zehn Jahren in Göteborg gegründet worden, wo auch die Zentrale liegt. Es ist also genau genommen eine schwedische Marke, wobei die Autos bei den Eltern in China gebaut werden.
Der Auftritt ist rangeroveresk mit ein bisschen Chinakreativität. Auf 4,82 Meter zeigt sich, was Kunden im Land des Lächelns wichtig ist: sehr viel Platz auf der Rückbank, verhältnismäßig bescheidener Kofferraum: Die 540 Liter sind bis unters Dach gemessen, umgeklappt sind es 1254 Liter. Dafür ist in der noch besseren der beiden ausschließlich verfügbaren Ausstattungsniveaus sogar die Rückbank beheizt.
Das Cockpit wirkt schwedinesisch aufgeräumt, alles klar gestaltet, mit feinen Materialien, die sich manch europäischer Hersteller um viel mehr Geld nicht leisten würde. Bis auf den billigen Knopf zum Türöffnen. Der muss im Baumarkt übriggeblieben sein. Massive Mittelkonsole mit einem zweigeschossigen Fach unter dem Abdeckrollo, Handyladeschale, Fach unter der Mittelarmlehne, top. Aber kein Platz für die 1,5-Liter-PET-Flasche.
Der 15,4-Zoll-Touchscreen erhält viel Aufmerksamkeit vom Fahrer, weil man ihn für wirklich alles braucht. Sogar zum Einschalten des Abblendlichtes. Oder der Nebelschlussleuchte. Oder zum Öffnen des Glasschiebedaches. Und zwar nicht per einfachem Fingertipp, sondern via Marsch durch die Menüstruktur. Unpraktischer geht es nicht. Wenigstens werden die Spiegel klassisch an der Türkonsole eingestellt.
Der Widerspruch: Jedes noch so kurze Blick-von-der-Fahrbahn-Nehmen wird vom Aufmerksamkeitswarner geahndet. Ja, den kann man abschalten, wie auch andere nicht minder lästige Assistenten. Das braucht mindestens elf Tipper am Display (siehe Video). Darüber hinaus hat das Navigationssystem einen eigenen, zusätzlichen Tempolimitassistenten, der mit angenehmer Stimme auf eine Limitüberschreitung aufmerksam macht. Nur: Oft genug mahnt er wegen zu schnellen Fahrens, obwohl man langsamer fährt, als der Assistent verlangt. Abgesehen davon, dass das Limit nicht zuverlässig erkannt wird (aber das kann kein Autohersteller).
Das eigentliche Problem am Navi-Limitwarner: Er mischt sich auch dann ein, wenn man gar nicht navigiert. Man muss also einmal die Navigation starten, dann die Sprachführung abschalten und dann die Navigation beenden. Ja, das ist wirklich so umständlich.
Fahren ist die Schokoladenseite
Wenn man diese nervtötenden Nebensächlichkeiten hinter sich gelassen hat, kann man sich endlich an dem erfreuen, was der Lynk&Co 08 am besten kann: fahren. Komfortabel fahren. Das Geräuschniveau entspricht Erwartungen, die man an ein Oberklassefahrzeug stellt, selbst bei hohem Tempo (Vmax. 185 km/h). Das Fahrwerk geht voll in Ordnung, die Dämpfer sprechen gut an und schwingen auch auf heftigen Bodenunebenheiten nicht nach, ohne zu straff zu sein. Die Lenkung bietet einen absolut passenden Widerstand, auch wenn sie nicht das weltbeste Gefühl für die Fahrbahn vermittelt.
Nur die Bremse ist manchmal ein wenig schwierig zu dosieren. Vor allem beim Langsamfahren und beim Anhalten ist sie nicht sehr geschmeidig. Im Gegensatz zum Fahrwerk.
Der Antrieb setzt sich zusammen aus dem E-Motor mit 208 PS und 350 Nm und einem 1,5-Liter-Vierzylinder mit 137 PS. Das reicht aus, um das 2,1 Tonnen schwere Auto in 6,8 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 zu beschleunigen. Klingt sportlicher, als es sich anfühlt, und wenn es nass ist, überfordert es gerne mal die Vorderräder.
Der Akku speichert 39,6 Kilowattstunden netto. Das ist fast die Hälfte mehr als die Batterie des neuen Renault Twingo, der aber keinen Verbrenner hat. Die rein elektrische Reichweite gibt Lynk & Co mit 200 Kilometern an. Tatsächlich komme ich im Winter 112 Kilometer weit – und das ist schon beeindruckend. Der Bordcomputer zeigt einen Verbrauch von 29,9 kWh/100 km an – aber auch nur deshalb, weil die Anzeige auf diesen Wert begrenzt ist. In Wahrheit waren es ausgerechnete 35 Kilowattstunden auf 100 Kilometer. Ergänzung: Der ADAC ist in seinem eigenen Verbrauchszyklus auf 176 Kilometer gekommen und Lynk&Co hat auf einer Rennstrecke in Mexiko einen Guinness-Rekord von 293 Kilometer erzielt – über mehr als sechs Stunden mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 50 bis 60 km/h.
Man kann den 08 im Alltag also tatsächlich als E-Auto nutzen. Nicht zuletzt weil man ihn auch richtig schnell wieder aufladen kann, jedenfalls für Hybrid-Verhältnisse: Am DC-Lader gönnt er sich bis zu 85 kW, das macht ihm so leicht keiner nach. Auch hier wieder der Twingo zum Vergleich: Der hat eine Ladeleistung von maximal 50 kW. Von 10 auf 80 Prozent braucht der Lynk 08 33 Minuten. Mit Wechselstrom lädt er mit 11 kW.
Mit leerem Akku rächen sich natürlich das Gewicht und das Format des Autos. Da komme ich im Winter auf ungefähr 10 Liter auf 100 Kilometer.
Die Preise
Core kostet 55.000 Euro, More 59.000 Euro. Da ist fast alles bzw. ganz alles drin, was Lynk&Co anbietet. Nicht einmal die Lackfarben kosten extra. Nur die Anhängerkupplung, der man bis zu 1,6 Tonnen zumuten darf. Automatisches Einparken oder Allrad ist nicht zu bekommen, das LED-Matrix-Licht ist leider unbrauchbar und der „Autopilot“ nicht der Zuverlässigste seiner Art. Komfort auf höherem Niveau, als es die Preise versprechen, bekommt man auf jeden Fall.
Wann und wo man das bekommt, soll sich bald klären: auf jeden Fall noch im ersten Quartal bei ausgewählten Volvo-Händlern.
Fahrzit
Ja, es gibt einiges am Lynk&Co 08, das noch kräftigen Feinschliff gebrauchen kann. Im Video-Fahrbericht hier oben gibt es noch mehr davon. Das „Fahrzit“ ist dennoch ein positives, denn der 08 macht auch vieles richtig. Die Anmutung ist wirklich hochwertig, beim Reisen kommt kein Stress auf, er ist leise und in Sachen Elektroreichweite ist er für einen Plug-in-Hybrid absolute Spitze. Der Auftritt ist stattlich und hat so gar nichts Billiges an sich – da kann man sich die Schrullen mit dem relativ günstigen Preis locker „schönkaufen“.
Warum?
Sehr solider, stattlicher Auftritt
Hoher Reisekomfort
Sehr leise
Warum nicht?
Teilweise nervende Bedienung
Oder vielleicht …
… VW Tayron, Opel Grandland, Mitsubishi Outlander, DS7 Crossback, Volvo XC60, BMW X3, Range Rover Sport.
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