Fr, 16. November 2018

Für Reha-Patienten

26.10.2018 06:00

Von Astronauten lernen

Was der menschliche Organismus im Weltall durchmacht, wird erforscht und kann so auch Patienten auf der Erde nutzen. Die Erkenntnisse dienen der besseren Betreuung lange liegender Patienten, etwa im Koma bei der Rehabilitation.

Als der US-Astronaut Scott Kelly und sein russischer Kollege Michail Kornienko nach fast einem Jahr im Weltraum 2016 wieder auf der Erde landeten, mussten ihnen die Hilfskräfte buchstäblich unter die Arme greifen, um aus der Kapsel auszusteigen - die beiden Himmelsstürmer waren zu geschwächt, um zu gehen. Ihre Muskeln hatten viel an Substanz verloren. Ein Phänomen, das schon lange bekannt war - topfitte russische Kosmonauten aus den Anfängen der Raumfahrt verloren ihre Muskelmasse teilweise komplett und behielten diese Einbußen ihrer Mobilisation das restliche Leben lang.

Der gesamte Körper reagiert im Weltall
„Nicht nur die Muskeln leiden jedoch im Weltraum“, erklärt Priv.-Doz. Dipl.-Ing. Dr. Stefan Golaszewski, Universitätsklinik für Neurologie Salzburg und Leiter des Karl-Landsteiner-Instituts für Neurorehabilitation und Raumfahrtneurologie. „In der Schwerelosigkeit bleibt kein Körpersystem unverändert. Schon nach wenigen Stunden im All kann eine Beeinträchtigung des kardiovaskulären und des Immunsystems, aber auch etwa der Brechkraft der Augen festgestellt werden. Das Herz vermag nicht mehr so kräftig zu pumpen, die Gefäße sich nicht mehr eng- und weitzustellen.“

Verbleibt der Astronaut nur zwei, drei Wochen in der Schwerelosigkeit, sind diese Folgen rückgängig zu machen. Bei längeren Aufenthalten müssen auf jeden Fall Gegenmaßnahmen getroffen werden. In Weltraumanzügen finden sich deshalb Vibrations-, Elektro- oder Magnetstimulatoren, welche die Muskeln dauernd „zur Arbeit“ anregen. Österreichische Ärzte waren bereits in den 1990er-Jahren daran mitbeteiligt herauszufinden, wie diesen und den oben genannten weniger bekannten Abbauproblemen der Astronautenkörper beizukommen ist.

Was letztlich allen Menschen zugutekommt: In der modernen Rehabilitation werden die Muskeln Bettlägeriger im Rahmen der Physio- und Ergotherapie ebenfalls regelmäßig stimuliert, oft nicht nur im Liegen mittels Geräten, welche Tennisschlägern ähneln, sondern auch auf Vibrationsplatten oder -sitzen. Laut Dr. Golaszewski ist besonders wichtig, dass sich die Behandlungsmuster stets abwechseln, da sich der Körper ansonsten daran anpasst und die Muskeln nicht weiter angeregt werden.

„Außerdem weiß man durch diese Versuche, dass die Schwerkraft und auch eine aufrechte Haltung für den Organismus unglaublich wichtig sind“, so der Neurologe. „Menschen, die sich zu wenig in vertikaler Position aufhalten, was auch schon bei älteren Patienten der Fall sein kann, haben mit Gebrechlichkeit und körperlichen Einbußen wie Veränderungen im Muskel- und Skelettsystem oder kardiovaskulären Bereich zu kämpfen. Diese Symptome sind auch unter ,Bedrest-Syndrom‘ bekannt.“

Koma-Patienten werden in den Betten aufgestellt
Im Koma Liegende müssen aus diesem Grund ebenfalls mit der sogenannten „Vertiko-Therapie“ behandelt werden. Mittels „Liftern“ können die Betten der Betroffenen so hoch gefahren werden, dass diese - natürlich fixiert - gleichsam aufrecht stehen.

„An der Universität Salzburg untersuchten wir das ,Bedrest-Syndrom‘ vor Kurzem näher, indem wir die Herz-Kreislauf-Parameter und Labordaten sowie den Augeninnendruck solcher Patienten regelmäßig bestimmten sowie alle zwei Tage Fotos der Gefäßveränderungen dokumentierten“, so Dr. Golaszewski. „Diese Forschung auf Grundlage der Erfahrung durch die Weltraumflüge wird künftig noch besser aufzeigen, wie man Spätschäden bei lange liegenden Patienten verhindern kann. Schließlich sollte es nicht passieren, dass jemand aus dem Koma aufwacht und sich dann mit weiteren verhinderbaren gesundheitlichen Problemen konfrontiert sieht.“

Eva Greil-Schähs, Kronen Zeitung

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