So, 24. Juni 2018

Täter oft unbekannt

12.04.2018 12:33

Sexuelle Belästigung im Netz: Jeder 3. betroffen

27 Prozent der Elf- bis 18-Jährigen in Österreich sind schon sexueller Belästigung im Internet ausgesetzt gewesen. Mädchen geraten mit einem Anteil von 40 Prozent fast dreimal häufiger in solche Situationen als Burschen, so Raphaela Kohout vom Institut für Jugendkulturforschung bei einer Pressekonferenz in Wien. Die Täter sind oft Unbekannte und meist viel älter als die Betroffenen.

Neue Freunde finden und sich verlieben - das passiert für Jugendliche heute laufend, ob in Online-Spielen, auf Chat-Portalen oder Instagram. Dass sie dabei mitunter „ungut angegangen werden“ - bis hin zu strafrechtlich relevantem Missbrauch -, werde von vielen als „normal“ empfunden.

„Obwohl wir tagtäglich mit dem Problem konfrontiert sind, waren wir sehr schockiert, wie sehr sich Jugendliche mit sexueller Belästigung im Internet abgefunden haben“, sagt Elke Prochazka, Psychologin bei Rat auf Draht, der Jugend-Notrufnummer. Rat auf Draht und SOS-Kinderdorf, das die Beratungsstelle seit 2014 führt, waren Auftraggeber der Umfrage unter 400 Elf- bis 18-Jährigen.

Die Erlebnisse reichen von unangenehmen sexuellen Fragen bis hin zu eindeutigem Missbrauch. Häufig erhalten Kinder ungefragt Nacktfotos oder -videos. 20 Prozent ist so etwas bereits passiert. Etwas mehr als zehn Prozent der Befragten wurden erpresst, zum Beispiel mit intimen Fotos. Vier Prozent gaben an, jemand habe gegen ihren Willen Nacktbilder von ihnen veröffentlicht oder weitergeschickt.

Erfahrungen mit Cyber-Grooming, der Online-Anbahnung von Sexualkontakten mit Kindern und Jugendlichen, haben 14 Prozent gemacht. Bei den Mädchen liegt der Anteil sogar bei 22 Prozent.

„Jugendliche fühlen sich ohnmächtig“
Die häufigste Gegenmaßnahme ist die Blockier- und Sperrfunktion (52 Prozent). Knapp ein Viertel meldet den Betreffenden dem Seitenbetreiber, fast ebenso viele versuchen es mit der Änderung der Privatsphäre-Einstellungen. Nur 16 Prozent holen sich Hilfe bei den Eltern, jeweils vier Prozent bei Lehrern oder einer Beratungsstelle.

Die Jugendlichen fühlten sich gegenüber den Online-Übergriffen ohnmächtig und teilweise auch mitverantwortlich, sagte Prochazka. Hier müsse klargestellt werden: „Egal wie man sich präsentiert, die Schuld liegt immer beim Täter.“

Bis zu zwei Jahre Haft
Rechtlich ist die Lage eindeutig, betonte Kohout. Beispiel Cyber-Grooming: Wer Kinder unter 14 auffordert, pornografische Fotos von sich zu schicken, sich vor der Webcam auszuziehen, oder wer sie mit der Absicht des sexuellen Missbrauchs zu einem Treffen zu überreden versucht, dem drohen bis zu zwei Jahre Haft. 56 Prozent der Befragten wussten nicht, dass solches Verhalten strafbar ist. Folgerichtig gehen nur acht Prozent zur Polizei, wenn sie im Internet sexuell belästigt wurden.

Christian Moser, Geschäftsführer von SOS-Kinderdorf forderte deshalb, die Seitenbetreiber und sozialen Medien stärker in die Pflicht zu nehmen sowie eine effektivere Strafverfolgung samt besserer Ausbildung von Polizisten, damit Betroffene, die doch eine Anzeige machen, nicht „abgespeist“ werden, was mitunter vorkomme.

Eltern maßlos überfordert
Die Studie zeigt auch erneut, dass Kinder das Internet sehr frei nutzen können. Mehr als 60 Prozent tun dies völlig uneingeschränkt. 21 Prozent gaben an, für einen begrenzten Zeitraum surfen zu dürfen, neun Prozent dürfen nur bestimmte Seiten besuchen. Nur bei jeweils fünf Prozent kontrollieren die Eltern die Online-Aktivitäten bzw. haben Filter aktiviert.

„Schutz durch Verbote und Filter ist leider ein Trugschluss“, sagte Prochazka. „Kinder müssen spüren können, was ihnen unangenehm ist, und sollten dazu auch Gegenstrategien in die Hand bekommen. Das geht nur, wenn man sie auf dem Weg ins Internet begleitet.“

Eltern seien damit aber maßlos überfordert. Warnen ohne zu informieren gehe ins Leere: „Um über sexuelle Belästigung zu sprechen, muss vorher schon über Sexualität gesprochen worden sein.“ Das meist im Alter von zwölf oder 13 am Programm stehende Aufklärungsgespräch komme da viel zu spät, meint die Psychologin.

 krone.at
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