"Pimpe den Penner"

Wirbel um ersten Online-Sandler der Welt

Web
10.03.2009 11:37
Seit 2004 lebt Tim Edwards auf der Straße. Das wenige Geld, das er beim Betteln im texanischen Houston "verdient", reicht gerade, um genug für Essen, Trinken und Zigaretten zu haben. Alle Versuche des 37-Jährigen, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen, scheiterten bislang. Neue Hoffnung, eines Tages wieder ein normales Leben führen zu können, schöpft der erste Online-Sandler der Welt nun aus einer ungewöhnlichen Website.

"Pimp my bum" – auf Deutsch "Motze den Penner auf" – nennt sich die Website (siehe Infobox), die mit Fotos, Videos und Texten einen Einblick in das Leben auf der Straße gibt, um den sozialen Absturz vom Angestellten mit Haus, Auto und einer Zukunft zum Obdachlosen ohne Hoffnung und mit wenig Aussicht auf Hilfe zu verdeutlichen. Das aber soll sich ändern: Die Besucher sollen spenden oder im Online-Shop ein T-Shirt, eine Kappe oder Fotokarten kaufen. Schließlich geht es darum, Tim Edwards für ein besseres Leben zu präparieren.

"Ich bin der erste Online-Sandler der Welt", scherzt Edwards, der sich mit 37 Jahren einen schwarzen Humor und eine Ehrlichkeit bewahrt hat, die nichts beschönigt. "Die Idee ist, mit diesem Projekt die Leute von der Straße zu bekommen. Ich bin der Pionier, aber ich habe Freunde hinter mir. Wenn ich das nicht richtig hinkriege, dann wird es für sie nicht klappen." Und so stellt sich Edwards geduldig den regelmäßigen Webcasts, um Fragen zum Leben auf der Straße zu beantworten.

Kritik an Online-Projekt
Doch es gibt auch Kritiker, die Edwards vorwerfen, ein Opfer des Systems zu sein und jetzt nur auf andere Weise ausgebeutet zu werden. Zu ihnen gehört auch Anthony Love, Vorsitzender der Coalition for the Homeless im Bezirk Houston/Harris. Er stört sich allein schon am Namen der Website: "Er ist eine Person. Sein Name ist Tim. Und irgendjemand aufzumotzen, ist auch nicht etwas, das ich unterstützen würde."

Die Organisatoren des Projekts halten dagegen, dass es gerade der schräge Tonfall ist, der dem Anliegen der Obdachlosen einen ehrlichen Ausdruck verleiht. "Wenn wir die Website 'Helft den Obdachlosen' genannt hätten, dann wäre die Resonanz vermutlich weit geringer gewesen", sagt Sean Dolan, der gemeinsam mit seinem Vater, Marketing-Spezialist Kevin Dolan, die Idee zu diesem Projekt hatte. Eigentlich wollten die beiden nur eine neue Art von Werbekampagne testen, dann kam die Idee auf, damit irgendetwas Sinnvolles zu verbinden. Inzwischen haben sich die Leute offenbar in Edwards verliebt, sagt Vater Dolan. "Er ist ulkig und er macht nicht die ganze Welt für seine Lage verantwortlich."  

Erste Erfolge für Edwards
Edwards kümmert die von der Website ausgelöste Debatte herzlich wenig, schließlich hat sich für ihn bereits einiges zum Positiven verändert. Nicht nur, dass Autofahrer anhalten und ihm etwas zu essen bringen. Demnächst geht es für ihn auch nach Seattle - zu einer Entziehungskur, die ihm die Reha-Einrichtung Sunray Treatment and Recovery spendiert. Das 35-Tage-Programm kostet normalerweise 13.800 Dollar (10.983 Euro).

"Das ist so verrückt, dass es funktionieren könnte"
Der erste Online-Sandler der Welt gibt allerdings zu, anfangs misstrauisch gewesen zu sein, als ihm Sean Dolan den Vorschlag einer eigenen Website machte. Es war ein Abend Anfang Februar, als er mit anderen Obdachlosen unter der Unterführung hockte und dabei war, "sich zulaufen zu lassen, wie wir es immer tun". Dann fing er an zu lachen. Und jetzt sieht er in dem ungewöhnlichen Unterfangen die Antwort auf ein Gebet: "Ich habe zu Gott gebetet, dass es Hilfe regnen soll. Und da kommen auf einmal diese Leute. Da dachte ich, das ist so verrückt, dass es funktionieren könnte."

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