Fr, 22. Juni 2018

„Bin nicht verrückt!“

22.04.2018 12:00

Zu Hause bei Porsche-Sammler Magnus Walker

Schreiend davonlaufen würde mancher Porsche-Fan angesichts der Marotten eines Sammlers auf der anderen Seite des Erdballs. Und trotzdem ist mancher seiner historischen 911 dreimal so viel wert wie ein original restaurierter. Uns hat er fünf seiner außergewöhnlichsten Exemplare gezeigt.

Ein rostiges Tor zwischen zwei Backsteingebäuden, in einer heruntergekommen Gegend in Downtown Los Angeles. Wer würde hier eine exklusive Sammlung historischer Porsche erwarten? Zu Fuß kommt Magnus Walker angeschlendert, einen großen Coffee-to-go in der Hand. Auch ihn erkennt man nicht auf den ersten Blick als Mann mit rund 20 Porsche-Pretiosen in der Garage. Übrigens auch nicht auf den zweiten oder dritten - aber das ist etwas, was seine Bekanntheit und den Marktwert seiner Autos eher noch steigert.

Walker trägt an diesem Tag ein abgetragenes T-Shirt über einem bis zu den Ellenbogen hochgeschobenen Longsleeve, so dass seine Tattoos zu sehen sind, enge Jeans und leicht staubige Doc-Martens-Schuhe. Das sieht man aber frühestens auf den zweiten Blick, wenn man nicht mehr fasziniert auf seine Haare starrt: Dreadlocks, von denen einige bis zur Hüfte reichen, und ein langer Zottelbart. Wenn man das Wort „unangepasst“ bebildern müsste, wäre er die perfekte Besetzung. Für „verwahrlost“ auch.

Wer den 50-Jährigen darauf allerdings beschränkt, hat ihn unterschätzt. Mit seiner unangepassten Haltung hat es der britische Junge aus kleinen Verhältnissen in Amerika zu einem erfolgreichen Klamottenlabel („Serious Clothing“, mittlerweile geschlossen) und einer renovierten Lagerhaus-Landschaft gebracht, die heute als Filmlocation vermietet wird. Längst ist sein Aussehen zur Marke geworden, hat einen hohen Wiedererkennungswert. Womöglich sogar in Deutschland, wo jüngst seine Biografie erschienen ist, die „Urban Outlaw“ heißt, „Gesetzloser“, so wie er selbst seit einigen Jahren genannt wird und wie unter anderem auch sein Fanartikel-Label oder von ihm gestaltete Felgen heißen.

Dass er seinem Ruhm Kapital schlagen würde, kann man allerdings auch nicht behaupten. Mit der Vermietung seines Lagerhauses im Art Disctrict in Downtown Los Angeles kommt das Geld rein, Walker widmet sich seit vielen Jahren der Restauration und Personalisierung historischer Porsche in seinem ganz speziellen Stil. Allerdings nur zum Spaß, nicht zum Geldverdienen: Den letzten Magnus-Walker-Porsche verkaufte er vor vier Jahren auf einer Auktion - für etwa das dreifache, was das Modell im restaurierten Zustand normalerweise wert gewesen wäre. Während die allermeisten anderen Sammler historischer Porsche bei einer Restauration oft viel Geld und womöglich auch Nerven investieren, damit ihr Schmuckstück so nah wie möglich in den Originalzustand versetzt wird, ist das Walker völlig egal.

Der Alltagswagen:
Beispielhaft für diese Haltung ist schon der erste Porsche, der uns in den Weg kommt, sein Alltagsauto: Im Hof steht ein staubiger, silberner 924 Turbo aus dem Jahr 1980, Walker hat ihn vor drei Jahren für 4500 Dollar erstanden. „So wenig habe ich noch nie für ein Auto bezahlt, das fährt.“ Und wie viel hat er dann noch reingesteckt? „Nichts.“ Aber was musste denn noch daran gemacht werden? Er guckt, als hätte er die Frage nicht verstanden: „Nichts.“ Und so sieht der 924er halt auch aus: Die Felgen haben ebenso Macken wie die Stoßstange, der Lack ist auch nicht mehr ganz frisch. „Ich mache mir keine Gedanken darüber, wenn Dinge nicht perfekt sind“, sagt Walker. „Er ist ein cooles Auto zum Fahren.“

