"Ein Shitstorm ist eine plötzlich auftretende, sachfremde, häufig beleidigende und unkontrollierbare Reaktion einer breiteren Netzöffentlichkeit jenseits einer üblichen oder erwartbaren Diskussion", erklärt Jurymitglied Susanne Flach, Sprachwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin. Empörung über vermeintliche oder tatsächliche Verfehlungen von Politikern oder Unternehmern verbreitet sich dabei rasend schnell über Twitter-Beiträge, Facebook-Meldungen und andere Internetkanäle, sodass das Thema binnen kurzer Zeit sehr viele Menschen erreicht.
"Derb, aber durchaus gesellschaftsfähig"
Das Wort habe alle Eigenschaften eines guten Lehnworts, begründet Stefanowitsch das Urteil der Jury. "Shitstorm" bezeichne eine neue Art der Beteiligung an öffentlichen Vorgängen, die durch das Internet erst möglich wurde und für die es deshalb vorher auch kein Wort gab. Das Wort füge sich außerdem problemlos in die Lautstruktur und Grammatik des Deutschen ein. Ein deutsches Wort mit der gleichen Funktion sei dagegen nicht in Sicht. Der Begriff sei zwar derb, aber durchaus gesellschaftsfähig.
Positiver Beitrag zur Entwicklung des Wortschatzes
Seit 2010 kürt der Sprachwissenschaftler jedes Jahr ein englisches Lehnwort, das die deutsche Sprache in besonders interessanter Weise bereichert. "Das Wort muss dabei nicht brandneu sein, aber es muss im betreffenden Jahr erstmals im breiteren Sprachgebrauch aufgetreten sein", so Stefanowitsch. Der Wettbewerb soll das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Entlehnung von Wörtern aus fremden Sprachen ein natürlicher Prozess ist und dass Lehnwörter einen positiven Beitrag zur Entwicklung des deutschen Wortschatzes leisten.
"Das Deutsche wird nicht etwa von überflüssigen Lehnwörtern überflutet, wie es die Sprachpuristen oft behaupten. Stattdessen ist die Entlehnung von Wörtern ein aktiver Prozess, bei dem die deutsche Sprachgemeinschaft gezielt Wörter für neue Technologien und kulturellen Praktiken aus dem Englischen und anderen Sprachen übernimmt und in die deutsche Lautstruktur und Grammatik integriert", so Stefanowitsch.
"Shitstorm" löst "leaken" ab
Der Wettbewerb fand 2010 zum ersten Mal statt, damals wurde das Wort "leaken" ("geheime Informationen gezielt und zum Wohl der Allgemeinheit anonym veröffentlichen") von der Jury und vom Publikum einstimmig auf den ersten Platz gewählt. Die Wörterwahl fand nicht nur im deutschsprachigen Raum Beachtung: Auch der britische "Guardian" berichtete.
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