18.07.2021 05:00 |

Fühlende Prothese

„Als ob ich normal gehen könnte“

Starke Phantomschmerzen machten Johann Straßnig nach seiner Amputation zu schaffen. In unserer Rubrik „Patienten berichten“ erzählt Straßnig, wie er das Problem in den Griff bekam. 

Zwei schwerwiegende Zwischenfälle stellten das Leben von Johann Straßnig auf den Kopf. „Zunächst hatte ich 1967 als 19-Jähriger einen Zugunfall, bei dem mein rechtes Bein abgetrennt wurde. Es folgten Operationen und ich erhielt eine Prothese, mit der ich auch 20 Jahre lang meinen Beruf ausüben konnte. 1986 jedoch verunglückte ich schwer auf der Baustelle - mein Becken brach und ich hatte innere Verletzungen sowie zusätzlich eine inkomplette Lähmung im linken Bein“, erzählt der Kärntner. Die angepasste Prothese war nicht mehr ideal, außerdem machten ihm stetig schlimmer werdende Phantomschmerzen zu schaffen. „Von Anfang an quälten mich diese Beschwerden“, so der Pensionist. „Ich spürte den Fuß und die Zehen sehr schmerzhaft, ganz so, als wäre die Extremität noch da. Man kann es sich so vorstellen: Immer wieder schießt ein Stich ein, wie bei einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Es hat aber geheißen: Dagegen gibt es nichts.“ Der verzweifelte Mann versuchte es mit Nervenbotox, was aber nach einiger Zeit nicht mehr die gewünschten Linderung brachte. Weiters musste er jahrelang oft zu schweren Schmerzmitteln greifen.

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Man kann es sich so vorstellen: Immer wieder schießt ein Stich ein, wie bei einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Es hat aber geheißen: Dagegen gibt es nichts.

Johann Straßnig

Ein Zeitungsartikel veränderte das Leben
„Zufällig las ich in der Zeitung von der ,fühlenden’ Prothese, die auch gegen Phantomschmerzen helfen soll“, erzählt der Familienmensch, der seine Freizeit gerne in der Natur verbringt. „Es wurden Probanden für eine Studie gesucht und ich meldete mich über meine Grazer Prothesenversorgung rasch an. Nach einer Ganganalyse konnte ich das Bein gleich ausprobieren. Sofort habe ich eine Veränderung gespürt. Beim Auftreten entstanden Gefühle im Fuß, ganz so, als würde ich wirklich mit meinen Zehen auftreten.“ Begeistert von dieser neuen Art der Prothese zeigt sich auch Dr. Wolfgang Schaden, stellvertretender ärztlicher Direktor der AUVA: „In unseren Rehabilitationseinrichtungen sehen wir: Bei Amputierten treten oft Beschwerden auf, vor allem sind das Phantomschmerzen und fehlende Sensibilität. Es kommt nämlich keine nervliche Rückmeldung von der Fußsohle an das Gehirn. Der Betroffene erkennt nicht, ob es sich z. B. um schiefen Boden handelt, er geht unsicher. Sturzgefahr droht!“

Vibrationen regen die Nerven wieder an
Die Idee zur „fühlenden Prothese“ war dann folgende: Man stattet den künstlichen Fuß mit Drucksensoren aus, welche über ein spezielles Gerät Vibrationen an die gesunde Haut, etwa am Oberschenkel, senden. „Die Frage war natürlich: Erkennt die Haut das? Kommen diese Signale im Hirn an?“, beschreibt Dr. Schaden. „Doch sogar bei einem Mann, der ohne Unterschenkel geboren wurde, also noch nie echte Gefühle im Bein hatte, konnten solche geschaffen werden! Wir müssen aber erst testen, welcher Patient dafür wirklich in Frage kommt.“Nur noch bei starken Attacken Medikamente Johann Straßnig zählte dazu: „Ich war begeistert, dass es sich so anfühlte, als ob ich normal gehen könnte. Und das Beste: Die Prothese linderte ebenfalls die schlimmen Phantomschmerzen. Ganz weg gehen diese zwar nicht, aber ich freue mich, dass sie um 60 Prozent weniger geworden sind. Nur wenn die Attacken sehr stark sind, benötige ich noch Tabletten.“ Dr. Schaden erklärt: „Selbst wenn das Körperglied gar nicht mehr da ist, versuchen Nerven Informationen an das Gehirn zu schicken, da sie eine ,Beschäftigung’ benötigen. Das passiert jedoch ohne Ordnung sowie Ziel und äußert sich meist sehr schmerzhaft. Die Vibrationen geben den Nerven wieder Arbeit, was sie ,besänftigt’.“

Derzeit wird daran geforscht, diese Prothese auch für die oberen Extremitäten nutzbar zu machen. Der ehemalige Skispringer Mag. Toni Innauer, Mitbegründer des Startups: „Eine spannende Idee, die in der Praxis vielen Betroffenen helfen kann, ihre Lebensqualität und Mobilität zu verbessern.“ Solchen Menschen wie Johann Straßnig, der sein Leben wieder bewegt verbringt: „Ich bin den ganzen Tag auf den Beinen, beim Gärtnern oder im Pool sowie beim Fischen am Fluss. Die neue Prothese macht alles leichter und besser!“

Innovative Hilfe für Betroffene

Ein spezieller Sensorsocken nimmt die Abrollbewegungen beim Gehen auf und überträgt diese „Empfindungen“ an ein Set von vibrationssensiblen Teilen, die am Stumpf des Beins aufgebracht werden. Auf diese Weise überträgt der Prothesenfuß laufend die Informationen. Weitere Informationen finden Sie hier.

Eva Greil-Schähs
Eva Greil-Schähs
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