Das Lieblingsauto:
Das gilt auch insbesondere für den „277“ - sein wohl bekanntester Elfer ist auch Walkers liebster: Der weiß-rote 71er 911T mit der Startnummer 277 auf der Haube und an den Seiten. Es ist der zweite Porsche, den er jemals gekauft hat, 1999 für 7500 Dollar. Walker modifizierte ihn mit RS-Verbreiterungen und Entenschwanz, optimierte ihn in Sachen Aufhängung und Bremsen für die Rennstrecke. Das Auto hatte bereits vier Motoren im Heck, gebrauchte Triebwerke mit 2,7 oder 2,6 Liter Hubraum, derzeit letzteren mit 230 PS. „Es ist das Auto, mit dem ich mich am wohlsten fühle - aber eigentlich nichts Besonderes.“ Seinen exzessiven Gebrauch, auch auf Track-Days, sieht man dem 277 an, nicht zuletzt an dem völlig abgewetzten Sportsitz auf der Fahrerseite.

Der „gesetzloseste“ 911:
Der „Outlaw“-Porsche schlechthin in der Sammlung ist ein schiefergrauer 964 - der allerdings weniger rebellisch aussieht, als es sich anhört - er ist einfach nur sehr anders.  „Die DNA ist intakt, alles andere habe ich geändert“, so Walker. Und so ist der 911 von Anfang der 90er zwar sofort als Elfer zu erkennen, aber nicht nur dem Experten fallen die Veränderungen auf. So ist die Karosserie komplett abgerundet, die Blinker sind einzeln in die Karosserie eingelassen, es gibt Lüftungsschlitze auf den Kotflügeln und eine breite Kontur führt - wie ein Rallyestreifen, nur als Sicke - von der Haube über das Dach über den ebenfalls neuen Entenschwanz. „Vier Monate haben die Karosseriearbeiten gedauert.“ Auch Bremsen, Aufhängung und Motor sind neu. Was dieser Komplettumbau gekostet hat? Er hat es sich nicht aufgeschrieben. „Natürlich könnte ich eine Serie von fünf oder zehn Exemplaren machen und sie dann verkaufen. Aber dann hätte ich keine Zeit für andere Sachen“, so Walker. „Ich bin 50 geworden, es geht mir mehr darum, das Leben zu genießen.“

Das aktuelle Projekt:
Aufgebockt steht im Erdgeschoss ein 76er Carrera, der möglicherweise in den nächsten drei Monaten fertig sein könnte („Ich plane das nicht.“). Mit fast kindlicher Freude lässt er seine Besucher rätseln, was an dem Auto so besonders sein könnte. „Ich wusste selbst nicht, dass es ihn gibt.“ Er deutet auf den neben der Karosserie liegenden Motor: „Das ist ein 2,7-Liter-Einspritzer, vom Vorgänger übrig geblieben. In dieser Kombination wurden nur 113 gebaut, “das ist der älteste Überlebende.„ Dieser besondere 911 bekommt nur eine mechanische Auffrischung, Rost und Macken sollen bleiben. Er wird Walkers neues Alltagsauto.

Der heilige Gral:
Hinten in seiner Garage, hinter drei Reihen 911, gibt es noch ein Tor. Dahinter liegt ein Raum, den laut Walker sonst kaum jemand Fremdes betritt. Unter einer Plane steht hier, was der Sammler seinen “heiligen Gral„ nennt: ein weißer 911 Baujahr 1964, das erste Baujahr des Elfers. Als er anfing zu sammeln, war Walkers Ziel, einen 911 aus jedem Jahr von 1964 bis 1973 zu besitzen. “Ich habe ihn gekauft, bevor die Preise verrückt wurden„, sagt Walker. Der 64er steht hier seit mehreren Jahren unberührt. “Es ist ein großes, wichtiges Projekt, braucht viel Aufmerksamkeit und Zeit„, die habe er noch nicht gehabt. Und was hat er vor, wird das auch ein Outlaw-Auto? Sein Blick ist fast schon entsetzt: “Ich bin doch nicht so verrückt, dass ich dieses Auto tunen würde!"

(SPX)

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