Nach Warnstreik

Amazon droht erster Arbeitskampf in Deutschland

Web
09.04.2013 18:25
Am größten deutschen Standort des US-Versandhändlers Amazon im hessischen Bad Hersfeld haben am Dienstagnachmittag Hunderte Beschäftigte bei einem Warnstreik die Arbeit niedergelegt - um ihrer Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen und mehr Geld Nachdruck zu verleihen. Dies sei "der erste Arbeitskampf" bei dem US-Unternehmen in Deutschland "überhaupt", sagte ein Sprecher der Gewerkschaft Verdi. "Es war klasse."

Vor den beiden Betriebsstätten am Standort Bad Hersfeld versammelten sich nach Angaben des Verdi-Sprechers am Dienstagnachmittag rund 500 Beschäftigte zu einem Warnstreik. Bereits am Vormittag hatten sich etwa 200 Mitarbeiter an einem Protest vor den Werkstoren in Bad Hersfeld versammelt. Der Versandriese lehne die Aufnahme von Tarifverhandlungen weiter ab, die Fronten seien verhärtet, hatte Verdi zuvor am Montag nach einem Gespräch mit Amazon in Fulda berichtet.

Internetversandhändler droht Streik
Bei einer Urabstimmung im Leipziger Logistikzentrum des US-Internetversandhändlers hatte vergangene Woche die Belegschaft erstmals in Deutschland Streiks zugestimmt. 97 Prozent der teilnehmenden Verdi-Mitglieder votierten für Arbeitsniederlegungen. "Wir werden nicht lockerlassen, bis wir einen vernünftigen Tarifabschluss haben", sagte Gewerkschaftssprecher Jörg Lauenroth-Mago und kündigte die Planung mehrtägiger Streiks an, ohne allerdings einen konkreten Zeitpunkt für diese zu nennen. Die Kunden sollten den Ausstand durchaus zu spüren bekommen. "Zu streiken und keiner kriegt es mit, das wäre ein bisschen blöd."

"9.000 Euro brutto weniger im Jahr"
Verdi will mit den Tarifverhandlungen einen Abschluss zu den besseren Konditionen des Versand- und Einzelhandels erreichen. Amazon hingegen orientiert sich an der Logistikbranche. "Dadurch bekommt ein Beschäftigter 9.000 Euro brutto weniger im Jahr", rechnete Verdi exemplarisch vor. Zu den Gewerkschaftsforderungen gehört unter anderem eine Lohnuntergrenze von 10,66 Euro pro Stunde. Nach einem Jahr sollen es 11,39 Euro sein. Außerdem verlangt Verdi ein tarifliches Urlaubs- und Weihnachtsgeld und Nachtzuschläge ab 20 Uhr.

Auch im größten Logistikzentrum in Bad Hersfeld (Bild) fordert die Belegschaft einen Tarifvertrag für den Versand- und Einzelhandel. Verdi kündigte am Montag an, im Lauf des April eine Urabstimmung vorzubereiten. Für einen Streik ist eine Zustimmung von 75 Prozent der Mitglieder erforderlich. Verdi sei zuversichtlich, die Arbeits- und Einkommensbedingungen der 3.200 Beschäftigten mit den Mitteln des Arbeitskampfes verbessern zu können, sagte ein Gewerkschaftsvertreter.

Amazon: "Wenige Gemeinsamkeiten"
Amazon teilte mit, das Unternehmen sei weiter zu informellen Gesprächen bereit, sehe aber derzeit wenige Gemeinsamkeiten, um Verhandlungen aufzunehmen. Der Internetversandhändler hatte zuletzt mehrfach betont, dass seine Versandzentren Logistikunternehmen seien, die Kundenbestellungen ausführten, und dass die Mitarbeiter mit ihren Einkommen am oberen Ende dessen lägen, was in der Logistikindustrie üblich sei. Wie das Unternehmen im Streikfall reagieren wird, blieb zunächst offen.

Deutschlandweit 9.000 Mitarbeiter
Bundesweit beschäftigt Amazon 9.000 Mitarbeiter. Neben Leipzig und Bad Hersfeld hat das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Rheinberg, Werne, Pforzheim und Koblenz. Der deutsche Ableger des 1995 in den USA gegründeten Konzerns existiert seit 1998. Im vorigen Jahr setzte der Internethändler in Deutschland 8,7 Milliarden Dollar (6,8 Milliarden Euro) um.

Zuletzt in die Schlagzeilen geraten war Amazon wegen seiner Arbeitsbedingungen. Auslöser war eine ARD-Dokumentation, bei der es speziell um die Situation von Leiharbeitern während des Hauptgeschäfts zur Weihnachtszeit ging (siehe Infobox).

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