Studie in Deutschland

Materialwert ungenutzter Handys bei 240 Mio. Euro

Elektronik
16.01.2023 13:13
Porträt von krone.at
Von krone.at

Das Metall ausrangierter Handys in Deutschland reicht aus, um den Materialbedarf für Smartphones für die nächsten zehn Jahre zu decken - rein rechnerisch. Zu dem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Demnach liegt der Gesamtmetallwert der ungenutzten Handys allein in der Bundesrepublik bei rund 240 Millionen Euro.

Der Materialwert der im Jahr 2021 verkauften Smartphones betrage 23,5 Millionen Euro. In einer theoretischen Rechnung könnten demnach die Schubladenhandys den Materialbedarf für neue Smartphones für mehr als zehn Jahre decken, heißt es in dem am Montag veröffentlichten Bericht. Die Autorinnen weisen allerdings darauf hin, die Realität sehe anders aus, „da nicht alle Schubladenhandys dem Recycling zugeführt werden und außerdem komplett recycelbar sind“.

Die Schubladenhandys zählen zur sogenannten urbanen Mine. Sie beschreibt im Gegensatz zur klassischen Rohstoffmine die menschengemachten Rohstoffvorkommen: „Alle Güter, die wir Menschen jemals geschaffen haben“, erklärt Britta Bookhagen von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Diese sogenannten anthropogenen Lager umfassen etwa Brücken, Autos, Häuser, Waschmaschinen - und eben auch Smartphones. Aus den Handys lassen sich zum Beispiel Gold, Kupfer und Nickel gewinnen, aus Autos und Brücken vor allem Stahl.

Zukünftige Quelle für Sekundärrohstoffe
Bei der strategischen Betrachtung der urbanen Mine spiele es zunächst keine Rolle, „ob die Güter noch aktiv genutzt und erst in absehbarer Zukunft freigesetzt werden oder ob sie bereits das Ende ihres Nutzungshorizonts erreicht haben“, schreibt das deutsche Umweltbundesamt (UBA) auf seiner Webseite. Gerade Metalle und Baumineralien verblieben oftmals lange Zeit in Infrastrukturen, Gebäuden und Gütern des täglichen Gebrauchs. „Über Jahrzehnte hinweg haben sich auf diese Weise enorme Materialbestände angesammelt, die großes Potenzial als zukünftige Quelle für Sekundärrohstoffe bergen.“

Rund 1,3 Milliarden Tonnen an Materialien setzt allein die deutsche Volkswirtschaft nach UBA-Angaben jährlich im Inland ein - hier sind sowohl Produkte wie Autos als auch reine Rohstoffe mitgezählt. Vor allem bei Metall- und Energierohstoffen ist Deutschland dabei stark von Importen abhängig, wie aus dem jüngsten Rohstoffsituationsbericht der BGR von Dezember hervorgeht. Besonders bei neu gewonnenen Metallen ist Deutschland dabei so gut wie vollständig importabhängig.

Aber: Die Rohstoffe auf der Welt sind endlich, der internationale Wettbewerb wächst, die Kosten steigen - ebenso wie der Belastungsdruck auf Naturräume und ihre Ökosysteme. Wiederaufbereitung von etwa Metallen oder Baumaterialien kann daher dazu beitragen, die natürlichen Ressourcen der Erde zu schonen - und dabei auch Treibhausgasemissionen, Grundwasserbeeinträchtigung und Biodiversitätsverlust zu reduzieren, sagt Felix Müller, beim Umweltbundesamt für das Thema Urban Mining zuständig.

Mittel zu größerer Unabhängigkeit
Und ein Ausbau hilft nicht nur der Umwelt: „Die Vision ist, unabhängiger von Rohstoffimporten zu werden, vielmehr sollten wir mit der sekundären Gewinnung zu veritablen Rohstoffproduzenten werden. So können wir auch ein neues wirtschaftliches Feld erschließen“, sagt Müller. Mit rund 550 Millionen Tonnen Material pro Jahr werden ihm zufolge die anthropogenen Lager Deutschlands angereichert.

Der Experte sagt: „Solange die Materialbestände so stark wachsen, sind wir von einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft noch weit entfernt. Aber das wachsende Lager birgt das immense Potenzial, Stoffkreisläufe in Zukunft weitaus besser zu schließen als uns dies bislang gelingt. Dafür müssen wir jetzt die Weichen stellen und Rahmenbedingungen anpassen.“ Derzeit werde daher auch von der deutschen Regierung an einer nationalen Urban-Mining-Strategie gearbeitet.

„Bitte nicht in die Schublade“
„Abgebaut“ wird in der urbanen Mine nicht mit Schaufelradbagger und Spitzhacke, sondern durch Recycling - und somit ist es bis zu einem gewissen Teil auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sagt die Geologin Bookhagen. Sie stellt aber klar: „Urban Mining bezieht sich auf Produkte am Ende ihres Lebens.“ Erst wenn alle anderen Wege, etwa reparieren oder weiterverkaufen, ausgeschöpft sind, geht es ums Recycling - „bitte nicht in die Schublade“, sagt Bookhagen.

Derzeit liegt in den deutschen Schubladen ein wahrer Goldschatz. In einer Untersuchung von 2020 kamen Bookhagen und ihre Kolleginnen und Kollegen zu dem Ergebnis, dass in den rund 200 Millionen Smartphones in deutschen Schubladen unter anderem rund 3,4 Tonnen Gold, 1300 Tonnen Kupfer und 520 Tonnen Nickel stecken.

Allerdings ist laut Bookhagen „sehr schwer abzuschätzen, welche Rohstoffe wie und wann zu uns zurückkommen.“ Zum einen sei gar nicht klar, etwa wie viel Stahl oder Aluminium vor 50 Jahren in einem Auto oder einer Waschmaschine verbaut worden sei, noch wie das am sinnvollsten zurückzugewinnen sei und aufbereitet werde. Notwendig sei hier eine bessere Datenlage. „Fest steht: Das urbane Lager wächst und hat einen hohen Wertstoffgehalt.“

Rohstoffhunger zu groß
Das Gewinnen von Rohstoffen aus der urbanen Mine hat viel Potenzial, um unabhängiger von Rohstoffimporten und von steigenden Kosten zu werden, sagt auch Bookhagen. Deutschland und Europa seien im Vergleich zu anderen Teilen der Welt gut dabei. „Aber man darf nicht vergessen: Selbst wenn wir alles aus der urbanen Mine herausholen könnten, würde das unseren Rohstoffbedarf nicht decken“, so die Expertin weiter. Dafür sei der Rohstoffhunger zu groß.

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