Heilen durch Pieksen

Kleine Sticheleien gegen chronische Beschwerden

Gesund
23.04.2010 12:26
Es wirkt. Und selbst wenn es nicht wirkt, wirkt es doch. Heilen durch Pieksen ist vom Nischentrend zum Massenphänomen geworden. Seit sogar die Krankenkassen dafür zahlen, gehört Akupunktur in vielen Praxen zum festen Repertoire. Behandelt werden können zum Beispiel Migräne, Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Nervosität und Stress.

Der Hamburger Arzt Helmut Rüdinger ist Spezialist auf dem Gebiet und behandelt seit 28 Jahren mit den kleinen silbernen Nadeln. Etwa 10 bis 15 davon sticht er bei einer durchschnittlichen Sitzung in die Haut eines Patienten. Bei gesunden Sportlern mit Rückenproblemen sind es auch schon mal bis zu 50 Nadeln. "Dann ist der ganze Körper voll, vom Nacken bis zu den Fersen."

Ablenkungsmanöver, bevor die Nadel kommt
Ein bis zwei Zentimeter tief bohren sich die Spitzen ins Fleisch. Schmerzhaft sei das trotzdem nicht. "Da gibt es Methoden", sagt Rüdinger. "Wenn jemand einen Karate-Schlag ausführt, schreit er und atmet in diesem Moment aus." Übertragen auf die Akupunktur: einatmen, dann stoßartig ausatmen, in diesem Moment wird gestochen. Ein anderer Trick: Einen Sekundenbruchteil bevor die Nadel kommt, klopft Rüdinger mit der Fingerkuppe auf die Haut - als Ablenkungsmanöver.

Die Prozedur findet große Akzeptanz. Die meisten Patienten kommen wegen chronischer Schmerzen in die Praxis des Akupunktur-Spezialisten - Kopfschmerzen und Migräne, aber auch Schmerzen in der Wirbelsäule und des Bewegungsapparates. Häufig behandelt Rüdinger auch psychosomatische Beschwerden. "Bei Schlafstörungen, Nervosität und Stress wirkt Akupunktur erstaunlich gut." In der Regel sind für eine erfolgreiche Therapie etwa zehn bis 15 Sitzungen nötig, eine oder zwei pro Woche. Bei akuten Schmerzen, wenn beispielsweise jemand mit einem Hexenschuss kommt, reiche aber oft schon ein einziger Termin aus.

Weg vom Pillenschlucken
Die Kunst der Akupunktur kommt ursprünglich aus China und ist schon mehr als 2.000 Jahre alt. Rüdingers Begeisterung für die alternative Behandlungsmethode geht bis auf die 70er-Jahre zurück. Damals waren es noch wenige, die sich in Europa damit beschäftigten. Antrieb war ihm auch die Ablehnung von einigen "Unarten" der westlichen Medizin. Dass alles einfach durch Schlucken von Pillen bekämpft wird, davon wollte er sich befreien - und damit letztlich auch von der Abhängigkeit von der Pharmaindustrie. "Bei der Akupunktur kommt es viel mehr auf die Beziehung zwischen Arzt und Patient an", sagt Rüdinger.

Nach der uralten chinesischen Überlieferung entstehen Schmerzen, wenn die Lebensenergie im Körper nicht mehr frei fließen kann. Eventuelle Stauungen können demnach durch Nadelstiche an ganz bestimmten Akupunkturpunkten beseitigt werden. Zahlreiche Studien der westlichen Medizin haben bestätigt, dass es funktioniert.

Allerdings wurde ebenso bewiesen, dass Akupunktur auch mit stumpfen Nadeln funktioniert, ganz ohne Einstechen. In einem groß angelegten Modellprojekt wurde zudem gezeigt, dass eine Schein-Akupunktur mit beliebig ausgewählten anderen Punkten fast genauso wirksam sein kann. Für Rüdinger stellt dies jedoch keinesfalls die Methode an sich infrage. Im Gegenteil: Akupunktur könne gegen ein noch viel breiteres Spektrum von Erkrankungen helfen als das, in dem sie bislang eingesetzt wird. 

Richtige Einstellung entscheidend
Bei der Wahl der richtigen Praxis sollte der Patient vor allem darauf achten, dass sich der Arzt Zeit nimmt. "Das Wichtigste ist, dass das nicht im Akkord gemacht wird. Es gibt Praxen, die machen 50, 60 Akupunkturbehandlungen am Tag", sagt Rüdinger. Genauso wie der Arzt sich für eine erfolgreiche Akupunktur die nötige Zeit nehmen muss, so muss dies allerdings auch der Patient tun. Denn nicht bei jedem schlägt die Behandlung an. Das hänge bestimmt auch von Veranlagungen ab, sagt Rüdinger. Es komme aber auch stark darauf an, dass man sich auf die Akupunktur einlasse.

Akupunktur in Österreich
In Österreich übernehmen die Gebietskrankenkassen unter bestimmten Voraussetzungen die Behandlung. Da sich diese immer wieder ändern und nicht in allen Bundesländern gleich sind, empfiehlt es sich, bei der eigenen Kasse zu nachzufragen. Für welche Beschwerden können die Kosten eingereicht werden? Wird alles bezahlt oder nur ein Teilbetrag? 

Mehr dazu findest du in den weiterführenden Links zum Thema.

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