Die Vorgeschichte: Antigua und Barbuda war in den Neunzigern die Heimat einer florierenden Online-Glücksspielindustrie, die als Reaktion auf Einnahmenrückgänge im Tourismusbereich aus dem Boden wuchs. Viele Kunden loggten sich aus den USA auf den Gambling-Servern in Antigua ein – bis die US-Regierung dem Online-Glücksspiel auf ausländischen Servern per Gesetz einen Riegel vorschob. Das Resultat: Ein jahrelanger Handelsstreit zwischen dem Inselstaat und den USA, der auch vor der Welthandelsorganisation ausgetragen wurde.
Bereits 2003 reichten Antigua und Barbuda vor der Welthandelsorganisation Beschwerde gegen die USA ein und gaben an, das US-Glücksspielverbot auf ausländischen Servern habe den Inselstaat Arbeitsplätze und Einnahmen gekostet. Als Entschädigung forderte der Inselstaat 2005 jährliche Zahlungen der USA in Milliardenhöhe – ein Deal, auf den sich die US-Regierung nicht einlassen wollte. Zwei Jahre später erlaubte die Welthandelsorganisation Antigua und Barbuda, das geistige Eigentum von US-Unternehmen kostenlos zu nutzen, bis ein Gegenwert von 21 Millionen US-Dollar pro Jahr erreicht wird.
Der Plan, ein staatlich unterstütztes Portal für Filmdownloads zu starten, ist nun die Folge dieses Vorschlags der WTO. Die US-Regierung ist erzürnt. Ein Downloadportal auf der Karibikinsel, an dem die Rechteinhaber in den USA nichts verdienen, wäre aus Sicht der USA "amtliche Piraterie" und würde die Chancen auf eine Einigung im Handelsstreit stark reduzieren, so ein Sprecher der US-Handelsvertretung zur britischen TV-Anstalt BBC. Außerdem würde der Start einer solchen Website zur Folge haben, dass die USA weniger in Unternehmen auf dem Eiland investieren.
Erste Einschätzung: Antiguas Filmplattform wäre völlig legal
Antigua nennt die Drohungen der USA "wenig hilfreich" und argumentiert, dass das Verbot ausländischer Online-Glücksspielanbieter der Wirtschaft des Inselstaats massiv geschadet habe, während die US-Regierung mit inländischen Online-Glücksspielanbietern gutes Geld verdiene. Bisher von den USA gemachte Vorschläge, die Streitigkeiten zwischen den beiden Staaten aus der Welt zu schaffen, wurden von Antigua zurückgewiesen. "Wenn man Angebote macht und die nicht akzeptiert werden, hat man den Kern des Problems nicht gelöst", sagt der antiguanische Hochkommissar in London, Carl Roberts, zu dem TV-Sender.
Wenn der Inselstaat mit dem Download-Portal ernst macht, wäre es ein harter Schlag für die US-Content-Industrie. Einem britischen Anwalt zufolge, den der Sender zu der Thematik befragt hat, wäre es völlig legal, als Ausländer Filme von der antiguanischen Website herunterzuladen, solange die Filme in der landestypischen Währung verkauft würden und die Internetplattform nicht aktiv bei ausländischen Nutzern beworben würde.
Ob es sich bei Antiguas "amtlicher Piraterie" mehr um eine Drohung handelt, um die USA zu einer Einigung im Handelsstreit zu bewegen, oder tatsächlich in absehbarer Zeit ein die US-Urheberrechte ignorierendes Film-Downloadportal online gehen wird, ist noch unklar. Ein Anwalt des Inselstaates habe aber im Gespräch mit einem US-Radiosender angedeutet, dass man in Wirklichkeit eine möglichst schnelle Einigung mit den USA anstrebe, berichtet das IT-Portal "Golem".
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